Zwölf Wochen Pandemie: Kreisgesundheitsamt Paderborn zieht Bilanz
Krisenmodus wird Normalität

Paderborn (WB). Die Corona-Krise hat das Kreisgesundheitsamt Paderborn – wie viele andere auch – eiskalt erwischt. Die Pandemie ist ein echter Stresstest. Nachdem der Kreis zunächst personell stark aufgerüstet hat, wird nun das Personal nach und nach reduziert. Allerdings können die Kräfte und auch das Corona-Zentrum innerhalb kürzester Zeit wieder reaktiviert werden, erläutert die stellvertretende Leiterin des Kreisgesundheitsamtes, Dr. Constanze Kuhnert.

Donnerstag, 28.05.2020, 07:27 Uhr aktualisiert: 28.05.2020, 07:50 Uhr
Symbolbild. Foto: dpa
Symbolbild. Foto: dpa

 

Wie hat das Gesundheitsamt die erste Welle erlebt?

„Ende Februar gab es die ersten Verdachtsfälle. Den 7. März werde ich aber nie vergessen. Da hatten wir unseren ersten Corona-Infizierten“, erzählt Dr. Kuhnert. Der Kreis habe zunächst versucht, mit eigenen Kräften der beginnenden Corona-Welle Stand zu halten. „Das komplette Gesundheitsamt wurde zur Hygienebehörde. Trotzdem reichte es nicht, um die Hotline mit mehr als 100 Anrufen pro Tag bewältigen zu können.“ Kreisdirektor Dr. Ulrich Conradi habe sehr schnell gehandelt und für Unterstützung gesorgt. Es kamen weitere Telefonleitungen und Mitarbeiter aus anderen Bereichen dazu. Unter anderem wurden auch Medizinstudenten angeworben und eine Ärztin engagiert.

 

Der MDK Westfalen-Lippe (Medizinische Dienst) hat ebenfalls Experten zur Unterstützung geschickt. Was ist der Hintergrund?

Der MDK hat elf Mitarbeiter – darunter zwei Ärzte sowie Pflegefach- und Verwaltungskräfte – gestellt, die seither im Bereich Hygiene mit im Einsatz sind. „Wir helfen dabei, Infektionsketten zu verfolgen“, berichtet Dr. Sabine Drinkuth vom Medizinischen Dienst. Man habe Patienten über positive Befunde informiert und sie durch die Erkrankung begleitet. „Durch die Unterstützung des MDK hat sich die Lage hier deutlich entspannt“, berichtet Dr. Constanze Kuhnert. Zu Spitzenzeiten arbeiteten 75 Mitarbeiter an der Corona-Schnittstelle beim Kreis. Eine Urlaubssperre sei nicht notwendig gewesen. Die Mitarbeiter hätten freiwillig verzichtet.

 

Wie sind die betroffenen Personen erfasst worden?

Es gab kein standardisiertes Verfahren. Der Kreis musste innerhalb kürzester Zeit ein neues Patienten-Erfassungsprogramm einsetzen. Sandrina Luig, Auszubildende zur Verwaltungsfachwirtin, arbeitete sich in das System ein und schulte die Mitarbeiter.

Dr. Constanze Kuhnert, stellvertretende Leiterin.

Dr. Constanze Kuhnert, stellvertretende Leiterin. Foto: Ingo Schmitz

Zwei Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts halfen zudem bei der Patientennachverfolgung. „Wir bekamen anfangs nur ein Fax aus dem Labor mit dem positiven Testergebnis. Teilweise passten Namen und Geburtsdaten nicht zusammen, und Adressen gab es auch nicht“, berichtet Luig von Problemen. Die Mitarbeiter beim Kreis machten sich auf die Suche nach den Personen, um sie über das Verhalten in der Quarantäne zu informieren. Dabei unterstützte Azubi Christian Wiedemann.

 

Wie ermittelt der Kreis die Kontaktpersonen, und was war der größte Fall?

Die Corona-Infizierten werden befragt, um an die Namen zu gelangen. „Aber wer kann sich schon genau daran erinnern, mit wem er alles in der Zwischenzeit in Verbindung stand?“, fragt Dr. Kuhnert. Der bislang größte Fall hat mit dem ersten Corona-infizierten Bundesliga-Profi Lukas Kilian vom SC Paderborn zu tun. Hier gab es 250 Kontaktpersonen, die ermittelt werden mussten. Dabei habe der SCP aber sehr intensiv mitgewirkt. Außerdem gab es einen Corona-Patienten, der – ohne es zu wissen – in einer Bürgersprechstunde saß. In einem anderen Fall wurde ein infizierter Asylbewerber aus der LWL-Klinik entlassen – zum Glück habe dieser „nur“ seine Familie angesteckt.

 

Gab es auch uneinsichtige Corona-Patienten?

Die allermeisten Bürger seien zwar nicht begeistert, aber kooperativ gewesen. Probleme habe es meist nur mit Kontaktpersonen gegeben. In einem Fall habe sich ein Betroffener sehr uneinsichtig gezeigt. Dort sei ein „vertiefendes Gespräch“ mit Unterstützung von Polizei und Ordnungsamt erfolgt. In einem anderen Fall ließ sich nach Angaben des Kreises ein Infizierter Baustoffe liefern und berichtete den Mitarbeitern erst vor Ort von seiner Erkrankung. Die Firma habe den Fall angezeigt und einen Anwalt eingeschaltet.

 

Wie sieht es bei den Schlachthöfen im Kreis sowie bei den Saisonkräften aus?

Nach Aussage von Dr. Constanze Kuhnert habe der Kreis den Auftrag erhalten vom Land, das Unternehmen Westfleisch in Paderborn zu kontrollieren.

So sieht die Infektionsquote für den Kreis Paderborn beginnend mit dem 7. März aus. Damals gab es den ersten positiven Corona-Fall. Die höchste Infektionsrate war Anfang April.

So sieht die Infektionsquote für den Kreis Paderborn beginnend mit dem 7. März aus. Damals gab es den ersten positiven Corona-Fall. Die höchste Infektionsrate war Anfang April.

„Wir mussten klarstellen, dass Westfleisch vor vier Jahren abgebrannt ist.“ Es gibt aber noch einen Geflügelbetrieb mit 500 Mitarbeitern, der vom Kreis durchgetestet worden sei. Ohne Befund. Grundsätzlich könne bei Erntehelfern eine Ansteckung nicht verhindert werden, da diese laut Kuhnert ihre Freizeit zusammen verbrächten. Es bestehe die Gefahr, dass bei einer entsprechenden Fallzahl innerhalb von sieben Tagen die Corona-Lockerungen rückgängig gemacht werden müssten.

 

Was sind die größten Her­ausforderungen?

Größte Sorgen bereiten der stellvertretenden Leiterin beim Blick auf weitere mögliche Todesfälle die Altenheime. „Bei jungen Menschen passiert hingegen bei einer Infektion quasi nichts“, sagt Dr. Kuhnert. Die beiden jüngsten Todesopfer waren 55 und 75 Jahre alt. Problematisch sei auch der Umgang mit unzufriedenen Mitbürgern gewesen. Deren Ärger sei zum Teil berechtigt gewesen, weil anfangs nicht wie gewünscht getestet werden konnte. „Die Nervosität war entsprechend hoch. Wir haben einen regelrechten Shitstorm erlebt und ihn überstanden“, berichtet Kuhnert.

 

Welche Arbeiten sind beim Kreisgesundheitsamt in der Zwischenzeit liegen geblieben?

Nach Angaben von Dr. Kuhnert handelt es sich hierbei um die Einschulungsuntersuchungen. Diese werden auch nicht mehr alle nachgeholt werden können.

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