Bislang wenige Wohngeldanträge – Ausblick auf den Markt
Wenn die Miete zum Problem wird

Paderborn (WB). Die Zahl der Wohngeldanträge ist in NRW seit Beginn der Corona-Krise deutlich gestiegen. Gleichzeitig läuft Ende Juni das Mietenmoratorium aus. Das heißt: Wenn der Gesetzgeber nichts ändert, müssen alle von Kurz- und Arbeitslosigkeit betroffenen Mieter von Juli an ihren Verpflichtungen wieder in voller Höhe nachkommen. Stundungen und Kündigungsschutz gelten dann nicht mehr. Wie ist die Situation in Paderborn? Das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT hat beim Spar- und Bauverein (2975 Wohnungen), der Stadt sowie beim Mieterbund OWL nachgefragt.

Freitag, 12.06.2020, 06:58 Uhr aktualisiert: 12.06.2020, 07:10 Uhr
An der Franz-Hitze-Straße errichtet der Spar- und Bauverein das letzte Gebäude im Pontanus-Carrés, das aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen Mietergruppen als Vorzeigeprojekt gewertet wird. Die 29 Wohnungen sind Ende 2020 bezugsfertig. Foto: Jörn Hannemann
An der Franz-Hitze-Straße errichtet der Spar- und Bauverein das letzte Gebäude im Pontanus-Carrés, das aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen Mietergruppen als Vorzeigeprojekt gewertet wird. Die 29 Wohnungen sind Ende 2020 bezugsfertig. Foto: Jörn Hannemann

Haben die Paderborner jetzt deutlich weniger Luft, Miete zu zahlen? Nach Angaben von Jens Reinhardt, Pressesprecher der Stadt, seien zwar seit Beginn des Jahres die Wohngeldanträge um 173 (+ 16 Prozent) gestiegen. Doch dies seien eher Auswirkungen der Wohngeldreform, die seit Januar greift. Corona-Auswirkungen seien (noch) nicht messbar. Im Vergleich zu anderen Hotspots sei Paderborn noch gut aufgestellt, meint auch Thorsten Mertens. Der Vorstandssprecher des Spar- und Bauvereins befürchtet aber, dass die Auswirkungen auf den Mietwohnungsmarkt im Herbst 2020 bzw. Anfang 2021 durchschlagen werden.

Lage noch relativ entspannt

Warum die Situation in Paderborn noch relativ entspannt sei, erklärt Mertens damit, dass der Anteil des Einkommens, der für Miete aufgebracht werden müsse, hier im Vergleich zu anderen großen Städten unterdurchschnittlich sei. „Deswegen merken wir im Moment noch relativ wenig von der Krise. Auch wenn es natürlich auch bei uns erhebliche organisatorische Veränderungen gibt“, berichtet der Vorstandssprecher. Trotz Corona gebe es weiterhin Reparaturbedarfe, Aus- und Einzüge sowie Wohnungsbesichtigungen. „Abnahmen und Besichtigungen brauchen allerdings eine größere Betreuung. Auch Modernisierungen und Reparaturen bedeuten mehr Aufwand. Aber es funktioniert“, ist Mertens zufrieden.

Jeder Wohnungsinteressent werde vorab über Verhaltensweisen in der zu besichtigenden Wohnung informiert. „Wir lassen immer nur eine Person die Besichtigung vornehmen und nicht ganze Familien. Einer unser Mitarbeiter ist dabei, bleibt aber vor der Haustür“, erzählt Mertens.

Der Vermieter biete zudem allen Betroffenen bei Bedarf an, die Kontakte zur Wohngeldstelle zu übernehmen. „Wir haben mit dem Vorstand und Aufsichtsrat außerdem eine Grundsatzentscheidung getroffen: Der Spar- und Bauverein setzt in diesem Jahr auf jeden Fall alle Mieterhöhungen, die rechtlich möglich wären, aus. Außerdem gilt: Wegen Corona verliert hier keiner seine Wohnung.“ Bei Ratenzahlungen würden zudem Kleinstbeträge angestrebt, damit die Mieter in der Lage seien, ihren Verpflichtungen nachzukommen.

Studenten besonders betroffen

Bis jetzt werde das kaum in Anspruch genommen. Es gebe fünf Fälle. Wie es weitergehe, hänge von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Es könne also durchaus sein, so Mertens, dass die Zahl der Mietprobleme mit der Zeit steigen werde. Auch mit Studenten habe man bisher pragmatische Lösungen vereinbart. Wer wegen Corona vorzeitig aus dem Mietvertrag wollte, weil Vorlesungen ausfallen, dem sei das ermöglicht worden. „Studenten sind ebenfalls besonders von der Corona-Krise betroffen“, zeigt Mertens Verständnis.

Mit Blick auf die Baubranche geht er davon aus, dass es vorerst keine größeren Auswirkungen geben wird. Allerdings glaubt er auch, dass einige geplante Projekte kleiner ausfallen werden. Der Spar- und Bauverein wlll aber an seinem Investitionsplan festhalten: Bis Ende des Jahres soll das Projekt im Pontanus-Carré komplett abgeschlossen sein. Derzeit entsteht dort der letzte Neubau an der Franz-Hitze-Straße mit 29 Wohnungen.

In dieser Woche sind außerdem die Abrissarbeiten für das nächste Projekt gestartet: In der Sturmiusstraße beim Brüderkrankenhaus entstehen bis Ende 2021 insgesamt 16 Wohneinheiten.

Das sagt der Mieterbund

Ralf Brodda, Geschäftsführer des Mieterbundes OWL, bestätigt die Beobachtungen von Stadt und Spar- und Bauverein. „Es gibt im Hochstift bisher wenige Anfragen zum Thema Corona. Meine Befürchtung: Das wird sich erst noch entwickeln.“ Manch einer könne die Auswirkungen des Kurzarbeitergeldes durch Rücklagen noch kompensieren. „Aber je länger es dauert, wird es immer schwieriger“, meint Brodda. Sollte es zu finanziellen Schwierigkeiten kommen, sollte der Mieter immer das Gespräch mit dem Vermieter suchen. „Das gilt immer, aber besonders in Corona-Zeiten. Auch Vermieter stehen vor Problemen, wenn sie die Miete zum Beispiel zur Altersversorgung eingeplant haben. Deswegen sollte man reden und gemeinsam Lösungen suchen.“ Das derzeitige Mietenmoratorium berge einige Tücken, macht Brodda deutlich.

Zum einen müssten auch gestundete Mieten samt Verzinsung (4,2 Prozent) bis 30. Juni 2022 gezahlt werden. Zum anderen gebe es eine besondere Tücke bei denjenigen, die schon vor April im Rückstand waren: Diese Betroffenen seien vom Kündigungsschutz ausgenommen. Das gelte auch für diejenigen, die im Juli nicht oder nur teilweise zahlen. Zudem bestehe derzeit die Gefahr, dass Vermieter am 1. Juli 2022 kündigen könnten, weil es zu Rückständen gekommen ist. „Wir fordern einen Sicher-Wohnen-Fonds. Wenn Vermieter auf Miete angewiesen sind, sollten diese daraus einen zinslosen Kredit bekommen. Auch Vermieter sollten geschützt werden.“

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