Corona: Videos und Chats sollen in Paderborn Präsenzlehre ersetzen
Uni nur online

Paderborn/Bielefeld (WB). Wegen des Coronavirus werden die Hochschulen in OWL in diesem Sommersemester wohl menschenleer bleiben. In die Hörsäle und Seminarräume werden keine Studenten strömen.

Donnerstag, 09.04.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 09.04.2020, 06:50 Uhr
Ein Bild, das auf absehbare Zeit der Vergangenheit angehören dürfte: ein voll besetzter Hörsaal an der Universität Paderborn. Dort, wie auch an weiteren Hochschulen in OWL, wird die Lehre wegen der Corona-Pandemie weitgehend online erfolgen. Foto: Jörn Hannemann
Ein Bild, das auf absehbare Zeit der Vergangenheit angehören dürfte: ein voll besetzter Hörsaal an der Universität Paderborn. Dort, wie auch an weiteren Hochschulen in OWL, wird die Lehre wegen der Corona-Pandemie weitgehend online erfolgen. Foto: Jörn Hannemann

Dis Situation in Paderborn

Welche Auswirkungen die Lage hat, zeigt sich am Beispiel der Universität Paderborn. Unipräsidentin Birgitt Riegraf und der Vizepräsident für Lehre, Studium und Qualitätsmanagement, Volker Schöppner, haben den Studenten per E-Mail mitgeteilt, dass sie sich auf ein Semester ohne Präsenzveranstaltungen einstellen sollen. Der Lehrbetrieb werde online ablaufen.

Volker Schöppner sagte dem WESTFALEN-BLATT: „Die Universität hat jetzt noch zwei Wochen Zeit, da ja der Semesterbeginn ohnehin auf den 20. April verschoben wurde. Jeder Professor und Lehrende ist aufgefordert, Materialien anzubieten, die heruntergeladen werden können.“ Professoren sollten ihre Vorlesungen ohne Publikum halten und aufzeichnen. Auch Chatformate sowie Telefon-, Video- und Webkonferenzen seien geplant, um den Lehrbetrieb weitgehend aufrechterhalten zu können. „Die Studierenden bekommen für jedes Fach individuelle Erläuterungen zur konkreten Vorgehensweise und zu den Werkzeugen, die eingesetzt werden“, erläutert Schöppner. Dies werde per E-Mail geschehen.

Für die Universität Paderborn handele es sich um einen „tiefen Einschnitt“, betont der Vizepräsident: „Im Gegensatz zur Fernuniversität Hagen wollen wir eine Präsenzuniversität bleiben.“ Ohne gewisse Einschränkungen werde es nicht gehen, aber „ein nahezu vollständiges Angebot“ für alle Fächer sei das Ziel. Lehrfilme könnten ein Praktikum an einer Maschine oder die Handhabung eines Analyseinstruments in der Chemie allerdings nur schwer ersetzen. Und auch für Fächer wie Kunst mit ihrer unerlässlichen praktischen Beschäftigung mit Materialien stelle die Umstellung eine große Herausforderung dar.

Herausforderung nicht nur für die 20.000 Studenten

Nicht nur für die 20.000 Studierenden ist ein reines Online-Semester eine echte Herausforderung. Auch viele Professoren und Professorinnen betreten Neuland. Ihnen soll unter dem Motto „Lehrende helfen Lehrenden“ per Chat die Angst genommen und das nötige Rüstzeug vermittelt werden. Bei den Studenten wiederum setzt die Uni voraus, dass sie über einen Rechner und ein Smartphone verfügen. Mit ihnen haben sie trotz Schließung der Universitätsbibliothek online Zugriff auf einen Teil des Bücher- und Zeitschriftenbestandes. „Vieles in den Bibliotheken ist schon seit Jahren online, das gilt zum Beispiel für neue Forschungsergebnisse, aber schwieriger ist es bei Grundlagenbüchern“, erläutert Schöppner. Lehrbücher seien aber als Download in der Unibibliothek verfügbar, wenn auch zahlenmäßig begrenzt.

Den Wegfall der persönlichen Kontakte zwischen Lehrenden und Lernenden will die Universität durch mehr Onlinesprechstunden auffangen, die per E-Mail vereinbart werden können. Darüber hinaus sollen die Studenten in Chat-Sprechstunden zu der Zeit, in der die Vorlesungen und Seminare eigentlich hätten stattfinden sollen, Nachfragen stellen können. Was Seminar- und Hausarbeiten angeht, habe die Uni wegen des Coronavirus bereits die Erlaubnis erteilt, dass sie im PDF-Format per E-Mail ans Prüfungssekretariat geschickt werden können, sagt Schöppner.

Mündliche Abschlussprüfungen übers Internet?

Mündliche Abschlussprüfungen sollen via Internet abgenommen werden. Der Professor auf der einen Seite befragt den Prüfling und ein Beisitzer protokolliert den Verlauf. Die digital aufbereiteten Veranstaltungen werden nicht live stattfinden, um die technische Infrastruktur zu schonen.

Die Hochschule nennt sich zwar selbst „Universität der Informationsgesellschaft“ und sieht sich technisch auch gut gerüstet, aber auch für sie handelt es sich um einen von außen erzwungenen und ungewollten Praxisversuch mit offenem Ausgang. Volker Schöppner: „Selbst für die Universität der Informationsgesellschaft ist die Online-Lehre in dieser Breite und dieser Geschwindigkeit eine Herausforderung.“

Dass die Hochschule im Sommersemester zur Geisteruniversität wird, bedauert der Vizepräsident. Fachlicher und sozialer Austausch unter allen Beteiligten gehöre zwingend zum Wesen einer Universität. Für den Fall, dass das Experiment Onlinesemester gelingen sollte, fürchtet er nicht, dass nach der Corona-Krise die Flure menschenleer bleiben: „Das studentische Leben bietet genügend Anreize, um auch weiter den Campus zu besuchen. Und wir selbst werden viel darüber lernen, wie man digitale Werkzeuge einsetzen kann. Und durch Webkonferenzen sinkt dann vielleicht die Zahl der Dienstreisen.“

Die Situation in Bielefeld

Die Universität und die Fachhochschule (FH) Bielefeld verbindet nicht nur die räumliche Nähe. Beide staatliche Hochschulen erwarten in der Corona-Krise auch nicht die baldige Rückkehr zum Präsenzbetrieb.

„Ich kann mir aktuell keine 10.000 Studenten auf dem Campus vorstellen“, sagt FH-Präsidentin Ingeborg Schramm-Wölk. „Damit das Semester nicht verloren geht, müssen wir es bis zum Ende, also mit Übungen, Praktika und Prüfungen, als Onlinesemester denken.“ Die FH mit 10.552 Studierenden und 626 Studienanfängern plant daher für den schlechtesten Fall – also das bis Mitte Juli laufende Sommersemester vollständig online abzuhalten. Dazu sei bereits am 2. März ein 15-köpfiges Team zusammengezogen worden, das Lehrende durch Online-Seminare und direkte Unterstützung mit verschiedenen Formen des E-Learnings vertraut mache.

Je nach Fachbereich sollten 80 bis 99 Prozent der Studieninhalte ins Digitale übertragen werden können, sagt die FH-Präsidentin. In den Ingenieurwissenschaften gebe es viele Möglichkeiten der Simulation. „Wir sind vertraut damit, Versuche am Modell durchzuspielen.“ Auch gebe es seit einiger Zeit Pilotprojekte für digitale Prüfungen. Davon könne die FH jetzt profitieren. Als Positiveffekt der Krise erwartet Schramm-Wölk einen „Digitalisierungsschub“.

Onlinebetrieb für 25.000 Studenten wird eingerichtet

Auch die Uni Bielefeld arbeitet unter Hochdruck an einer Umstellung auf den Onlinebetrieb für ihre 25.000 Studierenden. Die Fakultäten planten Online-Formate: Vorlesungen könnten aufgezeichnet werden, Materialien und Videos über den Lernraum bereitgestellt oder Onlinekurse durchgeführt werden, erklärt Pressesprecherin Sandra Sieraad. „Auch die Erbringung von Studien- und Prüfungsleistungen soll möglichst online stattfinden. Allerdings wird nicht alles über digitale Formate durchführbar sein.“

Das gelte auch für Praktika, Experimente, Exkursionen oder Archivbesuche. Sie sollen möglichst durch gleichwertige, kontaktlose Angebote ersetzt werden. „Wo dies unter den gegebenen Bedingungen nicht möglich ist, werden die Veranstaltungen in die vorlesungsfreie Zeit oder das Folgesemester verschoben.“

Die Uni-Bibliothek biete weiterhin Beschäftigten und Studierenden die Ausleihe nur von Medien an, „die für das Studium unabdingbar sind und nicht elektronisch zur Verfügung stehen“. Die Lesesäle bleiben gesperrt.

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