Mi., 20.05.2020

Mord in Delbrück-Westenholz: Angeklagter erzählt dem Schwurgericht seine Version des Tathergangs Angeklagter behauptet, Hammerschlag sei Unfall gewesen

In diesem Fachwerkhaus kam der 84-jährige Mann im Oktober 2019 ums Leben.

In diesem Fachwerkhaus kam der 84-jährige Mann im Oktober 2019 ums Leben. Foto: Axel Langer

Von Ulrich Pfaff

Paderborn/Delbrück (WB). Weiter auseinander könnten die Versionen kaum liegen. Für die Staatsanwaltschaft ist der Tod eines 84-Jährigen in Westenholz ein Mord aus Habgier, für den angeklagten früheren Pflegesohn des Getöteten war es ein Unfall. Und der Vorschlaghammer, dem der Rentner zum Opfer fiel, soll nicht nur Tatwerkzeug, sondern auch Auslöser gewesen sein.

Der 48-Jährige steht in Paderborn vor Gericht, weil er im vergangenen Oktober den 84-Jährigen in dessen Haus in Westenholz erschlagen haben soll. Es sei um das Erbe gegangen, glaubt die Staatsanwaltschaft. Es sei ein unglücklicher Zufall gewesen, sagt der Angeklagte selbst, der sich am dritten Prozesstag am Mittwoch umfangreich zu der gesamten Sache äußerte.

Streit um die Tatwaffe

Zentrale Rolle kommt nach der Schilderung des 48-Jährigen einem Vorschlaghammer zu – über den habe er sich am Vormittag mit dem Pflegevater mehrfach auseinandergesetzt und sei schließlich darüber in Rage geraten. Er habe dem Rentner den Hammer auf den Küchentisch knallen wollen, aber der mit dem Rücken zu ihm sitzende Mann habe sich just in dem Moment erhoben, als er den Hammer habe fliegen lassen.

Er sei davon unglücklich am Hinterkopf getroffen worden und zusammengesackt. „Da kam Blut. Ich dachte, mein Gott, du hast einen Menschen umgebracht. Du wirst im Fegefeuer enden.“ 6,3 Kilogramm wiegt der Vorschlaghammer samt Stiel, „das ist nicht einfach, wenn man versucht, den zu werfen“, stellt Vorsitzender Richter Erik Schülke fest.

Und so muss der Angeklagte, auch damit sich der anwesende rechtsmedizinische Sachverständige ein Bild von der mutmaßlichen Wurfbewegung machen kann, den in Folie eingewickelten, asservierten Hammer schwingen – auf der Anklagebank, hinter zwei Plexiglasscheiben, immer schön langsam. Den Justizwachtmeistern treibt es erkennbar den Schweiß auf die Stirn, einen Angeklagten im Gerichtssaal mit einer Tatwaffe hantieren zu sehen.

Lange Drogengeschichte

Es ist nicht der einzige skurrile Moment dieses dritten Prozesstages. Er sei immer wieder „clean“ gewesen, sagt der 48-Jährige, als es um seine lange Suchtkarriere geht, in der auch Heroin eine Rolle spielt. „Clean“ heißt eigentlich drogenfrei – für ihn aber, so erfährt man beim weiteren Zuhören, heißt es, nur Alkohol zu trinken und Marihuana zu rauchen. Beides gehört offensichtlich seit vielen Jahren zu seinem Leben, Heroin nicht immer und nicht regelmäßig.

Am Tattag aber gönnt er sich von allem reichlich: Nach dem Aufstehen einen dreiviertel Liter Rotwein aus dem Tetra Pak, nach dem verunglückten Hammerwurf die andere Hälfte des Rotweins und „ein paar Kurze aus der Hausbar“ – will heißen etwa 15 Korn, gleich nacheinander. Da sei er „schon ganz schön knülle“ gewesen, habe sich aber ins Auto gesetzt und sei nach Bielefeld gefahren, um Heroin zu kaufen.

Feuer für Suizid gelegt

Am Abend schließlich hatte der 48-Jährige nach seinen eigenen Worten zusätzlich eine zweite Konsumeinheit Heroin intus, irgendwelche Tabletten und noch sechs halbe Liter Flaschen Bier. Er habe in seinem Elend schließlich beschlossen, ebenfalls aus dem Leben zu scheiden, und zwar indem er die Leiche seines Pflegevaters und sich selbst mitsamt dem Haus verbrenne.

Dies hatte bekanntlich nicht geklappt: Am Morgen des 19. Oktober holte ihn die Feuerwehr von einem Vordach, auf das er sich in Unterhosen und T-Shirt gerettet hatte – „ich bin vom Rauch wach geworden und hatte dann doch Angst vorm Verbrennen.“ Im Esszimmer im Untergeschoss fanden Feuerwehrleute die zum Teil verkohlte Leiche des 84-Jährigen, die der Angeklagte mit Hilfe von Holzscheiten angezündet hatte. Aber das Feuer war lediglich auf den Fußboden direkt am Brandherd übergegangen.

Der Prozess wird am 22. Mai fortgesetzt. Dann soll ein Rechtsmediziner über die Verletzungen an den Leiche des 84-Jährigen berichten.

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