Paderborner Wissenschaftler: Bluetooth-Technologie hat Grenzen
„Corona-App nur ein Baustein“

Paderborn (WB). Nach Wochen des Wartens ist die Corona-Warnapp zur Nachverfolgung möglicher Infektionsketten endlich verfügbar. Doch Experten warnen vor überzogenen Erwartungen. Unabhängig davon, wie viele Menschen die App freiwillig einsetzen, stößt alleine schon die für die Kontaktfeststellung genutzte Bluetooth-Technologie an Grenzen.

Mittwoch, 17.06.2020, 04:17 Uhr aktualisiert: 17.06.2020, 05:02 Uhr
Mithilfe der App werden Bürger benachrichtigt, sollten Sie sich in der Nähe eines am Corona-Virus erkrankten aufgehalten haben, wenn dieser die App ebenso installiert hatte und seine Erkrankung meldet. Foto: Michael Kappeler/dpa
Mithilfe der App werden Bürger benachrichtigt, sollten Sie sich in der Nähe eines am Corona-Virus erkrankten aufgehalten haben, wenn dieser die App ebenso installiert hatte und seine Erkrankung meldet. Foto: Michael Kappeler/dpa

„Sie ist dafür nur bedingt geeignet“, sagt Jörg Schmalenströer, Doktoringenieur im Fachbereich Nachrichtentechnik der Universität Paderborn. „Die App kann zwar hilfreich und ein Baustein sein, die Ausbreitung der Pandemie zu begrenzen. Aber sie ist kein Allheilmittel“, erklärt er. Und vor allem ersetzt sie weder Mindestabstand noch Maske.

Ungenauigkeit durch Bluetooth-Technologie

Schmalenströer forscht seit Jahren zu Einsatzmöglichkeiten der Bluetooth-Technologie. „Wir haben Laboruntersuchungen und auch Feldversuche gemacht, unter anderem um zu testen, ob sich Kunden mit dieser Technik in Geschäften zu Produkten führen lassen.“ Die Technologie sei aber nicht ideal, um Abstände zuverlässig zu messen und Positionen zu bestimmen.

Schmalenströer spricht von Ungenauigkeiten von „mehreren Metern bei einer tatsächlichen Reichweite von zehn bis 15 Metern“. Dabei gebe es nicht nur Signalstärken-Unterschiede zwischen den einzelnen Handyherstellern und Modellen. „Schon die unterschiedliche Haltung des Smartphones in der Hand kann völlig verschiedene Ergebnisse liefern.“

Position des Handys verändert das Signal

Gleiches gelte für die Ausrichtung des Handys und die Frage, wo im Gerät die Bluetooth-Antenne verbaut ist. „Hat jemand das Smartphone in seiner Gesäßtasche und setzt sich im Café darauf, wird das Signal stark gedämpft“, gibt Schmalen­ströer ein Beispiel. Zudem erkennt die Bluetooth-Technologie nicht, ob sich zwischen zwei Personen eine Glasscheibe als Trennwand befindet – was für die Beurteilung des Infektionsrisikos zu völlig unterschiedlichen Bewertungen führen würde.

Ein zusätzliches Manko: „Bluetooth liegt zusammen mit anderen Funktechnologien im sogenannten ISM-Band. Kommt es zur Beanspruchung großer Datenmengen und Bandbreiten, zum Beispiel beim Streamen mittels WLAN, werden die Bluetooth-Signale überlagert und Messungen nur noch bedingt möglich“, sagt Schmalenströer. „Dann kann es sein, dass Personen sich gegenseitig nicht detektieren, obwohl die Distanz gering ist. Das kann auch passieren, wenn viele Menschen auf kleiner Fläche – wie zum Beispiel in einem Bus – ihr Bluetooth gleichzeitig einschalten“, sagt der Wissenschaftler.

„Diese Einschränkungen bei der Nutzung sollten den Beteiligten bewusst sein“, sagt der Wissenschaftler. Entsprechende Fehlerquoten auch bei der möglichen Warnung vor Kontakten mit später positiv getesteten Corona-Infizierten seien einzukalkulieren. Dies spreche aber nicht gegen den Einsatz der App. „Einige, wenn vielleicht auch ungenaue und nicht aussagekräftige Kontaktdetektionen sind besser als keine.“ Und um den Handyakku nicht zu arg zu strapazieren, würden nur alle paar Minuten Signale geprüft.

Spahn erwartet Fehlerquote von 20 Prozent

Nach Einschätzung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist eine Fehlerquote von 20 Prozent bei der Einschätzung der Kontakte zu erwarten. Das sei „mehr als verantwortbar“. Mit Blick auf etwaige Fehlalarme sagt Spahn: „Lieber einmal zu viel testen als einmal zu wenig.“

Auch Schmalenströer hofft auf eine gute Resonanz und Nutzung der App – und deren Erfolg. Dass Android-Nutzer – anders als bei Apple – für den Einsatz der App die GPS-Ortung aktivieren müssten, hänge mit Berechtigungsleveln des Betriebssystems zusammen. Eine Positions-Ortung erfolge nicht, betonen die App-Macher.

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