Verhaltens­therapeutin Monika Bien spricht über Schwierigkeiten und Chancen der Isolation
„Zeit für Dinge nehmen, die gut tun“

Paderborn (WB). Monika Bien ist Diplom-Sozialpädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie arbeitet als Verhaltens­therapeutin in Paderborn. Im Interview spricht sie über die Schwierigkeiten und Chancen der Isolation wegen der Corona-Krise – und erklärt, wie man zuhause einem Lagerkoller vorbeugt. Die Fragen stellte Matthias Band.

Samstag, 21.03.2020, 13:36 Uhr aktualisiert: 21.03.2020, 13:40 Uhr
Das Spielen mit dem Kind ist eine gute Möglichkeit, in isolierten Corona-Zeiten den Lagerkoller zu verhindern. Foto: dpa
Das Spielen mit dem Kind ist eine gute Möglichkeit, in isolierten Corona-Zeiten den Lagerkoller zu verhindern. Foto: dpa

 

Frau Bien, arbeiten Sie derzeit auch im Home-Office?

Monika Bien: Als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Rational-Emotive Verhaltenstherapeutin arbeite ich in meiner Praxis, Seminare in Unternehmen dürfen leider nicht mehr stattfinden. Vier-Augen-Gespräche sind erlaubt und werden von meinen Kunden in dieser Zeit auch gern genutzt.

Monika Bien

Monika Bien Foto: Kirsten Hötger

 

Wenn man wochenlang daheim arbeitet oder isoliert ist, droht dann nicht irgendwann der Lagerkoller?

Bien: Sicher, viele Menschen fühlen sich belastet. War Home-Office bisher ein Gewinn an Freiheit („Ich muss nicht in die ­Firma“), ist es jetzt auf der Verlustliste gelandet („Ich darf nicht hin, keine persönliche Begegnung, kein Kaffee auf dem Flur.“) Ur­sache ist dabei der Verlust der Autonomie, die persönliche Freiheit wurde eingeschränkt. Das mögen wir nicht.

 

Was bedeutet dieser Verlust für die Betroffenen?

Bien: Bereits ab dem zweiten Lebensjahr lernen Kinder Autonomie zu entwickeln. Das zeigt, wie tief dieses menschliche Bedürfnis ist. Wir wollen selbst entscheiden, was wir tun, wohin wir gehen, mit wem wir Kontakt pflegen. Nun stehen wir bisher nie erlebten Zwängen gegenüber. Plötzlich entscheiden andere wesentliche Teile unseres Lebens. Wir fühlen uns eingeschränkt, bevormundet und wissen nicht wie lange dieser Zustand andauert. Es kommt zu Stress.

 

Was kann man gegen diesen Stress tun?

Bien: Der Stress beginnt im Kopf. Es sind unsere Gedanken über die aktuelle Situation, die unsere Gefühle verursachen. Denken wir „Katastrophe – wie lange soll das gehen? Das halte ich nicht aus!“, dann sind Angstgefühle programmiert und planvolles und vor allem kreatives Handeln wird deutlich erschwert. Das ist so, weil unser Gehirn im Stress nicht mehr gut arbeiten kann. So helfen wir uns selbst nicht weiter. Mir geht es keinesfalls ums Schönreden der augenblicklichen Lage. Vielmehr sollten wir uns der eigenen ­seelischen Widerstandskräfte bewusst werden. Im Fachjargon sprechen wir von Resilienz.

 

Was meinen Sie genau damit?

Bien: Der erste Schritt: Aufhören, gegen die Umstände anzukämpfen. Was ist, ist! Sich an bereits bewältigte Belastungen und Krisen im Leben erinnern, vor allem an die dabei entwickelten persönlichen Fähigkeiten und Stärken. Akzeptieren setzt Energien für die neue Herausforderung frei. Ein zweiter Schritt: Optimistisch nach vorn schauen, Gutes im Schlechten finden und den Humor trotz allem nicht verlieren.

 

Wir sind es nicht mehr gewohnt, so viel Zeit zuhause zu verbringen. Was passiert, wenn die normale Tagesstruktur wegbricht?

Bien: Das kann zunächst Un­sicherheit hervorrufen. Einen eigenen Tagesplan zu entwickeln, ist eine gute Strategie. So nehme ich mein Leben wieder in die Hand. Dabei Zeiten für Dinge einbauen, die einem gut tun, sich belohnen, etwas bewusst genießen, zu dem vielleicht gerade jetzt Zeit ist, soweit möglich Bewegung einplanen – all das hilft den Stress­pegel zu senken.

 

Was raten Sie Familien, um Streit zu vermeiden – zum Beispiel unter Geschwister­kindern?

Bien: Dass Streit in extremen ­Situationen vorkommt, ist klar. Wir alle sind jetzt dünnhäutiger. Dann gilt es, schnell wieder zur Tagesordnung überzugehen und festzustellen, was zusammenhält. Ein nette „Strategie“ ist es, ein gemeinsames Kraftwort zu finden. Das kann auch ein Nonsens-Wort sein, das im Stress gerufen die Spannung bricht, vielleicht alle zum Lachen bringt.

 

Haben Sie Tipps, wie man Kinder über Wochen ­zuhause bei Laune hält?

Bien: Gemeinsam spielen ist immer eine gute Idee. Man kann sich zum Beispiel ein Würfelspiel ausdenken. Dazu kann man ein Spielfeld auf eine große Pappe oder auf ein Bettlaken aufmalen. Dann überlegt man sich Regeln und bastelt gegebenenfalls noch Zubehör und los geht’s. Alternativ kann man auch gemeinsam Plätzchen oder Kuchen backen. Oder Osterdeko anfertigen. Eine schöne Idee ist auch eine Fotocollage. Reihum darf jedes Familienmitglied Schnappschüsse machen, das Gesamtkunstwerk wird eine tolle Deko oder Geschenkidee.

 

Schweißen solche Extrem­situationen zusammen?

Bien: Ja, gemeinsam durch­gestandene Belastungen bieten dazu die Chance. Oft wird un­geahnte Kreativität geweckt, werden neue Idee generiert, mit Herausforderungen umzugehen. Das werden dann später die „Weißt Du noch, wie du damals mit Deiner Idee die ganze Nachbarschaft verblüfft hast“-Geschichten.

 

Das Wetter wird nun immer schöner. Aber womöglich dürfen wir bald nicht mehr vor die Tür? Was bedeutet das für die Psyche?

Bien: Auch hier beginnt die Strategie im Kopf an. Ich muss schauen, welche Möglichkeiten ich habe. Wer einen Garten oder einen Balkon hat, ist im Vorteil. Als Alternative bietet sich an: Fenster auf, Gesicht in die Sonne und frische Luft tanken. Und ganz wichtig: Trotz allem dankbar sein. Forschungsergebnisse belegen, wer dankbar ist, lebt gesünder. Wir leben nicht im Krieg, leiden nicht in einem Flüchtlingslager, wir haben ausreichend zu essen und zu trinken, wir haben Kommunikationsmittel, die uns den Kontakt mit unseren Liebsten ermöglichen. Wir wissen, das Ganze geht ­vorüber.

 

Was raten Sie weniger belastbaren Menschen?

Bien: Wer sich unsicher und ängstlich fühlt, spult manchmal einen inneren Katastrophenfilm ab. Eine Vorstellungsübung hilft da gegenzusteuern: ein sogenanntes Sensorisches Zirkeltraining. Das kennen viele vielleicht noch aus dem Schulsport. Es werden verschiedene Stationen nach­einander absolviert. Bei dieser Übung stellt man sich verschiedene Episoden vor, die in der Vergangenheit glücklich gemacht haben, zum Beispiel eine Situation, in der man sich sicher und wohl gefühlt hat, die Begegnung mit einem lieben Menschen, den Geschmack des Lieblingsessens, das Hören der Lieblingsmusik und ähnliches. So holt man sich das positive Erleben direkt in die Gegenwart.

 

Wer zuhause sitzt, kann permanent auf Fernsehen oder sein Handy zugreifen. Kann man der Nachrichtenflut überhaupt entkommen?

Bien: Das ist ganz klar eine ­Sache der persönlichen Entscheidung. Wer permanent online unterwegs ist, läuft Gefahr, seinen Kopf nur noch mit negativen Gedanken zu füttern oder sich mit Fake News zu infizieren und seine Angst so nur noch zu steigern. Ich persönlich lese morgens die ­Tageszeitung und sehe abends die Nachrichten. Das reicht mir zur Information.

 

Gibt es etwas Positives, was wir aus der Krise mitnehmen können?

Bien: Ja, es tut dem Menschen gut, aus dem All-Machbarkeitswahn auszusteigen, Dankbarkeit und auch Demut zu kultivieren. Unser Leben, so wie es ist, ist ein Geschenk.

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