Schausteller in Paderborn fürchten wegen abgesagter Volksfeste um ihre Existenz
Wenn der Rummel plötzlich ruht

Paderborn (WB). „Bei diesem herrlichen Wetter wäre es jetzt richtig rund gegangen. Was hätte das schön sein können“, sagt Robert Petter (56) betrübt. Stattdessen blickt er auf seinen Autoscooter, mit dem wohl fast jeder Paderborner auf Libori seine Runde gedreht hat, der nun aber zerlegt auf dem Tieflader schlummert.

Montag, 27.04.2020, 08:10 Uhr aktualisiert: 28.04.2020, 06:30 Uhr
Keine Kirmes, keine Einnahmen: Vielen Schaustellern droht die Insolvenz. Sie fordern einen Rettungsschirm als finanzielle Hilfe und appellieren dringend, weitere Volksfeste nicht zu früh abzusagen. Betroffen sind auch Robert Petter (56), Marc Petter (35) und Gino Petter (30), die warten, ihren bekannten Autoscooter wieder aufbauen zu dürfen. Um den Mittelbau zu transportieren, ist ein spezieller Sattelzug in Sonderanfertigung nötig. Den kompletten Fuhrpark zu unterhalten und zu pflegen geht ins Geld. Foto: Jörn Hannemann
Keine Kirmes, keine Einnahmen: Vielen Schaustellern droht die Insolvenz. Sie fordern einen Rettungsschirm als finanzielle Hilfe und appellieren dringend, weitere Volksfeste nicht zu früh abzusagen. Betroffen sind auch Robert Petter (56), Marc Petter (35) und Gino Petter (30), die warten, ihren bekannten Autoscooter wieder aufbauen zu dürfen. Um den Mittelbau zu transportieren, ist ein spezieller Sattelzug in Sonderanfertigung nötig. Den kompletten Fuhrpark zu unterhalten und zu pflegen geht ins Geld. Foto: Jörn Hannemann

Wie auch seine Kollegen vom Schaustellerbund bangt auch er wegen Corona um seine Existenz. Keiner weiß, wie es wegen der abgesagten Volksfeste weitergehen soll. Auf fünf Generationen kann das Familienunternehmen Petter zurückblicken. „Wir haben viele Krisen erlebt und überlebt, aber das hier konnte man sich selbst in den schlimmsten Träumen nicht vorstellen.“ Erschwerend komme bei ihm hinzu, dass sein zweites Standbein, der Indoor-Spielplatz Paderbini-Land in Paderborn, ebenfalls von den Schließungen betroffen ist. Die doppelte Niete also, um in der Kirmessprache zu bleiben.

David Lüdtke hat sich für die neue Saison einen neuen Crêpes­wagen gekauft. Jetzt wartet er auf seinen ersten Einsatz.

David Lüdtke hat sich für die neue Saison einen neuen Crêpes­wagen gekauft. Jetzt wartet er auf seinen ersten Einsatz. Foto: Jörn Hannemann

Eigentlich ist Vergnügen und gute Laune ihr Geschäft. Nur nicht in diesem Jahr: „Wir haben 30 Schaustellerfamilien hier in der Region, knapp 100 Mitglieder. Bei fast allen sind die Kassen leer, ihre Existenzen sind massiv bedroht“, warnt Schausteller-Chef Hans-Otto Bröckling. Auf den Weihnachtsmärkten hatten viele die letzte Gelegenheit, Geld ein­zunehmen. Der Lunapark abgesagt. Libori fällt aus. Die Schützenfeste auch. Wie so viele andere Gelegenheiten, wo die Schausteller dabei gewesen wären.

Eine Million Euro kostete das Gondel-Fahrgeschäft „Jekyll & Hyde“ von Bethel Thelen, das er 2014 gekauft hatte. Die Raten müssen weiter bezahlt werden. „Von der Soforthilfe konnte ich gerade mal eine Monatsrate bezahlen.“

Vor ein paar Tagen war der TÜV vor Ort: „4000 Euro hat die Abnahme für ein Jahr gekostet, aber wie oft werde ich das große Fahrgeschäft in dieser Zeit aufbauen dürfen?”, fragt Thelen. Anfang des Jahres war an die Corona-Misere nicht zu denken. 28.000 Euro hat er vor der Saison in Renovierung und Instandhaltung investiert. „Die langen Arme des Pendels wurden neu lackiert, eine neue LED-Leinwand über dem Kassenhäuschen installiert und verschiedene Verschleißteile ausgetauscht.“ Seitdem steht das Fahrgeschäft mit Millionenwert auf seinem Hof herum.

Ein Schausteller hat mit seinem Softeisstand vor einem Einrichtungshaus Station bezogen, allein um die Lebensmittel abzuverkaufen. Für Großfahrgeschäfte geht das nicht. „Acht Menschen sitzen in der Gondel, die sich spektakulär hoch in der Luft immer um die eigene Achse dreht. Wie soll das mit dem erforderlichen Sicherheitsabstand von 1,5 Meter funktionieren?“, fragt Thelen sich fast täglich. Nicht voll besetzt würde das Geschäft nicht einmal die laufenden Kosten einspielen.

Auch sein Schaustellerkollege David Lüdtke hat sich das Jahr anders vorgestellt. „Ich habe im vergangenen Jahr einen neuen Crêpes-Wagen bauen lassen. Waren für Lunapark eingekauft. Leider vergeblich.“ Alles was er jetzt nicht verkaufen könne, hole er nicht wieder rein.

Schausteller-Chef Hans-Otto Bröckling fordert angesichts der dramatischen Lage einen staat­lichen Rettungsschirm für die Branche und eine Perspektive, wann wieder Feste stattfinden können. „Ganz entscheidend ist für uns, dass Feste nicht frühzeitig abgesagt werden. Was einmal abgesagt wurde, findet nicht mehr statt. Wir sollten die Gefahrenlage alle vier Wochen neu bewerten.“

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