Paderborner Markus Brüggemeier gedenkt an diesem Freitag RAF-Geiselnahme in der deutschen Botschaft
Der Terror von Stockholm

Stockholm/Paderborn (WB). Um 11.48 Uhr wird Alarm ausgelöst: Sechs Mitglieder eines RAF-Kommandos haben die deutsche Botschaft in Stockholm gestürmt. Sie schießen in die Luft, treiben Botschaftsmitarbeiter vor sich her. „Überfall! Aufmachen! Rauskommen, sonst schießen wir!“, rufen sie. Die blutige Bilanz des Überfalls heute vor 45 Jahren: Zwei deutsche Diplomaten ermordet, zwei Terroristen durch ihre eigenen Sprengsätze getötet. Es ist das Vorspiel zum „Deutschen Herbst“. Der Paderborner Markus Brüggemeier (49), der derzeit als Verteidigungsattaché in Stockholm tätig ist, wird an diesem Freitag gemeinsam mit weiteren Botschaftsmitarbeitern zum Gedenken an die Toten Blumen in der Botschaft niederlegen.

Freitag, 24.04.2020, 13:22 Uhr aktualisiert: 25.04.2020, 09:22 Uhr
Das Bild der deutschen Botschaft in Stockholm zeigt die Ausmaße der Explosion am Abend des 24. Aprils 1975 in der obersten Etage des Ge­bäudes. Foto: Deutsche Botschaft
Das Bild der deutschen Botschaft in Stockholm zeigt die Ausmaße der Explosion am Abend des 24. Aprils 1975 in der obersten Etage des Ge­bäudes. Foto: Deutsche Botschaft
Markus Brüggemeier

Markus Brüggemeier Foto: Lisa Raihle Rehbäck

„Jeden Morgen, wenn ich die Botschaft betrete, gehe ich an der Gedenkwand vorbei. Bei dem Gedanken an die Geiselnahme wird einem in diesen Tagen schon anders “, erzählt Brüggemeier im Gespräch mit dieser Zeitung. Zwölf Geiseln sind damals in der Gewalt der Terroristen. Sie wollen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und 23 weitere RAF-Häftlinge aus den Gefängnissen freipressen. Knapp drei Jahre zuvor waren die Köpfe der ersten RAF-Generation gefasst worden. Bereits zwei Jahre vor dem Überfall in Stockholm ging eine erste Gruppe um Margit Schiller in den Untergrund, um „die Gefangenen herauszuholen“. Diese ersten „Baader-Meinhof-Nachfolger“ beschafften sich Waffen, überfielen eine Bank und planten eine Entführung. Bevor es dazu kam, werden alle acht am 4. Februar 1974 verhaftet. So formiert sich eine neue Gruppe, die in Schweden zuschlagen will.

Stockholmer Täter nennen sich „Kommando Holger Meins“

Die Leitung des Überfalls in Stockholm übernimmt Siegfried Hausner (23). Wie in alten Zeitungsartikeln zu lesen ist, gehörte er einst zum „Sozialistischen Patientenkollektiv“ (SPK) des Arztes Wolfgang Huber in Heidelberg. Auch drei andere Mitglieder des Kommandos waren im SPK oder dessen Umfeld: der Psychologiestudent Lutz Taufer (31), seine Freundin Hanna Krabbe (29), Soziologiestudentin, und Ulrich Wessel (29), Sohn eines Hamburger Kaufmanns. Aus Hamburg kommen noch der frühere Briefträger Karl-Heinz Dellwo (23) und der ehemalige Reprofotograf Bernhard Rößner (28) dazu.

Die Stockholmer Täter nennen sich „Kommando Holger Meins“ – nach Baaders Adlatus, der ein halbes Jahr zuvor im Gefängnis an den Folgen eines Hungerstreiks gestorben war. Sie haben sich im dritten Stock der deutschen Botschaft verschanzt. In den Etagen darunter sitzt die Polizei, die aber trotz Drohungen der RAF-Terroristen nicht zurückweichen will. „Die Stockholmer Polizei ist für die Sicherheit der ausländischen Botschaften verantwortlich. Sie war schnell vor Ort, hatte aber offenbar die Entschlossenheit und die kriminelle Energie der Täter ebenso unterschätzt wie die Ernsthaftigkeit ihrer Drohungen“, sagt der Paderborner Brüggemeier. Als die Polizei der Forderung der Geiselnehmer, sich aus dem Untergeschoss der Botschaft zurückzuziehen, nicht nachgekommen sei, sei Verteidigungs­attaché Andreas von Mirbach, also Brüggemeiers damaliger Amtsvorgänger, kaltblütig erschossen worden. Brüggemeier: „Von fünf Schüssen in Kopf, Arm und Beine getroffen, wurde er noch lebend die Treppe hinuntergeworfen. Er durfte erst nach einer Dreiviertelstunde geborgen werden und verstarb noch am selben Tag.“ Von Mirbach (44) hinterlässt seine Frau und zwölfjährige Zwillinge.

Warum der Sprengstoff explodierte, ist bis heute ungeklärt

Als Vorbild für den Überfall in Stockholm dient der RAF die sogenannte Lorenz-Entführung. Keine zwei Monate vor Stockholm hatte die „Bewegung 2. Juni“ den Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz gekidnappt und fünf Häftlinge freigepresst. Doch dieses Mal bleibt die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) hart und signalisiert der schwedischen Regierung unter Ministerpräsident Olof Palme, dass sie sich auf die Forderungen der RAF nicht einlassen werde. Darauf reagieren die Geiselnehmer mit der Erschießung des 64-jährigen Wirtschaftsattachés Heinz Hillegaart. Zum nächsten Todeskandidaten bestimmen die Täter Kulturreferent Arno Elfgen. Doch um 23.46 Uhr ertönt eine ohrenbetäubende Explosion. Der Sprengstoff, den die Terroristen zuvor ausgelegt hatten, ist in die Luft geflogen. Warum, ist bis ­heute ungeklärt.

Die Geiseln können aus der brennenden Botschaft flüchten, alle sind verletzt, haben Brand- und Splitterwunden. Nach einigen Minuten laufen auch fünf Maskierte nach draußen. Die Polizei nimmt sie fest. Den sechsten Terroristen finden die Beamten, als sie das Gebäude durchsuchen: Ulrich Wessel, noch in der Nacht stirbt er. Auch Siegfried Hausner, der Sprengstoffexperte der Gruppe, stirbt zehn Tage nach der Explosion.

Gericht verurteilt Täter zu lebenslangen Freiheitsstrafen

Ein Jahr nach dem Überfall beginnt der Prozess gegen die vier verbliebenen Täter. Die zentrale Frage lautet: Warum explodierte der Sprengstoff? Die Terroristen behaupten, er sei von den Einsatzkräften vor Ort mit Billigung der deutschen Regierung gezündet worden. Das Gericht weist dies jedoch zurück und vermutet eine versehentliche Zündung durch einen der Geiselnehmer, heißt es in einem Aufsatz der Bundeszentrale für politische Bildung. Am 20. Juli 1977 verurteilt das Gericht Taufer, Krabbe, Dellwo und Rössner zu lebenslangen Freiheitsstrafen wegen zweifachen gemeinschaftlichen Mordes, Geiselnahme und Nötigung eines Verfassungsorgans. Zwei Jahre nach Stockholm versucht die RAF abermals, die Gefangenen freizupressen. Der Trupp nennt sich nach einem der Stockholm-Täter: „Kommando Siegfried Hausner“. Er ermordet die vier Begleiter von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und entführt ihn. Der „Deutsche Herbst“ beginnt.

Brüggemeier: „Es bleibt die Einsicht, dass der Preis für die Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit Deutschlands manchmal sehr hoch sein kann.“

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