Theater Paderborn nutzt »Jugend ohne Gott« zur Aufklärung gegen rechts
Gespickt mit Anspielungen

Paderborn (WB). Jetzt hat es die skandalträchtige Äußerung von Clemens Tönnies über »die Afrikaner« auch auf die Theaterbühne geschafft. Paderborns Intendantin nutzt sie als Steilvorlage für ihre Version von Ödön von Horváths Stück »Jugend ohne Gott«.

Montag, 18.11.2019, 07:10 Uhr aktualisiert: 18.11.2019, 07:12 Uhr
Als im Zeltlager ein Mädchen (Claudia Sutter) auftaucht, fängt Schüler Z. (Carsten Faseler) mit ihr eine Beziehung an. Das bleibt in der Gruppe nicht unbemerkt. Weil Eva Anarchistin ist und Dreadlocks hat, blühen die rassistischen Bemerkungen. Foto: Christoph Meinschäfer
Als im Zeltlager ein Mädchen (Claudia Sutter) auftaucht, fängt Schüler Z. (Carsten Faseler) mit ihr eine Beziehung an. Das bleibt in der Gruppe nicht unbemerkt. Weil Eva Anarchistin ist und Dreadlocks hat, blühen die rassistischen Bemerkungen.

Die Neubearbeitung hatte am Samstagabend im Großen Haus Premiere und versetzt die Geschichte des Buches aus dem Jahr 1938 in die Gegenwart, um sich mit Rassismus, Populismus und der Neuen Rechten im 21. Jahrhundert zu beschäftigen. Und so baut Intendantin Katharina Kreuzhage gleich zu Beginn den Satz ein, der dem Fleischfabrikanten Clemens Tönnies beim »Tag des Handwerks« im August in Paderborn aus dem Mund rutschte, nachdem er zuvor empfohlen hatte, jährlich 20 Kraftwerke in Afrika zu finanzieren: »Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.«

Karges Bühnenbild

Hier anzusetzen bietet sich geradezu an, schließlich enthält »Jugend ohne Gott« jenen berühmten Satz, an dem sich alles Weitere entzündet: »Alle Neger sind hinterlistig, feige und faul!« Die Worte des Schülers N. (gespielt von Tim Tölke) in einem Aufsatz über Entwicklungspolitik leiten eine Parabel über Moral und opportunistisches Verhalten ein, die sich zu einer Kriminalgeschichte und der fanatischen Suche nach Wahrheit ausweitet.

Intendantin Kreuzhage und Dramaturg Daniel Thierjung lösen sich deutlich von der literarischen Vorlage; so spielt das Thema Religion anders als bei Horváth (1901-1938) überhaupt keine Rolle und der Lehrer (David Lukowczyk) verlässt am Ende Deutschland nicht als moralischer Sieger, sondern voller Selbstzweifel. Auch die Art der Erzählung ist völlig anders. Katharina Kreuzhage siedelt »Jugend ohne Gott« auf einer Probebühne in einem deutschen Theater an und lässt sechs Schauspieler und eine Schauspielerin (Claudia Sutter) darauf so agieren, als würden sich die Ereignisse des Romans hier und heute in einer vom Rechtspopulismus gezeichneten Gesellschaft ereignen. Gewöhnungsbedürftig ist, dass die Darsteller protokollartig das erzählen und ankündigen, was sie gerade tun und der Zuschauer sieht. Gewöhnungsbedürftig ist auch das karge Bühnenbild, das aus einem langen Tisch, ein paar Stühlen und einem Verschlag besteht. Spätestens als die Handlung vom Klassenraum ins Zeltlager wechselt, wünscht man sich eine andere Dekoration. So muss der Zuschauer aus Andeutungen sich selbst ein Bild zusammensetzen.

Vorstellungen bis Ende Dezember

Die Bearbeitung in Paderborn setzt ganz aufs Wort, auf Nachdenklichkeit statt Unterhaltung. In ihr werden echte Hass-E-Mails zitiert, um die Verrohung der Sprache und die Verachtung der Ausländer zu dokumentieren. Der Vater von N. (ebenfalls Tim Tölke) wettert gegen »linksversiffte Lehrer«, diagnostiziert »Überfremdung« und befürwortet Gewalt: »Als die Menschenrechte geschrieben wurden, gab es noch keine Masseneinwanderung.« Die AfD und Tönnies werden zwar dezidiert nicht erwähnt, aber wenn Schüler ihren Lehrer bespitzeln, dient das als Verweis auf die von einigen AfD-Politikern befürworteten Denunziations-Websites.

Kreuzhages »Jugend ohne Gott« steckt voller Anspielungen, ist Anschauungsunterricht in Sachen Radikalisierung und kam beim Publikum an. Weitere Vorstellungen gibt es am 22. und 30. November sowie am 13., 21. und 28. Dezember.

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