Kreisjugendamt Paderborn geht jedem Verdacht der Kindeswohlgefährdung nach
Familien werden weiter besucht

Paderborn (WB). Diese Tage richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit vornehmlich auf ältere Menschen und die Frage, wie diese Risikogruppe vor dem Coronavirus geschützt werden kann. Doch der Kreis Paderborn richtet seine Augen auch auf eine weitere gefährdete Gruppe: Kinder aus problematischen Familienverhältnissen.

Dienstag, 21.04.2020, 05:00 Uhr
Kreisjugendamtsleiter Günther Uhrmeister. Foto:
Kreisjugendamtsleiter Günther Uhrmeister.

Auch in Zeiten des Kontaktverbotes gehen die Mitarbeiter des Kreisjugendamtes jeder Meldung einer Kindeswohlgefährdung nach. „Wenn besorgte Menschen uns benachrichtigen, besuchen unsere Kinderschützer weiterhin die Familien“, erklärt Jugenddezernent Dr. Ulrich Conradi. Zum Schutz tragen die Kreismitarbeiter Schutzmasken und bringen auch Masken für die Familien mit.

Die Gespräche werden mit Abstand geführt, am besten eignen sich dafür Garten oder Balkon. „Wir sprechen weiter mit allen Familienmitgliedern, den Kindern und den Erwachsenen. Keinesfalls werden wir die Standards des Kinderschutzes aufweichen, auch wenn wir unter schwierigeren Bedingungen arbeiten“, betont Conradi.

Zahlen derzeit unverändert

Aber nicht nur das Jugendamt ist derzeit besonders gefragt. „In allen Kommunen des Kreises Paderborn gibt es Netzwerke für frühe Hilfen und den Kindesschutz. Auch sie achten jetzt ganz besonders auf Hilferufe und gehen auf die Familien zu: Lehrer, Schulsozialarbeiter, Erzieher und auch unsere Beratungsstellen kennen ihre Sorgenkinder, und wir wissen von vielen engagierten Pädagogen, die jetzt trotz Schließung der Einrichtungen bei den Familien anfragen, wie es läuft“, freut sich Jugendamtsleiter Günther Uhrmeister über eine Kultur des präventiven Kindesschutzes.

Zurzeit verzeichne der Kreis keine auffallende Veränderung in der Zahl der Gefährdungsmeldungen – weder sinkend noch steigend. Trotzdem sei konzentrierte Achtsamkeit jetzt besonders gefragt und auch Zivilcourage im Kindesschutz, trotz und gerade wegen der sozialen Abstandsregeln. Es gebe viele gute Initiativen im Kreis Paderborn, angefangen von der Online-Kita in Hövelhof bis hin zu kreativen Kontaktformen in den frühen Hilfen.

Neben der Überprüfung von akuten Meldungen der Kindeswohlgefährdung betreut das Kreisjugendamt rund 500 Familien mit Problemlagen. Diesen Familien werden unterstützt, indem ihnen zum Beispiel Familienhelfer an die Seite gestellt werden. Auch Aktivitäten der Familienhelfer mit den Kindern an der frischen Luft seien – mit dem nötigen Abstand – weiterhin möglich.

Konflikte können schneller eskalieren

Kindeswohlgefährdung kann in den besten Familien vorkommen, und Gewalt hat viele Formen, sichtbare körperliche Gewalt genauso wie psychische Gewalt, die oft erst auf den zweiten Blick erkennbar ist. Vor allem Familien, die sich schon in „gesunden Zeiten“, zurückgezogen haben, wegen Krankheiten weniger belastbar sind oder Kinder haben mit besonderen erzieherischen Anforderungen, die haben jetzt weniger Reserven.

Die fehlende Tagesstruktur und das erzwungene Auf-einander-Hocken kann zu Stress führen und lässt Konflikte schneller eskalieren. Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille: „Für viele ist der Streit im Moment nicht mehr so wichtig, die Gesundheit geht vor“, beschreibt der Jugendamtsleiter eine positive Nebenwirkung der Krise.

Der Notruf an das Kreisjugendamt ist tagsüber über Tel. 05251/3085188 möglich, nachts, an Wochenenden oder Feiertagen ist das Kreisjugendamt über die Rufnummer der Kreisfeuerwehrzentrale zu erreichen, Tel. 02955/76760.

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