So., 10.11.2019

Gedenken an Pogromnacht: 250 Paderborner setzen Zeichen gegen Antisemitismus »Wir dürfen die Augen nicht verschließen«

Die Schülerinnen Jacqueline Reisch (Zweite von rechts) und Davina Bergen (rechts) stellen Kerzen vor das Mahnmal »An der alten Synagoge«. Die ­Synagoge wurde am Nachmittag des 10.November 1938 von SA- und SS-Angehörigen vor Tausenden Schaulustiger in Brand gesetzt.

Die Schülerinnen Jacqueline Reisch (Zweite von rechts) und Davina Bergen (rechts) stellen Kerzen vor das Mahnmal »An der alten Synagoge«. Die ­Synagoge wurde am Nachmittag des 10.November 1938 von SA- und SS-Angehörigen vor Tausenden Schaulustiger in Brand gesetzt. Foto: Matthias Band

Von Matthias Band

Paderborn (WB). Vor 81 Jahren brennen die Synagogen im Deutschen Reich. In Paderborn sichert die Feuerwehr die »arischen Häuser«, erst dann wird die Synagoge in Brand gesetzt. Der 9. November ist der Tag, an dem jüdische Geschäfte und Gotteshäuser angesteckt, an dem Bürger jüdischen Glaubens misshandelt, verhaftet und getötet werden. 250 Paderborner gedenken am Samstagabend dieser Ereignisse und der ermordeten Juden.

Jacqueline Reisch (17), Davina Bergen (17), Annika Kuhfeld (17), Miriam Walter (18) und Sarah Wolf lesen 112 Namen vor. Stille erfüllt den Platz. Es sind die Namen jüdischer Mitbürger aus Paderborn, die zwischen 1938 und 1945 ermordet werden. Unmittelbar nach dem Pogrom werden 62 Juden aus Paderborn und dem Umland inhaftiert, zur Sammelstelle nach Bielefeld gefahren und danach ins KZ Buchenwald verschleppt. Die Schülerinnen des Gymnasiums Schloß Neuhaus erinnern auch an das Arbeitslager am Grünen Weg und an das jüdische Waisenhaus, das 1942 aufgelöst wird. Alle 23 Kinder werden ermordet.

Veranstaltung findet unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt

Nach dem rechtsextremistischen Anschlag am 9. Oktober auf eine Synagoge in Halle – ausgerechnet am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur – findet die Veranstaltung in Paderborn unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Die Zugangsstraßen zum Platz am Mahnmal »An der alten Synagoge« sind abgesperrt. Sie werden von Polizisten bewacht. Die Stadt hat mit Wasser gefüllte Container rund um den Platz in der Nähe des St.-Vincenz-Krankenhauses aufstellen lassen.

Monika Schrader-Bewermeier, katholische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Paderborn, sagt in ihrer Ansprache: »Wir nehmen den Antisemitismus erschreckend deutlich wahr. Wir erleben mittlerweile eine Sprache voller Respektlosigkeit und Gewalt. Mit Verweis auf die Meinungsfreiheit scheint das legitim geworden zu sein.« Die Ereignisse von Halle ließen uns alle fragend zurück.

Kritik an Gerichtsentscheidung, Neonazi-Demo in Bielefeld zuzulassen

Schrader-Bewermeier kritisiert die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Minden, die Neo­nazi-Demo am Samstag in Bielefeld genehmigt zu haben. Die Partei »Die Rechte« hat die Kundgebung angemeldet, um ihre Sympathie mit der Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck (91) aus Vlotho auszudrücken. Das Gericht habe befunden, sagt Schrader-Bewermeier, dass dieses Ansinnen der Neonazis nicht im Gegensatz zum Gedenken an die Reichspogromnacht stünde. Für diese Auffassung brauche »man einen speziellen juristischen Zugang«, sagt Schrader-Bewermeier. Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht seien hohe Güter in einer Demokratie, aber der Staat sollte gegenwirken und den Rechtsstaat durchsetzen. »Wir dürfen nicht eines Tages zu der bitteren Erkenntnis kommen: Es ist zu spät.«

Bürgermeister Michael Dreier verweist darauf, dass am 9. und 10. November 1938 insgesamt 1400 Synagogen angezündet und 30.000 Menschen verhaftet und verschleppt werden. »Das ist ein düsterer und zutiefst bedrückender Teil der Geschichte unseres Landes und unserer Stadt«, sagt Dreier. Das Mahnmal in Paderborn sei wichtig, »weil die Vergangenheit nie vergessen werden darf«. Paderborn könne aber auch stolz sein auf den Dialog der Religionen. »Sorgen wir auch weiterhin dafür, dass das so bleibt. Wir stehen in der Verantwortung, dass Hass und Rechtsextremismus hier keinen Raum finden.«

Juden sind Verschwörungstheorien seit Jahrhunderten ausgesetzt

Dr. Ingo Grabowsky, Leiter des LWL-Museums für Klosterkultur in Dalheim, geht auf die Verschwörungstheorien ein, denen sich Juden seit Jahrhunderten ausgesetzt sehen. So seien Juden Verbündete des Teufels und strebten die Weltherrschaft an, laute ein Vorurteil. Auch der Attentäter von Halle soll behauptet haben, dass Juden die Weltherrschaft anstrebten. Selbst der Anschlag 2001 auf das World Trade Center werde in rechtsextremen und fundamentalistischen Kreisen dem Judentum zugeschrieben. Grabowsky: »Wir dürfen die Augen nicht vor dem Antisemitismus verschließen. Er wird uns auch weiterhin herausfordern.«

Nach der Kranzniederlegung, die von den städtischen Auszubildenden Janis Neubauer (21) und Pascal Neumann (25) vorgenommen wird, halten die Menschen in einem stillen Gedenken inne. Alexander Kogan, Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde Paderborn, erzählt von seiner Tante, die die Shoa überlebte, den nationalsozialistischen Völkermord an etwa sechs Millionen Juden. Danach spricht er ein hebräisches Gebet. Zum Abschluss zünden die Paderborner Kerzen an und stellen sie vor das Mahnmal.

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