Fr., 11.10.2019

Lüdge: 16-Jähriger muss sich wegen Missbrauchs von Kindern verantworten Vom Opfer zum Täter?

Campingplatz des Missbrauchsfalls Lügde: Ein 16-jähriges Opfer steht jetzt als Angeklagter vor dem Landgericht Paderborn. Er soll sich selbst an Kindern vergangen haben.

Campingplatz des Missbrauchsfalls Lügde: Ein 16-jähriges Opfer steht jetzt als Angeklagter vor dem Landgericht Paderborn. Er soll sich selbst an Kindern vergangen haben. Foto: Christian Althoff

Von Ulrich Pfaff

Paderborn (WB). Als Folge aus dem Missbrauchsfall Lügde hat vor dem Landgericht Paderborn ein weiterer Prozess begonnen. Ein heute 16 Jahre alter Schüler, der nach Gerichtsangaben als Opfer im Fall Lügde sexuell missbraucht wurde, soll sich später selbst an jüngeren Kindern vergangen haben. Jetzt muss sich der Teenager vor dem Paderborner Landgericht verantworten, das damit ein weiteres Kapitel im »Fall Lügde« aufschlägt.

Zum Auftakt des Prozesses , der zum Schutz des jugendlichen Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, wurde nach Auskunft eines Gerichtssprechers die Anklage verlesen. Thorsten Fust, Rechtsanwalt des 16-Jährigen, äußerte sich gegenüber Medienvertretern. Rückblick: Anfang September verurteilte das Landgericht Detmold im Missbrauchsfall Lügde die beiden Haupttäter Andreas V. und Mario S. zu langen Haftstrafen und Sicherungsverwahrung, nachdem sie über Jahre hinweg auf einem Campingplatz in Lügde in hunderten von Fällen Kinder missbraucht hatten.

Als mehrfach missbraucht

Eines dieser Kinder ist der heute 16 Jahre alte Schüler, der laut Anwalt Thorsten Fust als Kind im Alter zwischen zehn und 14 Jahren von dem Angeklagten Mario S. (34) aus Steinheim mehrfach missbraucht wurde und im damaligen Prozess als Nebenkläger aufgetreten war. Der 16-Jährige hat bereits in seiner Zeugenvernehmung in dem Ermittlungsverfahren gestanden, später selbst zum Täter geworden zu sein: Er habe sich an Mitschülern vergangen, als er zwischen 14 und 16 Jahre alt war. »Es gab keine Gewalt, keine Drohungen«, sagt Rechtsanwalt Thorsten Fust: »Ein Teil der Taten sind gegenseitig ausgeübt worden.« Sein Mandant sei sehr erleichtert gewesen, alles zugeben zu können.

Jetzt muss sich der 16-Jährige wegen sexuellen Missbrauch von Kindern verantworten, da die geschädigten Mitschüler zum Zeitpunkt der Taten noch keine 14 Jahre alt waren. Drei Opfer seien es gewesen, wie Dr. Oliver Neuwinger, Sprecher des Landgerichts, zum Prozessauftakt vor der Jugendschutzkammer erklärte. Das sei auch der Grund, weshalb das Landgericht zum Verfahren selbst nicht viel mehr sagen wird bis das Urteil gefallen ist. Zwei weitere Sitzungstage sind für den 24. und 31. Oktober angesetzt worden.

Keine »normale Sexualität« erlebt

Sein Mandant sei nach zwei Monaten Untersuchungshaft in einer therapeutischen Einrichtung untergebracht worden, so Thorsten Fust weiter. »Er hat dort verstanden und gelernt, dass nicht richtig war, was er getan hat.« Der Junge habe durch den selbst erlittenen Missbrauch keine »normale Sexualität« erleben können – er habe bei seinen Taten die Vorfälle unter enormem Druck und aus einem Gefühl der Ohnmacht »reinszeniert« und die Rollen getauscht. Jetzt sei es wichtig, dem 16-Jährigen auf seinem Weg in der Therapie weiter zu helfen, damit alles aufgearbeitet werden könne. Eine positive Entwicklung sei bereits zu erkennen.

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