Gesprächsrunde Wirtschaft und Arbeit in Paderborn: Azubi-Delle befürchtet
Lob für Lockerungen, doch die Sorgen bleiben

Paderborn (WB). Paderborns Bürgermeister Michael Dreier begrüßt die am Mittwoch beschlossenen Lockerungen für die Wirtschaft, die Gastronomie, den Tourismus und das öffentliche Leben. Das erklärte er am Mittwoch im Rahmen einer Telefonkonferenz, an der zahlreiche Vertreter aus Politik, Handel, Handwerk, Industrie, Gewerkschaft, Agentur für Arbeit und Jobcenter teilnahmen. Es war bereits die achte Runde dieser Art seit Beginn der Corona-Pandemie.

Donnerstag, 07.05.2020, 09:00 Uhr aktualisiert: 07.05.2020, 15:22 Uhr
Die Gesprächsrunde zwischen Politik, Handel, Wirtschaft und Gewerkschaften fand per Telefonkonferenz statt. Foto: Jörn Hannemann
Die Gesprächsrunde zwischen Politik, Handel, Wirtschaft und Gewerkschaften fand per Telefonkonferenz statt.

Mit dabei war diesmal auch Landtagsabgeordneter Daniel Sieveke (CDU). Ein wichtiger Schritt sei, so Sieveke, dass von kommenden Montag an auch die Geschäfte wieder öffnen dürfen, die über mehr als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche verfügen. Auch der Start für die Gastronomie (11. Mai) sowie Kitas und Schulen seien wichtige Schritte auf dem Weg zu einer Normalität, die anders sein werde, als vor Corona. Er gehe davon aus, dass der gesunde Menschenverstand helfen werde, die mit den Lockerungen verbundenen Auflagen einzuhalten. Der Landespolitiker gab in dem Zusammenhang zu: „Ein verantwortungsvolles Hochfahren ist echt schwierig.“ Er rechne daher erneut mit zahlreichen Zuschriften von Menschen, die die Politik für die beschlossenen Lockerungen heftig kritisieren werden. „Da heißt es dann: Jeder Tote geht auf das Konto der Politiker“, berichtete Sieveke aus den Erfahrungen der vergangenen Wochen.

Deutliche Konsumzurückhaltung

Professor Johannes Beverungen, Vorsitzender des Handelsverbandes OWL, warnte davor zu glauben, dass mit der Öffnung aller Geschäfte der Handel gerettet sei. „Es wird ein Marathon bleiben“, sagte er mit Blick auf die Einnahmeverluste, die unwiederbringlich verloren seien. Kai Buhrke, Geschäftsführer des Handelsverbandes OWL der Kreise Paderborn und Höxter bestätigte: „Wir spüren eine deutliche Konsumzurückhaltung.“ Die Frequenz in den Innenstädten liege aktuell bei 40 Prozent, die Umsätze bei Textilien seien um die Hälfte geschrumpft. Schon jetzt fehlten dem Handel in OWL 400 Millionen Euro Umsatz. Es werde bis mindestens 2022 dauern, diese Verluste wieder auszugleichen.

Uwe Seibel, Vorsitzender der Werbegemeinschaft Paderborn, rechnete vor, dass an „normalen Tagen“ (vor Corona) rund 30.000 Besucher in der Paderborner Innenstadt gezählt worden seien. Samstags seien es sogar 40.000 gewesen. An diese Zahlen reiche man derzeit bei weitem nicht her­an. Aktuell seien es 12.000. „Wir sehen jetzt, wie wichtig auch die Gastronomie ist“, meinte Seibel. Denn diese sei entscheidend für die Verweildauer.

Gastronomie braucht weiter Ausdauer

Melanie Cramer, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbandes Paderborn, lobte die Einrichtung der Gesprächsrunden, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Konkret befürchte sie jedoch, dass die Industrie vor Ort noch einige Zeit mit dem Zuliefererproblem zu kämpfen haben werde. Das wiederum werde die Kurzarbeit weiter massiv beeinflussen. Immerhin gebe es nun eine Perspektive für die Gastronomie, die vom 11. Mai an unter Auflagen wieder öffnen dürfe. Regine Tönsing, Hauptgeschäftsführerin vom Hotel- und Gaststättenverband, ist sicher, dass die Gastronomie im Bezug auf die Einhaltung der Hygienevorschriften noch erhebliche Probleme zu lösen haben werde. Auch seien weitere Umsatzeinbußen zu befürchten. „Wir werden uns an die langsamen Schritte nach vorn gewöhnen müssen“, sagte Tönsing. DEHOGA-Geschäftsführerin Miriam Kröger lobte, dass es nun einen fixen Termin für die Wiedereröffnung gebe. „Das haben die Betriebe gebraucht“, stellte sie klar. Dennoch sei weiter Geduld gefragt.

Ein großes Thema ist in der Wirtschaftsrunde auch das Thema Ausbildung gewesen. Die Gewerkschaftsvertreter Anke Unger (DGB), Carmelo Zanghi (IG Metall) und Martina Schu (Verdi) sowie Peter Gödde (Kreishandwerkerschaft) und Jürgen Behlke (Industrie- und Handelskammer) appellierten an die Unternehmen, weiter auszubilden. Die Zahl der Neuverträge sei derzeit auf einem extrem niedrigen Stand. Gödde sprach von einem Minus von 15 Prozent, Behlke im gewerblich-technischen Bereich sogar von 22 Prozent. Der Trend sei besorgniserregend, waren sich alle einig. „Wir müssen daran arbeiten, dass das Matching zwischen Bewerbern und Betrieben zustande kommt“, sagte Behlke.

Ausbildungsmessen werden abgesagt

Sowohl IHK als auch Kreishandwerkerschaft kündigten am Mittwoch an, dass es dieses Jahr keine Ausbildungsmessen geben werde. Man werde an digitalen Formaten arbeiten müssen. „Tausende Schüler lassen sich in diesen Zeiten nicht zusammenbringen“, sagte der IHK-Geschäftsführer.

Jürgen Behlke malte ein besonders düsteres Bild mit Blick auf die Corona-Krise und die Folgen für die heimische Wirtschaft und den Arbeitsmarkt: „Wir müssen uns auf eine Rezession vorbereiten. Es wird auch hier mehr Insolvenzen und Arbeitslose geben. Das lässt sich mit den Milliarden aus Berlin und Düsseldorf nicht retten. Wir müssen uns also weiter auf einen Krisenmodus einstellen.“

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