So., 10.11.2019

Premiere von »Zu dir kommt alles Fleisch« setzt Ausrufezeichen Emotionale Auseinandersetzung

Barbara Fressner, Ogün Derendeli, Gesa Köhler und Lea Gerstenkorn (von links) philosophieren über Macht, die missbrauchen und Grenzen überschreiten, aber auch dann entstehen und positiv wirken kann, wenn Menschen sich verbinden.

Barbara Fressner, Ogün Derendeli, Gesa Köhler und Lea Gerstenkorn (von links) philosophieren über Macht, die missbrauchen und Grenzen überschreiten, aber auch dann entstehen und positiv wirken kann, wenn Menschen sich verbinden. Foto: Tobias Kreft

Von Maike Stahl

Paderborn (WB). Zwei Jahre nach der »#Metoo«-Debatte bringt die Österreicherin Fanny Brunner mit »Zu dir kommt alles Fleisch« den Umgang mit Sexualität und Gewalt in der Gesellschaft und besonders der katholischen Kirche auf die Theaterbühne. In einer Collage wird das Thema aus verschiedenen Perspektiven eindrücklich beleuchtet.

Wenn Gesa Köhler in die Rolle einer 16-Jährigen schlüpft, die von ihrem Schachlehrer vergewaltigt wird und daran verzweifelt, weil sie die Schuld bei sich selbst sucht, ist ihr Leid greifbar. Wenn Ogün Derendeli als Life-Coach Männer dazu ermuntert, »Pickup-Artist« zu werden, und mit den Regeln, »die es da draußen gibt«, zu spielen, kommt Wut auf. Wenn Lea Gerstenkorn provoziert, wenn sie als Kardinal erklärt, dass die Kirche dem Missbrauchsskandal auf den Grund gehen, aber vor allem barmherzig sein müsse, weil sie doch die Mutter sei, und man die Mutter nicht schlägt, macht sich Fassungslosigkeit breit. In einer brillanten Freud-Performance betreibt Barbara Fressner hilflose Ursachenforschung,

Doch wenn der Zuschauer an der Menschheit, ihren Machts- und Missbrauchsstrukturen zu verzweifeln droht, bietet ihm Regisseurin Fanny Brunner auch eine Perspektive in Form des Carolin-Emcke-Textes »Ja heißt ja und...«, in dem die Friedenspreisträgerin die verschiedenen Facetten der Macht beleuchtet. »Wenn Macht nicht nur vertikal funktioniert, wenn Macht etwas ist, das immer dann entsteht, wenn Menschen sich verbinden und miteinander agieren, wenn Macht eine Potentialität bezeichnet, – dann ist es das, was wir versuchen sollten: miteinander zu handeln....«

Keiner der Premierenbesucher ist an diesem Abend unberührt aus dem Studio des Theaters gegangen. Stoff zum Diskutieren, zum Nachdenken und Reflektieren – auch der eigenen An- und Einsichten – bietet das Stück in verschiedenen Facetten und kommt trotz des schweren Themas über weite Strecken unterhaltsam daher. Dafür sorgen neben der feinfühligen, teilweise auch provokativen, aber immer originellen Inszenierung auch die von Daniel Angermayr entworfenen Kostüme, das Bühnenbild rund um den mächtigen Altar mit Triptychon und die Musik von Jan Preißler. Nach »Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend« hat Fanny Brunner mit ihrer aktuellen Stückentwicklung erneut ein Ausrufezeichen am Theater Paderborn gesetzt, wenn es darum geht einen Blick auf menschliche Abgründe zu werfen.

Weitere Vorstellungen gibt es am 17. und 28. November sowie am 6., 13. und 22. Dezember.

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