Fr., 14.02.2020

Dr. Petra Lillmeier kümmert sich im Erzbistum Paderborn um Missbrauchsopfer „Manche haben Angst, dass ihre Familie es erfährt“

Pädagogin Dr. Petra Lillmeier wurde von Generalvikar Alfons Hardt beauftragt, die Prozesse beim Umgang mit Missbrauchsopfern zu steuern.

Pädagogin Dr. Petra Lillmeier wurde von Generalvikar Alfons Hardt beauftragt, die Prozesse beim Umgang mit Missbrauchsopfern zu steuern. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Einmal hat eine Frau ein Foto mitgebracht, das sie als neunjähriges Mädchen zeigt. Sie stellte es vor sich auf den Tisch und erzählte, was ihr als Kind von einem Kleriker angetan worden war.

„Das Bild hat mich lange verfolgt“, sagt Dr. Petra Lillmeier (54). Seit einem Jahr ist sie im Erzbistum Paderborn Ansprechpartnerin für Menschen, die mutmaßlich von Geistlichen oder anderen Mitarbeitern der katholischen Kirche missbraucht wurden. Petra Lillmeier führt nicht nur das erste Gespräch mit den Betroffenen, sie koordiniert auch alle Maßnahmen, die das Generalvikariat anschließend einleitet.

Mit dem Thema Missbrauch wurde sie erstmals als junge Frau konfrontiert. Petra Lillmeier war dabei, Lehrerin zu werden und studierte Deutsch, Mathematik, Pädagogik und Theologie. „Ich war 20 und arbeitete nebenbei in einem Kinderheim. Dort traf ich ein fünfjähriges Mädchen, das schwer missbraucht worden war.“ Das sei ihr erster Berührungspunkt mit dem Thema gewesen. Denn weder in ihrer ländlichen Heimat noch in ihrem Studium in Paderborn habe Kindesmissbrauch jemals eine Rolle gespielt.

An alles und alle denken

2016 wurde die Lehrerin zu einer von zwei Missbrauchsbeauftragten im Erzbistum Paderborn ernannt, bevor die Betreuung der Opfer 2019 neu organisiert wurde: Zwei Rechtsanwälte, Gabriela Joepen aus Paderborn und Martin Rehborn aus Dortmund, wurden von Erzbischof Franz-Josef Becker zu unabhängigen Missbrauchsbeauftragten ernannt , an die sich Opfer und Angehörige jederzeit wenden können. Und Petra Lillmeier wacht nun als Koordinatorin darüber, dass bei der Aufarbeitung der Fälle an alle und alles gedacht wird.

Gewöhnlich ist sie es, die das erste Gespräch mit Betroffenen führt. 32 Menschen vertrauten sich ihr im vergangenen Jahr an, darunter 14 Frauen. „Oft liegt das, was sie mir erzählen, Jahrzehnte zurück“, sagt die Pädagogin. Bei Frauen sei häufig der Tod des Ehemannes der Auslöser, sich zu melden. „Sie denken noch einmal über ihr Leben nach und wollen diese Sache für sich in Ordnung bringen.“ Bei Männern sei es manchmal eine tödliche Krankheit, die sie veranlasse, ihre Erlebnisse noch loszuwerden. „Es ist schon vorgekommen, dass mir ein gut 80 Jahre alter Mann gegenübersaß und vom Missbrauch durch einen Pfarrer erzählte, der 1895 geboren und längst verstorben war.“ Aber es gebe auch jene, die sich meldeten, weil die katholische Kirche seit einigen Jahren erlittenes Leid mit einer Zahlung anerkenne. Die Gespräche mit Betroffenen dauerten manchmal eine Stunde, andere auch mal drei, vier Stunden. „Es ist für die meisten nicht einfach, das Erlebte in Worte zu fassen.“

Vorwürfe gegen Lehrer geklärt

Erst zweimal habe sie es mit aktuellen Vorwürfen zu tun gehabt, die Bezug zu katholischen Schulen gehabt hätten. „In einem Fall fühlte sich ein Mädchen vom Sportlehrer unsittlich berührt. Das konnten wir mit Gesprächen in der Schule klären.“

Ihre Maxime sei, dass den Betroffenen nicht noch weiterer Schaden zugefügt werde, sagt Petra Lillmeier. „Deshalb liegt die Entscheidung, ob das Generalvikariat einen Verdacht an die Staatsanwaltschaft weitergibt, bei den Betroffenen.“ Manche hätten große Angst, dass ihr Fall bekanntwerde, weil sie ihrer Familie nie etwas erzählt hätten. „Kircheninterne Ermittlungen werden aber in jedem Fall eingeleitet – auch wenn wir die Staatsanwaltschaft nicht informieren.“

Erscheinen die Vorwürfe plausibel, wird der Beschuldigte zu einem Personalgespräch nach Paderborn gebeten und unter anderem vom Generalvikar, einem Kirchenjuristen und dem Personalchef mit dem Vorwurf konfrontiert. „In der Regel wird er für die Zeit der Ermittlungen beurlaubt“, sagt Petra Lillmeier, die dann ein ganzes Bündel von Aufgaben hat. „Da ist als erstes die Frage, wie der Beschuldigte nach Hause kommt. Wir müssen verhindern, dass er sich vielleicht etwas antut.“ Dann sei sein weiterer Verbleib zu klären: „Im Pfarrhaus kann er meistens schlecht bleiben. Manche kommen bei Verwandten unter.“ Auch um die betroffene Gemeinde müsse man sich kümmern, sagt die Pädagogin. „Jeder hat schon Mal von Missbrauch gehört. Aber wenn ein Verdacht in der eigenen Gemeinde aufkommt, ist das noch Mal eine ganz andere Hausnummer.“ Da müsse man den hauptamtlichen und ehrenamtlichen Gemeindemitarbeitern Gespräche anbieten, um sie zu informieren und sie aufzufangen.

Oft lange Verfahren

Die Ermittlungsverfahren zögen sich oft hin, was die Betroffenen belaste, sagt Petra Lillmeier. „2019 war das besonders auffällig, weil Ermittler mit dem Missbrauchsfall Lügde beschäftigt waren und wenig Zeit fanden, andere Opferzeugen zu befragen.“ Über den Gang der Ermittlungen würden die Betroffenen von den beiden unabhängigen Rechtsanwälten auf dem Laufenden gehalten.

Nach Abschluss der staatlichen Verfahren, die oft wegen Verjährung eingestellt werden, beginnen die dienstrechtlichen Ermittlungen die vom Generalvikariat geführt werden. „Denn im Kirchenrecht verjährt Missbrauch nicht“, sagt die Pädagogin. Ihren Ermittlungsbericht schicke die Untersuchungskommission des Erzbistums schließlich nach Rom. „Dort wird bestimmt, ob und wie der Beschuldigte bestraft wird.“

32 Fälle im vergangenen Jahr

Im vergangenen Jahr haben 32 Betroffene gegenüber dem Erzbistum Paderborn Missbrauchsvorwürfe erhoben. Als Beschuldigte wurden 29 Personen benannt. Elf sind verstorben und waren dem Erzbistum aus anderen Vorwürfen bekannt. Neun weitere sind verstorben und waren noch nicht durch Beschuldigungen bekannt. Sieben leben noch, sind aber nicht mehr im aktiven Dienst. Bei zwei Beschuldigten konnten die Betroffenen keine Namen nennen. Von den Anschuldigungen beziehen sich fünf auf 1946 bis 1949, zwölf auf 1960 bis 1969, vier auf 1970 bis 1979, eine auf den 1980 bis 1989, sechs 1990 bis 1999 und eine auf den Zeitraum von 2010 bis zum 31. Dezember 2019. Drei Anschuldigungen können keinem genauen Zeitraum zugeordnet werden, zwei liegen aber vor 1970. „Das Erzbistum ermutigt Betroffene von sexuellem Missbrauch, sich zu melden“, sagt Sprecher Benjamin Krysmann.

 

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