Mo., 19.08.2019

Firma Ars Colendi restauriert wertvolle Schmiedearbeit für die Rubens-Ausstellung Ein besonderes Gitter

Christiane Ruhmann und Matthias Rüenauver schauen sich die Seitenteile des ehemaligen Chorgitters genau an. Wie groß sind die Rostschäden?

Christiane Ruhmann und Matthias Rüenauver schauen sich die Seitenteile des ehemaligen Chorgitters genau an. Wie groß sind die Rostschäden? Foto: Dietmar Kemper

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). Es ist nicht einfach nur ein Gitter. Es ist ein Kunstwerk und mehr als 360 Jahre alt. Die Paderborner Firma Ars Colendi restauriert die wertvolle Schmiedearbeit für die große Rubens-Ausstellung im kommenden Jahr im Diözesanmuseum. Konkret handelt es sich um Seitenteile des Gitters vor dem Hochaltar im Paderborner Dom.

In seiner Werkstatt begutachtet Restaurator und Geschäftsführer Matthias Rüenauver das ehemalige Chorgitter auf Rostschäden, Verschmutzungen und die Zahl der Farbschichten. Drei Seitenteile sind zu überarbeiten. »Das Gitter ist recht stabil, man muss keine Sorgen haben, dass es ausein­anderfällt«, stellt der Experte fest. Die Teile aus Eisen wurden 1654 in der Werkstatt des Kunstschmieds Christian Schmitt in Dringenberg gefertigt. In Auftrag gegeben hatte das Gitter der Fürstbischof Dietrich Adolph von der Recke, der die barocke Umgestaltung des Domes maßgeblich vorantrieb und dafür die Brüder Antonius und Ludovicus Willemssens aus Antwerpen nach Paderborn geholt hatte.

Der Maler und der Bildhauer stammten aus der Schule von Rubens, dem das Diözesanmuseum vom 29. Mai bis 25. Oktober 2020 die Ausstellung »Peter Paul Rubens und der Barock im Norden« widmet. »Eine große Zahl von Rubenswerken ist uns bereits zugesagt worden«, berichtet die Kunsthistorikerin und Mitkuratorin Christiane Ruhmann. Etwa 150 Exponate werden demnach zu sehen sein, darunter eben auch das Gitter aus dem Jahr 1654. Aber was macht es so besonders?

»Das erstes Perspektivgitter im deutschsprachigen Raum«

»Es ist das erste Perspektivgitter im deutschsprachigen Raum«, antwortet Ruhmann. Perspektivgitter bedeutet, dass dessen Macher das Prinzip der Zentralperspektive umsetzten und durch die Gestaltung den Blick der Gläubigen gezielt auf etwas lenken wollten. In diesem Fall seien es der Altar und das dortige Gemälde mit der Geburt Jesu gewesen, erläutert Ruhmann. Was heute in Zeiten von 3D wenig spektakulär erscheint, war es damals sehr wohl. Die Pfeiler des Domes, die Altäre und Gitter vor den Kapellen strukturierten den Raum und lenkten nicht nur die Blicke der Gläubigen, sondern auch ihre Schritte.

Hinzu kamen schmerzerfüllte oder tief fromm schauende Heiligen- und Madonnenfiguren, die die Betrachter berühren sollten. »Die Bildmächtigkeit solcher Inszenierungen darf nicht unterschätzt werden«, betont Christiane Ruhmann. Der barocke Dom sei wie ein heiliges Theater (theatrum sacrum) gestaltet gewesen. Und mit dem Perspektivgitter hätten der Fürstbischof und das Domkapitel demonstriert, »dass man künstlerisch auf der Höhe und am Puls der Zeit war«.

Schutz und Kunstwerk zugleich

Das Gitter hatte aber auch einen profanen Zweck. »Es trennte den Chorraum mit seinem wertvollen Altargerät wie den silbernen Leuchtern vom Raum für die Laien«, erläutert Matthias Rü­enauver. Damit habe es vor Diebstahl geschützt. Der spätere Umgang mit den Gittern im Dom ist eine unrühmliche Geschichte. Sie wurden kaum beachtet, kaum gepflegt und wie 1970 zeitweise aufgrund von Grabungen ganz entfernt. »Das Chorgitter wurde kunstgeschichtlich unterschätzt«, fasst Rüenauver zusammen.

Heute sind dessen Teile wieder unter der Domorgel, in der katholischen Pfarrkirche in Borchen-Etteln und zur Zeit eben in der Werkstatt von Ars Colendi zu sehen. Das Hauptaugenmerk seiner Arbeit liege auf der Reinigung, Wiederherstellung und der Präsentation in der Ausstellung möglichst nah am Urzustand, berichtet Rüenauver (54). An den 1,80 Meter hohen Teilen hat er bereits orangefarbene Stellen entdeckt: »Sie verweisen auf die Verwendung von Bleimennigen, einem Präparat, das das Rosten stoppen soll.« Weil es aus Bleioxid besteht und giftig ist, wird es heute nur noch an Fachkräfte verkauft.

Für die Rubens-Ausstellung wird auch das Altarbild mit der Geburt Jesu restauriert. »Es wurde im Zweiten Weltkrieg durch eine Bombe zerfetzt«, weiß Christiane Ruhmann (52). Nur noch der Holzrahmen habe gestanden. Aus den Fetzen werde jetzt das Original rekonstruiert. Ruhmann: »Das ist wie ein großes Puzzle.«

Barocker Dom wird virtuell zu sehen sein

Zu den Attraktionen der Ausstellung soll auch die virtuelle Darstellung des Paderborner Doms im Barockzeitalter werden. Diese Aufgabe übernimmt die Firma Architectura Virtualis aus Darmstadt. Darin werden dann auch die Gitter zu sehen sein, die weit mehr waren als nur eine Absperrung. Einen Vorgeschmack auf die Ausstellung gibt das Diözesanmuseum während der »Museumsnacht« am Samstag, 31. August, von 18 bis 23 Uhr.

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