Do., 12.09.2019

Täter lebt in Wahnwelt: Gericht weist 54-Jährigen in Psychiatrie ein Messerattacke am Hauptbahnhof

Symbolfoto.

Symbolfoto. Foto: dpa

Paderborn (WB/upf). Rein zufällig ist eine junge Frau Anfang des Jahres Opfer eines Messerangriffes geworden. In aller Öffentlichkeit. Der Täter ist psychisch schwer krank und muss nun in die Psychiatrie. Das hat das Landgericht Paderborn entschieden.

Es ist offenbar eine tragische Verkettung vieler Umstände: Am 20. Februar steigt der 54-Jährige in Paderborn aus dem Zug. Warum, wird in dem Prozess nicht klar. Er kommt aus Ostdeutschland, aber wohin er will, kann er jetzt nicht mehr sagen. Auf der Flucht sei er, vor der AfD, die ihn verfolge, ihm durch Anwälte in Berlin sein Milliardenvermögen abgenommen habe und ihm jetzt nach dem Leben trachte. So schildert es der Mann, der in diesem Prozess vor der 1. Großen Strafkammer die Unterbringung in der Psychiatrie zu erwarten hat. Der von der Ostseeküste stammende gelernte Eisenbahner, der seit 20 Jahren wegen seiner Psychose verrentet ist, sieht Verschwörer und Mörder allenthalben – auch in Paderborn.

Auch hier, vor dem Hauptbahnhof. Dort steht am 20. Februar unauffällig eine junge Frau und hält ein Handy in der Hand. Das täten »die AfDler«, wenn sie den 54-Jährigen sehen, »und dann rufen die einen Rettungswagen, damit ich weggeschafft werde«. Notwehr, sagt der 54-Jährige, sei es gewesen, als er der Frau ein Küchenmesser in den Arm rammte und dann weggelaufen war. Um sich zu wehren, brauche er Messer – sechs Stück findet die Polizei bei seiner umgehenden Festnahme in der Kleidung, weitere vier in einem Beutel. Und einen Messerschärfer.

Der Mann landet in der geschlossenen Station der LWL-Klinik, wo er zwei Tage später sein Bettzeug anzündet, damit er im Trubel des Feueralarms durch die automatisch öffnenden Türen abhauen kann – mit einer Gabel in der Hand, um sich verteidigen zu können. Den Polizisten, die ihn noch auf dem Klinik-Gelände ­stellen, ruft er zu »Helft mir«. Denn nur die Polizei könne ihn vor dem Komplott schützen – das kann noch nicht einmal das Gericht, denn der Richter, der seinen Unterbringungsbefehl verkündet, »der war garantiert auch von der AfD«.

Die Stichverletzung der 19-Jährigen war mehr als einen Zentimeter tief und musste genäht werden. Zwei Jackenärmel und einen Pulli hatte die Klinge zuvor durchstoßen. »Es hätte ein anderer mit dem Handy an der Stelle stehen müssen, dann hätte es den getroffen«, zieht Richter Eric Schülke das Fazit aus der Beweisaufnahme. Darin hat ein Gutachter bestätigt, dass der 54-Jährige aufgrund seines Verfolgungswahns gefährlich ist. »Er hat Angst, und er meint, sich wehren zu müssen.« Behandlung sei nur in einer geschlossenen Psychiatrie möglich. Denn der 54-Jährige habe keine Einsicht in seine Erkrankung. »Was der Gutachter sich aus den Fingern saugt, verstehe ich nicht. Ich hatte 54 Jahre lang keine Wahnvorstellungen und habe auch jetzt keine«, sagt der Beschuldigte. Wie lange er nun in der Psychiatrie bleiben muss, ist unklar.

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