Frank Eisenberg-Meyer aus Paderborn rät dazu, die Lockerungen zu nutzen
Wie sich die Angst vor Corona eingrenzen lässt

Paderborn (WB). Die Angst vor Ansteckung ist der unangenehme Begleiter des Coronavirus. Wie damit umgehen? Soll man sich einigeln, das Haus nicht mehr verlassen oder im Gegenteil alle Chancen nutzen, die sich aus den Lockerungen der vergangenen Wochen ergeben? Frank Eisenberg-Meyer rät zum Beispiel dazu, gezielt mit Menschen zu sprechen, die das Virus überwunden haben.

Dienstag, 02.06.2020, 09:06 Uhr aktualisiert: 02.06.2020, 12:10 Uhr
Frank Eisenberg-Meyer aus Paderborn kennt sich nicht nur mit Strategien gegen die Flugangst aus. Er gibt Tipps zum Umgang mit dem Coronavirus. Foto: Dietmar Kemper
Frank Eisenberg-Meyer aus Paderborn kennt sich nicht nur mit Strategien gegen die Flugangst aus. Er gibt Tipps zum Umgang mit dem Coronavirus. Foto: Dietmar Kemper

Der 43-Jährige, der in Seminaren Menschen von Flugangst befreit, unterscheidet zwischen Angst und Besorgnis: „Meine Beobachtung ist, dass es sich in Zeiten von Corona weniger um Angst als vielmehr um Besorgnis handelt. Die Menschen fragen sich: Wie sieht meine Existenz in einem halben Jahr aus? Kann ich mein Haus abbezahlen, behalte ich meine Arbeit?“ Besorgnis sei eine Vorstufe der Angst, die sich in körperlichen Symptomen wie Herzrasen oder zitternden Händen ausdrücke. Besorgnis spiele sich im Kopf, also kognitiv, ab – auch was das Virus konkret angehe. „Ich weiß nicht, wie es ich spüren könnte. Merke ich es vielleicht gar nicht? Muss ich ins Krankenhaus?“, nennt Eisenberg-Meyer typische Gedanken.

Statt angesichts der unsichtbaren Gefahr die Isolation zu suchen, sollten die Menschen „handlungsaktiv bleiben“, rät der Experte. An der Tatsache, dass das Virus existiere, könne niemand etwas ändern, aber jeder könne mit dem Partner und mit Freunden sprechen und in seinem Umfeld Verhaltensregeln aufstellen.

„Was mache ich nicht?“ ist die falsche Frage

Sinnvoller als die Frage „Was mache ich nicht?“ sei die positive Sichtweise nach dem Motto „Welche Möglichkeiten habe ich und wie kann ich sie umsetzen?“ Das Denken „Das Virus trifft mich bestimmt – deshalb muss ich besonders aufpassen“ kann nach Überzeugung von Frank Eisenberg-Meyer in einen Teufelskreis der negativen Gedanken führen. Er rät zu einer „Form der gesunden Gelassenheit“, die aber nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden dürfe. Selbstverständlich sollten die Menschen die Hygienevorschriften und Abstandsregeln einhalten, aber sie dürften gleichzeitig nicht in das Extrem verfallen, sich im Haus zu vergraben.

Der Experte empfiehlt das „Beobachtungslernen“: Wie verhalten sich die Nachbarn in der Siedlung? Was unternehmen sie, was nicht? Wer soziale Kontakte vollständig einstelle, nicht mehr rausgehe und unter diesem Verhalten leide, bei dem habe die Angst ein behandlungsbedürftiges Ausmaß erreicht.

Direkte Konfrontation ist sinnvoll

In den Seminaren, in denen Eisenberg-Meyer seit 2003 an mehreren deutschen Flughäfen, darunter auch der Airport Paderborn-Lippstadt, mit seinen Teilnehmern über ihre Flugangst spricht, hat der Experte beobachtet, dass die Menschen gar keine Furcht vor dem Flugzeug und vor einem Absturz haben. „Dahinter steckt oft die Angst davor, sich länger in einem geschlossenen Raum aufhalten zu müssen oder davor, dass grundsätzlich etwas passieren könnte“, erklärt er. Die unangenehme Gewissheit, die Kontrolle an jemand anderen, in diesem Fall an den Piloten, abgeben zu müssen, könne Panikattacken während des Fluges auslösen. Aber das habe dann nichts mit dem eigentlichen Vorgang des Fliegens, sondern mit der inneren Einstellung zu tun. In solchen Fällen helfe die direkte Konfrontation, sprich das Gespräch mit dem Piloten, der ja auch wieder gesund zur Familie zurückkehren wolle.

Experte: „Es gibt eine Halbwertszeit der Angst“

Zurück zum Coronavirus. Die Menschen haben das Risiko, infiziert zu werden, aber sie können es nach Überzeugung von Frank Eisenberg-Meyer kalkulieren. „Es gibt eine Halbwertszeit der Angst: Bis zu einem gewissen Punkt geht die Kurve hoch, aber irgendwann setzt Resilienz ein“, sagt er. Mit Resilienz ist die wachsende Widerstandskraft gegen die Angst gemeint. Direkte Konfrontation im Fall von Corona bedeutet zum Beispiel, ausführlich mit Menschen zu sprechen, die die Lungenkrankheit überwunden haben. Wie war der Krankheitsverlauf, wie haben sie sich gefühlt, was haben sie gedacht, wer und was hat ihnen geholfen?

Der 43-jährige Eisenberg-Meyer stammt aus Bad Arolsen, lebt seit 2012 in Paderborn und betreibt die Agentur P2 Consultant. Er hat Wirtschaftspädagogik studiert und eine Weiterbildung zum Thema Angst am AFKV (Ausbildungsinstitut für klinische Verhaltenstherapie) in Gelsenkirchen gemacht, wo angehende Psychotherapeuten geschult werden. Außerdem ist er als Trainer von Azubis, Fach- und Führungskräften tätig. In seiner Freizeit joggt er mit Begeisterung. Das Immunsystem zu stärken, ist ein Beispiel für den Handlungsspielraum, den das Coronavirus bei all seinem Schrecken lässt.

Kommentare

Hartmut Krüger  schrieb: 07.06.2020 14:02
Exzellenter Artikel
Ein fundierter Artikel der gleichzeitig beruhigt und ermutigt.
1 Kommentare
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