Do., 21.11.2019

Sechs Festnahmen in Münster – Ein Nagelstudio wurde in Paderborn betrieben Menschenhandel-Verdacht: Razzien in Nagelstudios

Symbolbild.

Symbolbild. Foto: dpa

Münster/Paderborn (WB). Durchsuchungen mehrerer Nagelstudios in Münster haben am Mittwochabend zu sechs Festnahmen geführt. Den Beschuldigten, die zum Teil auch in Paderborn gelebt haben sollen, wird unter anderem vorgeworfen, Ausländer eingeschleust und Sozialversicherungsbeiträge vorenthalten zu haben.

Nach sehr intensiv und verdeckt geführten Ermittlungen führten die Einsatzkräfte von Staatsanwaltschaft, Hauptzollamt und Polizei die Razzien am Mittwochabend durch. Bei den sechs Beschuldigten handelt es sich laut einer Presseerklärung von Staatsanwaltschaft und Hauptzollamt Münster um vier Männer und zwei Frauen im Alter zwischen 28 und 54 Jahren.

Nagelstudio auch in Paderborn betrieben

Sie sollen sich zu einer Bande zusammengeschlossen haben, um Menschen aus Vietnam mit gefälschten Papieren und Aufenthaltstiteln nach Deutschland zu schleusen und hier illegal aufhältige Frauen und Männer aus Vietnam als preisgünstige Arbeitskräfte in Nagelstudios einzusetzen.

Eines dieser Nagelstudios ist auch in Paderborn betrieben worden – weitere in Münster, Dülmen, Greven, Kleve und Troisdorf. Bei den Durchsuchungen wurde unter anderem Bargeld in Höhe von etwa 300.000 Euro sichergestellt. In den Nagelstudios und Unterkünften wurden mindestens 10 Personen angetroffen, die im Verdacht stehen, sich illegal im Bundesgebiet aufzuhalten. Sie wurden zur Identitätsfeststellung vorläufig festgenommen.

Ein Vorwurf: mindestens 50 Personen geschleust

Die Beschuldigten hätten laut der Mitteilung zuletzt unter anderem in Münster, Bergkamen, Paderborn und Rottweil gelebt. Zwei von ihnen seien Brüder und besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach den bisherigen Erkenntnissen sollen die Beschuldigten mindestens 50 Personen durch die Zusammenarbeit mit professionellen Schleuserbanden über Osteuropa und mit gefälschten Ausweispapieren oder Aufenthaltstiteln in das Bundesgebiet gebracht haben.

Zwischen 5000 und 25.000 Dollar bezahlt?

Die auf diesem Weg in das Bundesgebiet verbrachten Personen haben laut Staatsanwaltschaft und Zoll möglicherweise für diese Schleusung jeweils Geldbeträge in Höhe von 5000 bis 25.000 US-Dollar bezahlt. »Es besteht der Verdacht, dass sie diese Summen durch ihre Tätigkeiten abzuarbeiten haben und dabei unter erheblichen psychischen Leistungsdruck stehen«, hieß es weiter.

Eine vergleichbare Anzahl von Personen, die sich bereits ohne gültige Aufenthaltspapiere in Deutschland aufhielten, soll von den Beschuldigten ebenfalls beschäftigt worden sein. Die Beschuldigten sollen den Beschäftigten weder Sozial- noch Krankenversicherungsschutz gewährt und auch nicht den gesetzlichen Mindestlohn gezahlt haben. Zudem sollen sie diese während der Arbeitszeit – vermutlich sechs Tage in der Woche á 10 Stunden – unter anderem durch eine Videoüberwachung in den Studios kontrolliert haben.

»Strohmänner« sollen Ladenlokale betrieben haben

Die Beschuldigten sollen zudem – vermutlich zur effektiven Kontrolle ihrer Arbeitnehmer – eigene, zum Teil sehr schlicht gehaltene Unterkünfte in Münster, Dülmen, Greven, Kleve und Troisdorf angemietet haben, in denen die Beschäftigten für die Dauer ihrer Tätigkeit notdürftig untergebracht wurden. Der Aufenthalt der geschleusten Personen dürfte sich nach den bislang vorliegenden Erkenntnissen – schon aufgrund der fehlenden Kenntnisse der deutschen Sprache – im Wesentlichen auf den Verbleib in diesen Unterkünften oder in den Arbeitsstellen beschränkt haben.

Die Festgenommenen sollen durch diese Art der Beschäftigung insbesondere die persönliche und wirtschaftliche Zwangslage sowie die Hilflosigkeit, in der sich die vietnamesischen Arbeitnehmer befunden haben, für eigene wirtschaftliche Zwecke ausgenutzt haben. Die Ladenlokale sollen dabei zum Teil durch sogenannte »Strohmänner« betrieben worden sein. Die überwiegend aus Bargeldzahlungen bestehenden Einnahmen sollen die Beschuldigten in das Ausland, im Wesentlichen nach Vietnam, überwiesen haben.

Mehr als 400 Kräfte im Einsatz

Die Behörden gehen nach den bislang vorliegenden Schätzungen von einem Sozialversicherungsschaden in Höhe von mindestens 1,9 Millionen Euro aus.

Die sechs Beschuldigten werden am Donnerstag zur Verkündung der Haftbefehle dem Ermittlungsrichter vorgeführt. In die Maßnahmen waren insgesamt ungefähr 400 Beamte der Zollverwaltung, des Polizeipräsidiums Münster, der Bundespolizei und der Steuerfahndung sowie 14 Staatsanwälte der Staatsanwaltschaft Münster eingebunden.

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