Do., 16.01.2020

Vor 75 Jahren wurde Paderborn bombardiert – 237 Menschen starben Der Schrecken kam aus der Luft

Dieses kurz nach dem Angriff vom 17. Januar aufgenommene Foto zeigt das Ausmaß der Schäden an den Bürgerhäusern und am Dom auf dem Markt- und Domplatz. Zu allem Überfluss lag Schnee. Dem Angriff sollten noch weitere folgen. Paderborn wurde zu 95 Prozent zerstört.

Dieses kurz nach dem Angriff vom 17. Januar aufgenommene Foto zeigt das Ausmaß der Schäden an den Bürgerhäusern und am Dom auf dem Markt- und Domplatz. Zu allem Überfluss lag Schnee. Dem Angriff sollten noch weitere folgen. Paderborn wurde zu 95 Prozent zerstört. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn

Von Dietmar Kemper

Paderborn (WB). Als die Bomben fielen, erlebte Paderborn sein Inferno. Vor 75 Jahren, am 17. Januar 1945, kam der Schrecken aus der Luft. Augenzeugenberichte wie der von Bernhard Reller machen den Wahnsinn von damals noch heute greifbar.

„Ich befand mich an diesem Tage auf dem Nachhauseweg zur Ludwigstraße, am Rosentor, genau auf dem Bahnübergang, überraschte mich zur Mittagszeit der Fliegeralarm“, erinnerte sich Reller später. Die Kinder auf der Straße hätten „Alarm!, Alarm!“ geschrien und seien in die Luftschutzkeller gelaufen. Er selbst wollte noch sein eigenes Haus erreichen, aber am Karlsplatz trieb ihn das Geräusch der Paderborn anfliegenden Bomber in den „erstbesten Luftschutzkeller“.

Angriff dauert 26 Minuten

Das Rauschen der Bomben aus den Schächten der Flugzeuge lief ihm eiskalt über den Rücken, gleichzeitig sorgte sich Bernhard Reller um seine Familie. Nach 26 Minuten war der Großangriff vorbei, aber die Angst der Paderborner hielt an. In der Siedlung an der Ludwigstraße stieß Reller auf kaputte Dachziegel und Fensterscheiben, auf demolierte Häuserwände und vor seinem Eigenheim auf eine mehrere Zentner schwere Heißmangelwalze, die „vom Nachbarn gegenüber 20 Meter durch die Luft geschleudert worden war“. Rellers Familie kam mit dem Schrecken davon, was nicht allen vergönnt war.

Frieden ist keineswegs selbstverständlich. Dieses Schild illustriert den Zustand des Marktplatzes mit dem Neptunbrunnen vor und nach den Bombardierungen im Jahr 1945. Foto: Oliver Schwabe

Bernhard Reller hörte die Hilferufe von Verschütteten und sah die Toten, die, in Teppiche und Decken eingehüllt, zur Meinolfkirche gebracht wurden. Eine dieser schrecklichen Szenen konnte der Augenzeuge nicht vergessen: „Eine Nachbarin schrie fortwährend um Hilfe, ihre Beine waren in einer Brikettkiste eingeklemmt, darüber schwebte wie ein Damo­klesschwert eine Zimmerdecke, die uns jeden Moment verschütten konnte. Nebenan lag ihre Tochter mit ihrem Kind begraben.“

Bernhard Reller war Ende 1944 schwer verwundet nach Paderborn zurückgekehrt. Als Lokführer im Kriegseinsatz war er in Riga stationiert gewesen, sechs Schüsse hatten am 10. Oktober 1944 im ostpreußischen Dünaburg am Peipussee sein Leben fast ausgelöscht. Im Lazarett in Straubing verbesserte sich sein Zustand so weit, dass er seine Heimatstadt und Familie wiedersehen konnte.

25 Großbrände in der Stadt

Um sie musste er dann bei dem Bombenangriff vom 17. Januar 1945 bangen. Damals starben in der Zeit zwischen 12.30 und 12.56 Uhr 237 Menschen. 137 Häuser fielen in Schutt und Asche, 296 erlitten schwere Schäden. Hinzu kamen die von den Spreng- und Brandbomben getroffenen Kirchen und der Neptunbrunnen, dessen 250 Jahre alte Geschichte von einem auf den anderen Moment endete. 25 Großbrände wurden damals gezählt, auch die Zahl der Flugzeuge und deren Bombenlast wurden nach dem Krieg bekannt. Demnach waren es 397 Maschinen der Alliierten, die in einer Höhe von 20.000 bis 24.000 Fuß Bomben mit einem Gesamtgewicht von 1158 Tonnen ausklinkten. Zwischen dem 7. Januar und 27. März 1945 flogen Amerikaner und Briten abwechselnd ihre Angriffe, um die Infrastruktur der Stadt und die Moral der Bewohner zu zerstören. Den ersten hatte es bereits Mitte Juni 1940 gegeben.

Lokführer Bernhard Reller erlebte das Grauen der Angriffe

„Paderborn war ein rauchender Trümmerhaufen, die Stadt so gut wie nicht mehr existent“, beschreibt Stadthistoriker Klaus Hohmann in dem Film „Paderborn – Stadt im Wandel 1920-1960“ das Ausmaß der Verwüstung. Paderborn war zu 95 Prozent zerstört, inmitten der Trümmerwüste lebten nur noch 5000 der 43.000 Einwohner, als die Amerikaner in die Stadt einzogen. Nur 450 Häuser waren heil geblieben. Im Zuge des Wiederaufbaus wurden bis 1949 etwa 500.000 Kubikmeter Schutt aus der Stadt gekarrt.

Bei dem Angriff vom 17. Januar war Bernhard Reller 42 Jahre alt, der Vater von vier Kindern starb 1989. Einen Namen hatte er sich als Autor der Zeitschrift „Die Warte“ gemacht, regelmäßig schrieb er auch Beiträge für das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT, dem er stets verbunden blieb. Sein Sohn Heribert, der den Januar 1945 im Elternhaus erlebte, hat seinen Nachlass gesammelt und dem Stadtarchiv übergeben. So wie seinem Vater ist es auch ihm, dem „letzten Reller“, wichtig, an die Bombenangriffe zu erinnern, damit sich der Wahnsinn des Krieges nicht wiederholt.

Friedensgebet und Vortragsreihe

Das Erzbistum Paderborn weist mit Blick auf die Bombenangriffe auf Paderborn darauf hin, dass am 17. Januar sowie am 22. und 27. März wieder die Totenglocke des Domes geläutet und die Totenleuchte im Giebel leuchten wird. „Wir laden zudem zum erinnernden Gebet oder zum Entzünden einer Kerze in den Dom ein, wir planen jedoch keine eigenen Gottesdienste“, teilte der stellvertretende Sprecher Thomas Throenle mit.

Für den Freitag vor Libori, also am 24. Juli, ist ein Friedensgebet vorgesehen, das Erzbischof Hans-Josef Becker und Bischof Yves Le Saux aus der Partnerstadt Le Mans gemeinsam im Dom halten werden. Darin soll für den seit 75 Jahren währenden Frieden nach Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 gedankt und an den Ausbruch des deutsch-französischen Krieges vor 150 Jahren erinnert werden. Die Stadt Paderborn wird am 27. März eine Gedenkfeier am Mahnmal am Busdorfwall abhalten und legt eine Veranstaltungsreihe auf, die im Stadtmuseum stattfinden wird. Dort soll auch die Hülle der im April 2018 entschärften Bombe ausgestellt werden. Wann sie gezeigt wird und die Vortragsreihe beginnt, steht aber noch nicht fest, weil noch unklar ist, wann die Bombenhülle im Museum ankommen wird.

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