„Bericht über eine unbekannte Raumstation” hat in Paderborn Premiere
Verloren im Weltall

Paderborn (WB). Der Mensch ist besessen vom Drang zu entdecken. Der Mensch akzeptiert keine Grenzen. Der Mensch denkt, er sei unaufhaltsam. Es ist ein bekanntes anthropologisches Bild, das von James Graham Ballard auf eine dennoch einzigartige Weise in dessen Kurzgeschichte „Bericht über eine unbekannte Raumstation“ thematisiert wird.

Montag, 29.06.2020, 19:00 Uhr
Im Gegensatz zu vorherigen Inszenierungen erstreckt sich die Bühne des Stücks über das gesamte Theater. Verblüffend wirkte vor allem das Ende. Foto: Tobias Kreft
Im Gegensatz zu vorherigen Inszenierungen erstreckt sich die Bühne des Stücks über das gesamte Theater. Verblüffend wirkte vor allem das Ende. Foto: Tobias Kreft

Sound- und Lichtinstallation

Ebenso außergewöhnlich und bewegend gelingt es im Theater Paderborn, die Dystopie in einer Sound- und Lichtinstallation darzustellen. Premiere war am Sonntagabend. Die Geschichte spielt in einer verlassenen Raumstation jenseits unserer Vorstellungskraft, umgeben von Dunkelheit und dem unbekannten Kosmos. Woher kommt sie? Wer hat sie erschaffen? Es sind so viele Fragen, auf welche die beiden Astronauten, die die Station zufällig entdeckten, keine Lösung finden. So irren sie durch unzählige Transitdecks, nur um festzustellen, dass diese scheinbar immerzu expandieren und jegliches Gefühl für Raum und Zeit zunichtemachen. Zeichen für unbekanntes Leben bleiben ein großes Fragezeichen.

Die Atmosphäre des Unbekannten und der Ungewissheit erlebt das Publikum im Theater Paderborn hautnah, denn es lernt die Räumlichkeiten des Hauses auf eine neue Art kennen. Im Gegensatz zu vorherigen Inszenierungen erstreckt sich die Bühne des Stücks über das gesamte Theater.

Publikum plötzlich auf der Bühne

Begonnen im Foyer, wird das Publikum von zwei stummen Tourguides unter anderem hinter und auf die Bühne des Großen Hauses geführt und befindet sich nach kurzer Zeit sogar hoch oben, hinter den Scheinwerfern über dem eigentlichen Publikumsraum. Verblüffend wirkte vor allem das Ende des Stücks, als das Publikum sich auf der Bühne und die Schauspieler sich auf den Sitzplätzen befanden. Da sich alle Beteiligten in einer unbekannten Biosphäre befanden, bekam auch die Mundschutzpflicht einen neuen Sinn, denn wer weiß, ob Menschen hier problemlos atmen können?

Der Intendantin und Regisseurin des 30-minütigen Stücks, Katharina Kreuzhage, sowie dem Dramaturgen Daniel Thierjung gebührt für ihr Können und ihre Kreativität ein großes Lob. Eine ebenfalls besondere Leistung erbrachte Alexander Wilß. Dieser wirkte als Sounddesigner und als Schauspieler mit. Die Rolle des zweiten Astronauten wurde von David Lukowczyk gespielt. Beide Ensemble-Mitglieder überzeugten als entdeckungsfreudige Astronauten.

Warnwesten für die Zuschauer

Der auf szenische Lesungen reduzierte Sprechtext erfolgte teilweise synchron und stets fehlerfrei. Beeindruckend waren auch die präzisen Bewegungen der Schauspieler, die oft wie in Zeitlupe wirkten. Als Kostüme dienten weiße Raumanzüge, die im perfekten Kontrast zu den orangenen Mundschützen wirkten. Zuständig für Kostüme und Bühne ist Tobias Kreft. Doch nicht nur die Schauspieler, sondern auch die Zuschauer wurden mit Kostümen in Form von Warnwesten ausgestattet, so als seien auch sie Teil des Stücks.

„Nicht weiter - Unendlichkeit“

Das dieses Mal wohl etwas weitgehendere Bühnenbild ist dunkel gehalten. Die Wände sind schwarz und tragen oft weiße Aufschriften wie „Nicht weiter – Unendlichkeit“. Insgesamt verkörpert die Inszenierung die dystopischen Motive des Autors J.G. Ballard bestens. Dessen Faszination für surreale Landschaften und die Frage nach dem Ende, aber auch nach den Grenzen der Menschheit werden deutlich thematisiert und regen auch nach dem Verlassen der Vorstellung noch lange zum Nachdenken an.

Das Stück erlaubt insgesamt nicht mehr als sechs Zuschauer. Somit, aber auch aufgrund der großartigen und spannenden Inszenierung, bleibt es nicht aus, dass das Stück bereits ausverkauft ist. Aufgrund dieses Erfolgs sollte es auf jeden Fall mit in die nächste Spielzeit genommen werden.

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