So., 29.03.2020

Johann von Petzinger lebte in Paderborn in Kneipen und Cafés Der „Mann mit den vielen Tüten“ ist tot

In seiner Wohnung war Johann von Petzinger nur zum Schlafen. Sein Leben verbrachte er lieber in Cafés und Kneipen, wo er Zeitungen und Bücher las.

In seiner Wohnung war Johann von Petzinger nur zum Schlafen. Sein Leben verbrachte er lieber in Cafés und Kneipen, wo er Zeitungen und Bücher las.

Paderborn (WB). Mit Johann von Petzinger ist ein Paderborner Original gestorben. Er wurde 71 Jahre alt.

Johann von Petzinger war als „der Mann mit den vielen Plastiktüten” bekannt und lebte sein Leben fast ausschließlich außerhalb seiner Wohnung – in Cafes, Kneipen oder Restaurants, wo sich Künstler und Intellektuelle gern zu ihm setzten. Die Schauspielerin Christina Seck (Lumpentheater) hat einen Nachruf auf diesen besonderen Mann verfasst:

„Auf ein Eis und ein Stück Torte mit Johann von Petzinger

Ein „Paderborner Urgestein“,

Ja, das bist du. Wirklich und wahrhaftig. Wie der Dom an den Neptunbrunnen und der Kump ans Westerntor, so gehörst du in die Innenstadt von Paderborn. Viele kennen dich, wie du langsam mit deinen unzähligen Tüten (über deren Inhalt ich euch später noch berichten will), deinem Pflaster auf der Stirn und deinem kleinen Hund mit der großen Halskrause (Bobby, der dir schon vorausgegangen) durch die Westernstraße schreitest.

Da sitzt du dann im Eiscafé mit deinen Plastik-Tüten, die du sorgsam auf deinem Nebensitz verteilt. Ein Ur-Gestein, das genau an diesen Platz gehört, so als wär’s schon immer da gewesen.

Du bestellst ein Eis und ein Stück Torte, die Kellner kennen deinen Wunsch, sie bringen – ungefordert – dir deinen Cappuccino und dein Glas heißes Wasser, in das du deinen eigenen – eigens dafür mitgebrachten – Teebeutel tauchen wirst. Dort ist jetzt dein Platz für viele Stunden.

„Bücher trägst du in den Plastiktüten wie Heiligtümer mit dir rum“

Hier kann man dich treffen, hier ist dein Zuhaus. Ich war oft zu Gast an deinem Tisch, an dem fast immer eine aufgeschlagene Zeitung denselben vollständig bedeckt. Falls nicht, ist dort ein Buch zu finden, das du in den Antiquariaten oder Bücherschränken deiner Stadt entdeckt (ja, Bücher trägst du in den Plastiktüten wie Heiligtümer mit dir rum). Du bist ein Lese-Mensch, du liest und liest und liest und liest.

Ein kluger Kopf auf deinen Schultern sitzt, der oft dein Gegenüber fasziniert. Mit Hintersinn und feinen Fragen gelingt es dir, den Intellekt wie den Humor im anderen zu kitzeln. Leidenschaftlich ergründest du (das haben wir gemeinsam) die Herkunft von Wörtern. Warum sagen wir zum Beispiel „alle“, ein Wort, das für „vollständig“ steht, auch wenn wir „aufgebraucht“ oder „leer“ meinen? (z.B. „Das Klopapier ist alle“).

„Dich begeistern diese Kuriositäten“

Dich begeistern diese Kuriositäten. Ich weiß nicht mehr, ob wir darauf eine Antwort fanden, aber ich weiß, dass ich die Zeit mit dir genossen, da jedes neue Stichwort dir Anlass bot, eine neue Randbemerkung, eine neue Anekdote zu beginnen, die unser Thema von vielen trivialen, wie genialen Seiten zu beleuchten verstanden. Deine Ausführungen beendest du gern augenzwinkernd mit einem „Ende der Durchsage“.

In der Zwischenzeit sind dann zwei Eis, zwei Stück Torte (kleiner Tipp: Wenn ihr etwas Zeit habt, lasst euch den korrekten Plural von „ein Stück Torte“ mal von Johann erklären) und zwei Cappuccini „alle“.

So ist es mit dir! Die Zeit vergeht schnell, obwohl dein bescheidenes Wesen eine Ruhe ausstrahlt, die die Uhren langsamer laufen lässt. Man profitiert wie nebenbei von deinem ungeheuren, ungestillten Wissensdurst. Du bist ein Denker, ein Universalgelehrter, wie ihn sich Goethe wünschte.

Menschen, die deinen Namen nicht kennen, nennen dich „Der Professor“. Du selbst würdest darüber wahrscheinlich nur schmunzeln. Du bist ein Doktor, sicher, doch den Titel verwendest du kaum. Deine freundlich-zufrieden-humorvolle Art birgt einen messerscharfen analytischen Verstand, den du benutzt, um in aller Freiheit selbstbestimmt, unangepasst und uneingeschränkt zu denken und zu leben.

Sie birgt aber auch ein schwaches Herz, um das sich deine Freunde vielleicht mehr sorgen, als du selbst. Denn, ich muss euch leider sagen: Sein Herz hat aufgehört zu schlagen. Lesend ist er eingeschlafen. Lieber Johann, wir werden dich vermissen! Paderborn wird dich vermissen!

„Ende der Durchsage.“

Kommentare

Ja, die Feinheiten der deutschen Sprache

Schönes Bespiel im Strassenverkehr:

"Sie sollten den Polizeibeamten umfahren, nicht umfahren!!". Eine kleine Betonung macht den Unterschied...

1 Kommentare

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