Etwa 300 Menschen im Paderborner Land erlagen 1918 der Spanischen Grippe
Nicht die erste Pandemie

Paderborn (WB). Das Coronavirus hält Paderborn in Atem. Es ist aber nicht die erste Pandemie in der Geschichte der Stadt. Zahlreiche Todesopfer forderte die Spanische Grippe im Herbst und Winter 1918.

Sonntag, 19.04.2020, 20:37 Uhr aktualisiert: 20.04.2020, 15:20 Uhr
Das Lazarett am Paderborner Inselbadstadion. Hier wurde auch der Soldat Karl Höffken behandelt, der die Spanische Grippe überlebte. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn
Das Lazarett am Paderborner Inselbadstadion. Hier wurde auch der Soldat Karl Höffken behandelt, der die Spanische Grippe überlebte. Foto: Stadt- und Kreisarchiv Paderborn

„Der Zug des Todes war gerade in diesen Tagen von ganz besonderer schauriger Größe“, heißt es furchterregend in dem Artikel „Novemberstürme“ im „Paderborner Anzeiger“ vom 4. November 1918. Und weiter: „Ueber die ganze Erde hin brauste es wie eine Züchtigung Gottes und durch die Tore der Friedhöfe wankt Schatten um Schatten. Zu all dem Kriegselend, zu den vielen Opfern an unseren Besten, mußte, das Maß zu füllen, auch noch der Würgengel einer fast gespenstischen Krankheit kommen.“ Unsagbar schwer sei, was der „müden, kranken Menschheit“ aufgebürdet werde. Trost zu spenden, falle genauso schwer wie den „Schein des Lichtes zu finden, der aus den Schatten und der Finsternis führt“.

Archivar wertet Sterberegister aus

Der stellvertretende Leiter des Stadt- und Kreisarchivs an der Pontanusstraße, Jonas Eberhardt, stieß bei seinen Recherchen zur Spanischen Grippe auf diesen Text. Nach Auswertung von Sterberegistern geht er davon aus, dass die Seuche in Paderborn mindestens 200 Menschen das Leben gekostet hat. „Dazu kommen noch diejenigen, die angeblich an einer Lungenentzündung gestorben sind – von ihnen muss man sicher einige der Spanischen Grippe zuschreiben“, erläutert der Archivar. Im Kreis Paderborn seien der Spanischen Grippe weitere 100 Menschen erlegen.

Von ersten Fällen in Paderborn wird im Mai 1918 berichtet. In einer Chronik wird darauf hingewiesen, dass zu Libori die Hälfte der Schulkinder krank gewesen sei. Danach flachte die Entwicklung bis zum Herbst etwas ab, ehe die Krankheit im Oktober und November voll durchschlug.

Dass es die Spanische Grippe war, die Menschen vom Leben zum Tode beförderte, wusste die Bevölkerung erst, als Zeitungen über die Epidemie in Spanien berichteten. Zuvor seien die Menschen von Lungenentzündungen als Auslöser ausgegangen, erläutert Jonas Eberhardt. Der 42-Jährige verglich die Sterbezahlen von 1918 mit denen davor und danach. Die Stadt Paderborn hatte 1918 insgesamt 33.000 Einwohner, ein Jahr später 32.000. Der entbehrungsreiche Erste Weltkrieg, aber auch Krankheiten wie die Spanische Grippe forderten ihren Tribut.

In den USA nimmt die Tragödie ihren Anfang

Soldaten hatten die Seuche von der Front mitgebracht. Ausgebrochen war sie offenbar in Haskell County im US-Bundesstaat Kansas. Mindestens drei Personen aus dem Ort wurden Ende Februar 1918 in das Ausbildungslager Camp Funston der US-Armee eingezogen. Am 4. März erkrankte der Koch Albert Gitchell an der Grippe, nur drei Wochen später wurden unter den 56.000 Rekruten 1100 Schwerkranke und 38 Todesfälle registriert. Die Seuche griff auf Fabriken und Städte über und gelangte mit Truppentransportern zur Westfront des Ersten Weltkriegs. Bis 1920 starben weltweit schätzungsweise 50 Millionen Menschen an ihr.

Die Variante des Influenzavirus (Subtyp A/H1N1) machte sich beispielsweise durch ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl, Kopf- und Gliederschmerzen, Reiz- oder Krampfhusten, starke Müdigkeit, Fieber oder eine bläulich-schwarze Verfärbung der Haut bemerkbar. Der Tod trat in der Regel nach acht oder neun Tagen ein. „Viele Menschen im Alter zwischen 20 und 40 waren betroffen, was die Zeitgenossen sehr beklagten“, weiß Jonas Eberhardt.

Krankenbericht eines Soldaten

Der Soldat Karl Höffken dagegen überlebte. Der 28-jährige Kratzenschleifer aus Mettmann war am 8. Oktober 1918 ins Lazarett am Inselbadstadion in Paderborn eingeliefert worden. Sein Gesicht war stark gerötet, die Ärzte stellten Atem- und Rasselgeräusche fest. Die Körpertemperatur stieg von 38 auf 40,5 Grad Celsius, fiel nach drei Tagen aber wieder. Weil die Krankheit ihn stark geschwächt hatte, konnte Karl Höffken das Lazarett erst am 14. Dezember verlassen.

Archivar Jonas Eberhardt weiß das deshalb so genau, weil die Behandlungsbücher des Lazaretts erhalten blieben. Übrigens war Höffken noch ein langes Leben vergönnt: 1975 starb er im Alter von 85 Jahren. Die Spanische Grippe fiel in die Zeit des politischen Umbruchs im Deutschen Reich. Die Revolution vom 9. November 1918 fegte das morsche monarchische System hinweg und ebnete der Weimarer Republik den Weg.

Die Umwälzungen beschäftigten natürlich auch die Menschen in Paderborn. „Die Revolution überlagerte und verdrängte schließlich als Thema die Spanische Grippe“, berichtet Jonas Eberhardt. Den Umbruch spiegeln auch die abschließenden Zeilen des Artikels im „Paderborner Anzeiger“ wider: „Von ferne, ganz weit noch, leuchten die Fackelträger einer neuen Zeit und nebelgrau wie dieser November, sehen wir am jenseitigen Ufer die schemenhaften, vagen Umrisse einer neuen Zukunft.“

Hausarrest während der Pest

Bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts hinein war Paderborn immer wieder auch von der Pest heimgesucht worden, zum Beispiel 1350, 1439, 1506, 1580 oder 1625. Und 1625 zeigt sich eine Parallele zum Umgang mit dem heutigen Coronavirus. Bürgermeister und Rat wurden damals angewiesen, sicherzustellen, dass Infizierte sechs Wochen lang ihr Haus nicht verlassen und Kontakte zu anderen Menschen unterlassen. Wie verheerend ein Pestausbruch sein konnte, zeigte das Jahr 1636. In ihm raffte der sogenannte Schwarze Tod etwa 1380 Frauen, Männer und Kinder in Paderhorn dahin.

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