Mi., 11.09.2019

1989 öffnete Ungarn die Grenze zu Österreich – mehr als 55.000 DDR-Bürger flohen Malteser aus Paderborn halfenDDR-Flüchtlingen in Budapest

Zelte boten den DDR-Flüchtlingen Obdach. Csilla von Boeselager aus Arnsberg, die den Hilfsdienst der Malteser in Ungarn aufgebaut hatte, reagierte sofort, als sie von den Flüchtlingen hörte und ließ auf dem Gelände der Zugliget-Kirche ein Lager errichten.

Zelte boten den DDR-Flüchtlingen Obdach. Csilla von Boeselager aus Arnsberg, die den Hilfsdienst der Malteser in Ungarn aufgebaut hatte, reagierte sofort, als sie von den Flüchtlingen hörte und ließ auf dem Gelände der Zugliget-Kirche ein Lager errichten. Foto: Malteser

Von Frank Kaiser

Paderborn/Budapest (WB). Am 9. November 1989 fiel die Mauer, der Eiserne Vorhang war Geschichte. Was häufig in Vergessenheit gerät: Schon einige Wochen vorher, heute vor 30 Jahren, öffnete Ungarn seine Grenze zu Österreich. Bei einer Feierstunde der Malteser wird an diesem Mittwoch in Berlin daran erinnert. Auch drei Malteser aus Paderborn sind dabei: Wolfgang Röver, Wilfried Schild und Wolfgang Triller waren 1989 als Helfer vor Ort.

Wenn sich die drei treffen, dann können sie stundenlang in Foto­alben blättern und in Erinnerungen schwelgen. Schließlich haben sie ein kleines Stück Welt­geschichte mitgeschrieben.

Budapest 1989: Der Ostblock wankte bereits, doch der »Eiserne Vorhang« stand noch. Gerade erst hatte die deutsch-ungarische Malteserin Csilla von Boeselager aus Arnsberg in Ungarn den ersten Hilfsdienst der Malteser in den damaligen Ostblock-Ländern mitgegründet. »Eigentlich sollte es ein Jugendaustausch zum Stephanusfest am 20. August werden, einem der ungarischen Nationalfeiertage«, erinnert sich Wolfgang Triller (67). Als damaliger Diözesanjugendreferent der Malteser hatte er die Reise für 19 männliche und fünf weibliche Jugendgruppenleiter aus dem Erzbistum Paderborn orga­nisiert.

Die Botschaft musste schnell wegen Überfüllung schließen

Doch dann, am 13. August, überschlugen sich die Ereignisse. Der Zufall wollte es, dass Csilla von Boeselager bei einem Besuch der deutschen Botschaft von der dramatischen Situation der in der ungarischen Hauptstadt gestrandeten DDR-Bürger erfuhr. Diese wollten nach Meldungen erster Grenzübertritte als Urlauber getarnt fliehen. Und sie kamen in Scharen – so viele wurden es, dass die Botschaft schnell wegen Überfüllung schließen musste. Wie es ihre Art war, reagierte Csilla von Boeselager sofort und baute auf dem Gelände der Zugliget-Kirche ein Flüchtlingslager auf – aus dem Nichts.

Drei Zeitzeugen erinnern sich (von links): Die Paderborner Malteser Wolfgang Röver, Wilfried Schild und Wolfgang Triller betreuten 1989 in Budapest ausreisewillige DDR-Bürger. Foto: Frank Kaiser

Am frühen Morgen des 15. August klingelte bei dem damals 21-jährigen Wolfgang Röver (51) zuhause das Telefon. Seine Mutter nahm ab. Am anderen Ende der Leitung war ein Mitarbeiter der Malteser Zentrale in Köln: »Frau Röver, heute muss ich Ihnen mitteilen: Ihr Sohn fährt nicht zu einem Jugendaustausch, sondern zu einem humanitären Hilfseinsatz – und es geht übrigens schon heute Abend los.« Wolfgang Röver muss schmunzeln, wenn er daran zurückdenkt: »Meine Mutter sagte zuerst: Das geht nicht, die Hosen kommen ja gerade erst aus der Wäsche und sind noch nicht gebügelt.« Doch noch am Abend desselben Tages startet ein Konvoi mit sechs Fahrzeugen und zwei Dutzend jungen Maltesern gen Osten. »Mit im Gepäck hatten wir – wie aus Budapest angefordert – 10.000 Einmalbestecke und einige Sonnenschirme«, erinnert sich Wilfried Schild (68), damals beim Malteser-Rettungsdienst. »Wir haben den Paderborner Großhandel und Baumärkte abgeklappert und aufgekauft, was da war und in die Bullis gepasst hat.«

Einsatzzentrale wurde in der Sakristei der Kirche eingerichtet

Dass die Geschichte gut ausgehen sollte – das war allen damals nicht klar. Wolfgang Triller: »Als wir nach über 20 Stunden Fahrt völlig übermüdet in Budapest ankamen, lag bei 30 Grad Außentemperatur große Anspannung in der Luft.« Das Gelände der katholischen Pfarrgemeinde mit der ­Zugliget-Kirche im Zentrum war gesäumt mit Trabbis. »Wir Paderborner Malteser waren damals die ersten deutschen Helfer vor Ort und hatten bis zum 3. September die Einsatzleitung inne.« Zuerst galt es, Hand in Hand mit den ungarischen Maltesern, für die vielen Menschen Zelte aufzubauen – insgesamt vier Dutzend Zelte für jeweils rund acht Menschen sowie viele weitere kleinere standen am Ende im Garten der Pfarrei. Kurzerhand wurde die Einsatzzentrale in der Sakristei der Kirche eingerichtet und die Malteser bezogen Quartier im Glockenturm.

Die Gefühle der Menschen schwankten zwischen Hoffnung auf eine baldige Ausreise und Misstrauen – auch untereinander. »Bei aller Solidarität gab es auch Anfeindungen«, beschreibt es Wilfried Schild, damals verantwortlich für den Sanitätsdienst. Allen war bewusst, dass auch das Ministerium für Staatssicherheit seine Fühler auf dem Gelände ausstreckte – zum Beispiel von diesem auffälligen Wohnwagen gegenüber des Haupteingangs des Geländes aus. »Die Gerüchteküche der sogenannten ausreisewilligen DDR-Bürger brodelte und die Menschen verdächtigten sich teils gegenseitig, für die Stasi zu spionieren«, sagt Wolfgang Triller. Viele hatten Angst, dass sie die Stasi nachts aus ihren Betten holen würde.

Die Informationslage war generell sehr dünn

Große Sorge bestand damals in der Bonner Republik, dass die hochangespannte Situation außer Kontrolle geraten könnte. Jede Äußerung konnte in die Presse gelangen. »Zurückhaltung war unser oberstes Gebot.« Wenn es Abend wurde, wagten immer wieder einen Fluchtversuch. »Wir gaben ihnen Karten des österreichischen Grenzverlaufs mit – einige Menschen kamen nicht zurück und haben es wohl geschafft«, sagt Röver. Andere standen in der Morgendämmerung wieder vor dem Tor und dann hieß es einen weiteren Tag warten.

Die Informationslage war generell sehr dünn, auch für die Malteser: »Handys gab es ja nicht, und eine Möglichkeit, nach Deutschland zu telefonieren, bestand nur in den großen Budapester Hotels. Und die waren eine ganze Autostunde entfernt. Als wir zurückfuhren, haben wir uns hinter der Grenze erst einmal mit deutschen Zeitungen eingedeckt, um zu wissen, was überhaupt los war«, sagt Triller. Damals sei es nicht darum gegangen, einen großen Plan zu verfolgen. Vielmehr musste man in der Situation das Richtige tun – immer wieder aufs Neue. Wie brenzlich die Lage wirklich war, verdeutlicht die Tatsache, dass während der ganzen Zeit ein Flugzeug bereitstand. Im Krisenfall wären die Malteser damit ausgeflogen worden. In der Nacht vom 11. September 1989 übersetzte Csilla von Boeselager inmitten der Zeltlager-Bewohner die erlösende Fernsehbotschaft des ungarischen Außenministers Gyula Horn: Sie dürfen ausreisen! Ihre Worte gingen im aufbrausenden Jubel unter.

Heute, 30 Jahre später, blättern die drei Malteser immer noch gerne in alten Fotoalben. Sofort ist wieder präsent, welches Gefühl sie eint. Wolfgang Röver: »Woran wir letztlich mitgewirkt haben, wurde uns erst komplett bewusst, als wir wieder zu Hause in Paderborn waren. Wir waren überwältigt als wir erfuhren, dass wir mit unserem Einsatz ein kleines Stück am Rad der Geschichte gedreht hatten.«

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