Streit um Fahrtkosten: 18-jährige Paderbornerin soll Förder-Einrichtung wechseln
„Ich will auf der Schule bleiben“

Paderborn (WB). Ina Tschischke wird derzeit traurig, wenn sie über die Sonnenhellwegschule spricht. Seit acht Jahren besucht die 18-Jährige die Förderschule in Bielefeld. Abgesehen davon, dass sie die Einrichtung wegen der Corona-Krise aktuell nicht besuchen darf, soll sie die Schule ab kommendem Schuljahr verlassen und zu einer Förderschule in Nieheim im Kreis Höxter wechseln. Das möchte sie aber nicht. „Ich will auf der Schule bleiben”, sagt sie.

Montag, 06.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 06.04.2020, 11:58 Uhr
Ina Tschischke mit ihren Eltern Dirk und Gabriele vor dem Eingang des Restaurants „Zu den Fischteichen“: Ab Sommer soll Ina die Schule wechseln, das will sie aber nicht. Foto: Matthias Band
Ina Tschischke mit ihren Eltern Dirk und Gabriele vor dem Eingang des Restaurants „Zu den Fischteichen“: Ab Sommer soll Ina die Schule wechseln, das will sie aber nicht. Foto: Matthias Band

Ina Tschischke hat das Down-Syndrom, das auch Trisomie 21 genannt wird. Dabei handelt es sich um eine Chromosomenstörung. Betroffene besitzen drei Exemplare des Chromosoms 21 – normalerweise hat jeder Mensch nur zwei. Das überzählige genetische Material beeinflusst die körperliche und geistige Entwicklung. Wie gravierend die Auswirkungen sind, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. „Ina hat eine Lernverzögerung. Sie verlernt die Dinge schnell wieder. Man muss also immer dran bleiben“, sagt ihr Vater Dirk Tschischke, Geschäftsführer des Paderborner Restaurants „Zu den Fischteichen“.

Ina arbeite zum Beispiel sehr gerne mit Keramik. Und die Sonnenhellwegschule, eine Waldorfschule, verfüge über eine eigene Werkstatt und vermittle auch Praktika. „Es ist eine tolle Schule. Wir fühlen uns ihr sehr verbunden und sind sehr gerne dort“, sagt Dirk Tschischke. Früher sei er kein Freund von Waldorfschulen gewesen, aber für Ina sei es „das Beste, was es gibt“. „Wir haben eine sehr familiäre Bindung zu der Schule“, sagt er. Und das Verhältnis der Schüler untereinander sei ebenfalls toll. Vor ein paar Wochen erfuhr die Familie, dass Ina die Schule nach den Sommerferien nicht mehr besuchen soll, sondern stattdessen die Schule unterm Regenbogen in Nieheim. 14 weitere Mädchen und Jungen aus dem Kreis Paderborn sind nach Angaben der Sonnenhellwegschule ebenfalls von der Regelung betroffen. Ab Sommer sollen insgesamt 34 der aktuell 132 Schüler die Schule wechseln.

Landesrechnungshof rügt Ausnahmeregelung für Waldorfschulen

Hintergrund ist eine Prüfung der Kosten des sogenannten Schülerspezialverkehrs durch den Landesrechnungshof. Bislang wurden die Kosten für den Transport vom Land komplett übernommen. Zum neuen Schuljahr soll diese Regelung aber nur noch für die Schüler aus dem Raum Bielefeld gelten. Denn grundsätzlich werden die Kosten nur bis zur nächstgelegenen privaten Förderschule erstattet. So steht es seit 2005 im Gesetz. Bei den Waldorfschulen wurde bislang allerdings immer eine Ausnahme gemacht. Diese Praxis rügten die Rechnungsprüfer jedoch, was zu dem Umstand führt, dass Schüler wie Ina nun die Förderschule wechseln sollen.

Die Verantwortlichen der Sonnenhellwegschule können das nicht nachvollziehen. „Unsere Schule gibt es seit 42 Jahren und diese Praxis wird seit 15 Jahren so betrieben. Es geht doch ums Kindeswohl“, sagt Thomas Freiwald vom Vorstand der Schule. Die Sonnenhellwegschule sei die einzige Waldorfschule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in der Region. Gewissermaßen übers Geld erfolge nun ein Eingriff in die freie Schulwahl. „Das ist schwierig bei Kindern, die schon länger bei uns sind“, sagt Freiwald mit Blick auf geistigen Beeinträchtigungen der Schüler. Sollten viele Kinder die Schule verlassen müssen, müssten auch Lehrer entlassen werden. Eltern und Lehrer hoffen nun zumindest auf eine einjährige Übergangsfrist sowie auf Bestandschutz für die älteren Kinder. In der Zwischenzeit will die Schule einen eigenen Fahrdienst organisieren. Ältere Schüler sollen zudem lernen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Schule zu gelangen. „Aber das braucht Zeit“, sagt Freiwald.

Eltern wünschen sich eine Übergangsfrist

Inas Vater sieht das genauso. „Die Übernahme der Kosten ist seit Jahren gelebte Praxis. Warum wird das jetzt geändert?“, fragt Dirk Tschischke, zumal der Unterschied zwischen der Fahrt nach Bielefeld und nach Nieheim nur acht Kilometer betrage. Er sehe ja ein, dass er keinen Rechtsanspruch habe, aber er wünsche sich auch eine Übergangsfrist für seine Tochter, vor allem vor dem Hintergrund Ina nicht weiter zu belasten, da sie ein Loch im Herz habe und sie demnächst in Bad Oeynhausen operiert werden solle. „Wir haben derzeit genug andere Sorgen“, sagt Dirk Tschischke.

Die Bezirksregierung in Detmold verweist auf Anfrage darauf, dass die Sonnenhellwegschule schon Ende August 2019 informiert worden sei, dass sie künftig wie alle Schulen in NRW behandelt werde. Aus Vertrauensschutzgründen sei bereits ein Übergangszeitraum von einem Jahr eingeräumt worden. Es werde aber gemeinsam mit der Schule nach Lösungen gesucht, um „unbillige Härten“ zu vermeiden.

Kommentare

A.H.  schrieb: 06.04.2020 11:08
Kreative Lösungen sind gefragt
Freie Schulwahl ist schön, doch sollten erhöhte Fahrtkosten nicht auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Wenn man nur will, finden sich andere Möglichkeiten, die Kinder zur Schule zu bringen. Ich bin sicher, daß sich für Ina und ihre Mitschüler alles zum Guten wenden wird.
1 Kommentare
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