Mi., 21.08.2019

Letzte-Hilfe-Kurse geben Angehörigen Wissen und Sicherheit bei der Sterbebegleitung Den letzten Weg gemeinsam gehen

Angehörige auf ihrem letzten Lebensabschnitt in den eigenen vier Wänden zu begleiten, ist für immer mehr Menschen wichtig. In einem Kursus des Ambulanten Hospizdienstes St. Johannisstift erfahren diese Menschen, was sie bei dieser Aufgabe erwartet.

Angehörige auf ihrem letzten Lebensabschnitt in den eigenen vier Wänden zu begleiten, ist für immer mehr Menschen wichtig. In einem Kursus des Ambulanten Hospizdienstes St. Johannisstift erfahren diese Menschen, was sie bei dieser Aufgabe erwartet. Foto: dpa

Von Sonja Möller

Paderborn (WB). Am Ende eines jeden Lebens steht der Tod. Das ist eine Tatsache. Doch auch wenn der Abschied vom Leben etwas vollkommen Natürliches ist, macht der Sterbeprozess vielen Angst. Uraltes Wissen vom Sterbegeleit ist mit der Industrialisierung schleichend verloren gegangen. Das will der Verein Ambulanter Hospizdienst St. Johannisstift ändern und bietet Letzte-Hilfe-Kurse an.

»Wir geben den Teilnehmern dabei Grundwissen an die Hand und möchten sie ermutigen, sich den Sterbenden zuzuwenden. Zuwendung ist das, was wir alle am Lebensende am meisten brauchen«, sagt Heike Bade. Sie ist mit Reinhild Wode eine der Koordinatorinnen des Vereins.

Das Projekt des Letzte-Hilfe-Kurses fußt auf den Leitlinien von Dr. Georg Bollig. Ziel ist es, Sterben als einen natürlichen Prozess anzusehen, der weder verlängert noch verkürzt werden sollte. »Der Abschied vom Leben ist der schwerste, den die Lebensreise für einen Menschen bereithält. Deshalb braucht es jemanden, der uns die Hand reicht. Wie auf allen schweren Wegen«, weiß Bade.

Viele sind überfordert

Doch genau dort liege das Problem: »Es gibt eine große Unsicherheit. Früher war es ganz natürlich, den Sterbenden zu begleiten. Heute wissen wir nicht mehr, wie es geht. Wir geben in der heutigen Gesellschaft immer mehr an Fachkräfte ab«, schildert die zertifizierte Kursleiterin.

Da aber immer mehr Menschen zuhause sterben möchten, müssten sich Angehörige mit dem Thema zwangsläufig irgendwann auseinandersetzten. Das überfordere viele, die dem geliebten Menschen zwar helfen möchten, aber nicht wissen, was sie tun können.

Der Ambulante Hospizdienst

Der Ambulante Hospizdienst St. Johannisstift Paderborn hat sich am 24. August 1999 gegründet. 15 ehrenamtliche, qualifizierte Mitarbeiterinnen begannen damals mit der Begleitung Schwerkranker. Aktuell hat der Verein 147 Mitglieder, davon 53 Sterbebegleiterinnen. Sie werden von Heike Bade und Reinhild Wode koordiniert. Pro Jahr leisten die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen 50 bis 60 Sterbebegleitungen und 5 bis 10 Trauerbegleitungen. Hinzu kommen die Einsätze auf der Palliativstation in Bad Lippspringe. Dort sind regelmäßig ausgebildete Ehrenamtliche tätig. Die Koordinatorinnen beraten zudem pro Jahr etwa 20 Betroffene und ihre Familien zu palliativen Versorgungsmöglichkeiten. Zudem berichten Heike Bade und Reinhild Wode in weiterführenden Schulen und in Alten- und Krankenpflegeschulen über die Hospizarbeit und beantworten Fragen. Es werden auch öffentliche Lesungen, Vorträge und Benefizkonzerte angeboten.

Im Letzte-Hilfe-Kursus lernen die Teilnehmer, was beim Sterbeprozess im Körper eigentlich passiert, was normal ist und wie sie die Symptome lindern können. Sie erfahren, was am Lebensende mit dem Körper passiert, zum Beispiel mit der Atmung und dem Bewusstsein. »Es geht auch um die Frage, auf was sich Angehörige einstellen müssen und was normal ist«, erläutert Bade.

Der Letzte-Hilfe-Kursus dauert vier Stunden und umfasst die Themen Sterben als Teil des Lebens, Vorsorgen und Entscheiden, Abschied nehmen sowie körperliche, psychische, soziale und existenzielle Nöte lindern. Die Teilnehmer bekommen Antworten, Informationen und Hilfestellungen. »Wir können in der kurzen Zeit natürlich nur die absoluten Basics vermitteln. Wir wollen vor allem Denkanstöße geben, die die Teilnehmer später weiterentwickeln können«, erläutert Heike Bade und betont, dass sich der Kursus explizit an Laien richtet. Ziel sei es, Sicherheit zu vermitteln.

Aha-Moment setzt ein

Ein großes Thema sei zum Beispiel Essen und Trinken, das bei vielen Sterbenden relativ früh an Bedeutung verliere. Heike Bade sagt: »Das ist für Angehörige meistens sehr schwer zu akzeptieren.« Für viele setzt im Kursus ein Aha-Moment ein: »Jetzt verstehe ich es auch«, sagen sie dann. Dazu gibt es eine Übersicht, wo im Kreis Angehörige Hilfe bekommen. Mit allen Telefonnummern.

Ursprünglich wollte der Verein zwei solcher Kurse pro Jahr anbieten. 2019 waren es schon sechs, weil die Nachfrage so groß ist: »Sobald wir einen Termin veröffentlichen, ist er schon wieder voll. Es gibt eine Warteliste«, sagt Bade. Anfragen kämen sogar aus Brilon und dem Sauerland. Das Konzept des Letzte-Hilfe-Kurses wird europaweit umgesetzt. »Solche Angebote gibt es mittlerweile in zehn Ländern«, weiß Heike Bade. Der Ambulante Hospizdienst ist einer der ersten im Kreis Paderborn, die einen solchen Kursus anbieten.

In diesem Jahr gibt es noch zwei Kurse: Am 16. Oktober bietet der Ambulante Hospizdienst von 15 bis 19 Uhr einen Termin in Kooperation mit dem Schwester-Neria-Fonds im Palliativnetzwerk Delbrücker Land an. Aufgrund der großen Nachfrage gibt es dann noch einen Kursus am 31. Oktober von 17 bis 21 Uhr im Johannisstift Paderborn. Für beide Termine sind noch Plätze frei. Wer Fragen hat, erreicht den Verein unter Telefon 05251/291909 oder im Internet.

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