Mi., 18.03.2020

Ein Vater erzählt, wie er sich vom Chef unter Druck gesetzt fühlt – Erstattung von Gebühren? Wenn die Betreuung zum Problem wird

Ein Vater lernt mit seinem Kind an einem Laptop.

Ein Vater lernt mit seinem Kind an einem Laptop. Foto: imago

Von Matthias Band

Paderborn (WB). Viele Eltern stellt die Schließung aller Schulen und Kinder­tagesstätten wegen der Corona-Pandemie vor erhebliche ­Probleme. Von Mittwoch an dürfen nur noch Kinder kommen, deren Eltern in einem Beruf arbeiten, der zwingend ausgeübt werden muss. Zu Oma und Opa sollen die Mädchen und Jungen auch nicht, weil ältere Menschen zu den Risikogruppen gehören und besonders geschützt werden sollen. Mitunter fühlen sich Eltern von ihrem Arbeitgeber allein gelassen oder unter Druck gesetzt, wie ein Fall aus Paderborn zeigt.

„Wir werden von meinem Arbeitgeber überhaupt nicht unterstützt. Mein Chef hat mir gesagt, dass betriebliche Belange im Vordergrund stehen und nicht meine fünfjährige Tochter. Das kann doch nicht richtig sein“, sagt der 49-jährige Paderborner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er arbeitet in einem kleineren Betrieb mit weniger als 20 Mitarbeitern. Seine Frau ist Krankenschwester. Damit gehört sie zwar zum Bereich der sogenannten kritischen Infrastruktur, er aber nicht. Einen Notdienstplatz gibt es aber nur, wenn beide Elternteile in einem solchen Bereich arbeiten.

Arbeitgeber macht Druck

„Mein Arbeitgeber hat mich jetzt gefragt, wie ich mir das vorstelle, wenn ich zuhause bleiben will. Ich fühle mich unter Druck gesetzt. Ich weiß gar nicht, wie es jetzt weitergeht“, sagt der Paderborner, der auch noch seine Mutter pflegen muss, die dement ist und nur vormittags zur Medikamenten­gabe von der Caritas versorgt wird. „Ich weiß nicht, ob es schon bei allen Menschen in unserer Gesellschaft angekommen ist, dass es jetzt darum geht, Zusammenhalt zu zeigen“, sagt der Paderborner. Seine Frau opfere sich im Krankenhaus auf wegen der Corona-Krise und manche Arbeitgeber zeigten überhaupt kein Verständnis für die Situation betroffener Eltern.

Allein die Diskussion um einen Home-Office-Arbeitsplatz für ihn habe in dem Betrieb, in dem er der einzige Mitarbeiter mit einem Kleinkind sei, „ein Riesentheater“ ausgelöst. Der Paderborner hat bereits an das NRW-Familien­ministerium geschrieben. Eine Antwort liegt schon vor. Darin wird zwar Verständnis für die Situation geäußert. Der Paderborner wird aber aufgefordert, erneut mit seinem Arbeitgeber über mögliche Lösungen wie Home-Office, flexible Arbeitszeiten oder bezahlten beziehungsweise unbezahlten Urlaub zu sprechen. „Ich kann Ihren Ärger verstehen, aber wir werden diese Krise nur gemeinsam bewältigen können und alle werden wir dafür Opfer bringen müssen“, heißt es in dem Schreiben aus dem Ministerium.

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Ich fühle mich vor die Wahl gesetzt: Entweder Dein Arbeitsplatz oder Dein Kind?

Ein Familienvater

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„Ich fühle mich vor die Wahl gesetzt: Entweder Dein Arbeitsplatz oder Dein Kind?“, sagt dazu der Paderborner. Er könne auch nicht verstehen, warum in Paderborn die Kita-Gebühren weiterhin erhoben werden, obwohl keine Betreuung mehr angeboten werde. Das Jugendamt des Kreises Minden-Lübbecke hat zum Beispiel in Abstimmung mit den Kommunen bereits beschlossen, dass zunächst für den Monat April keine Elternbeiträge erhoben werden, um „Familien in dieser schwierigen Situation zumindest finanziell zu unterstützen“. Im Kreis Paderborn gibt es dazu noch keine Beschlüsse. Wie der Kreis Paderborn am Dienstag auf Anfrage mitteilte, frage das Kreisjugendamt derzeit bei den Kommunen ab, wie mit den Beiträgen im April verfahren werden solle. Zeitgleich sei der Kreis mit dem Stadtjugendamt Paderborn in Abstimmung. Ziel sei es, eine einheitliche Regelung für alle Eltern im Kreisgebiet zu finden.

Kinder in Notbetreuung – Quarantäne nach Klassenfahrt

Nach Angaben der Katholischen Kindertageseinrichtungen Hochstift gGmbH, die 53 Kitas im Kreis Paderborn betreibt, sei die Anordnung, Kitas und Schulen zu schließen, bei den Eltern auf „großes Verständnis“ gestoßen. „Das ist gut gelaufen, von den Eltern und von den Mitarbeitern her. Es ist aktuell eine besondere Situation, die von allen Beteiligten mitgetragen wird“, sagte Wilhelm-Josef Finger, stellvertretender Geschäftsführer der Katholischen Kindertageseinrichtungen Hochstift gGmbH. In den nächsten Wochen sind in den Einrichtungen der gGmbH im Kreis Paderborn 79 Kinder in der Notbetreuung, also nur ein Bruchteil der eigentlich dort betreuten Kinder.

Am Paderborner Reismann -Gymnasium, wo normalerweise 800 Schüler unterrichtet werden, werden maximal zwei Kinder der Jahrgangsstufen 5 und 6 in der Notbetreuung untergebracht sein. Wie Schulleiter Siegfried Rojahn erklärte, befindet sich die gesamte Jahrgangsstufe 7, also 70 Schüler, sowie 8 Lehrer unterdessen in häuslicher Quarantäne, nachdem die Gruppe am Freitag von einer Klassenfahrt im Salzburger Land nahe Tirol zurückgekehrt war. Testergebnisse von Schülern, die Symptome gezeigt haben sollen, lägen aber noch nicht vor.

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