Frau von Tönnies-Angestelltem durfte noch arbeiten – nun liegt sie im Krankenhaus
Kritik an Quarantäne-Regelung hält an

Paderborn (WB). Die Frau eines Tönnies-Verwaltungsmitarbeiters, die die Quarantäne-Regelung des Kreisgesundheitsamtes kritisiert hat, ist ebenfalls mit dem Corona-Virus infiziert. Seit Freitag liegt sie mit Verdacht auf eine Nervenentzündung zur Beobachtung in einem Paderborner Krankenhaus.

Dienstag, 30.06.2020, 09:46 Uhr aktualisiert: 30.06.2020, 13:32 Uhr
Obwohl ihr Mann bei Tönnies in der Verwaltung arbeitet, ist eine 34-jährige Paderbornerin nicht in Quarantäne gestellt worden. Nun ist sie mit dem Corona-Virus infiziert und liegt in einem Paderborner Krankenhaus. Foto: dpa
Obwohl ihr Mann bei Tönnies in der Verwaltung arbeitet, ist eine 34-jährige Paderbornerin nicht in Quarantäne gestellt worden. Nun ist sie mit dem Corona-Virus infiziert und liegt in einem Paderborner Krankenhaus. Foto: dpa

„Jetzt steht es fest: Wenn ich an dem Wochenende zur Arbeit gegangen wäre, hätte ich viele ältere Menschen anstecken können. Es ist nicht auszudenken, was hätte passieren können“, sagt die 34-Jährige. Auch ihre 7-jährige Tochter wurde positiv getestet. Ihr 15-jähriger Sohn hat bislang kein Corona. Am 22. Juni erhielt die Familie die Bestätigung, dass der 40-jährige Tönnies-Mitarbeiter an Corona erkrankt ist. Die Quarantäne für ihren Mann und ihren Sohn gilt noch bis einschließlich diesen Donnerstag. Tochter und Mutter müssen bis 9. Juli in Quarantäne bleiben.

Auch 7-jährige Tochter positiv getestet

Wie berichtet, war die 34-Jährige, die namentlich nicht genannt werden will, nicht unter Quarantäne gestellt worden, obwohl ihr Mann bei Tönnies arbeitet. Die Regelung im Kreis Paderborn galt nur für Tönnies-Mitarbeiter. Der Kreis hatte die Vorgabe, den Haushaltsangehörigen zunächst nur zu empfehlen, zuhause zu bleiben, damit verteidigt, dass dieses Vorgehen den Richtlinien des Robert-Koch-Instituts (RKI) entspreche. Angesichts des Ausmaßes des Ausbruchs in den Kreisen Gütersloh und Warendorf wurde die Quarantäne dann ­jedoch am Montagabend auch für alle Angehörigen von Tönnies-Mitarbeitern im Kreis ­Paderborn angeordnet.

Die Mutter, die am Wochenende häufig zusätzlich in einem Altenheim in Paderborn arbeitet, spricht weiterhin von einem „unverantwortlichem Handeln“ der Behörden. Die Gesundheit der Menschen werde so aufs Spiel gesetzt. Trotz mehrfacher Nachfrage mit dem Hinweis auf ihren Job im Altenheim habe das Kreisgesundheitsamt es abgelehnt, sie ab dem 20. Juni unter Quarantäne zu stellen oder ihr ein Schreiben für ihren Arbeitgeber auszustellen, obwohl ihr Mann zu diesem Zeitpunkt bereits unter Quarantäne stand.

Freiwillig auf Lohn verzichtet

In dem Altenheim sagte sie ab und verzichtete freiwillig auf ihren Lohn, um die älteren Menschen in der Einrichtung nicht zu gefährden. Unter der Woche arbeitet sie in Bielefeld. Am Montag hätte sie also auch noch mit Bus und Bahn nach Bielefeld fahren können, was sie aber nicht tat. Auch ihre beiden Kinder schickte sie nicht in die Schule, was ebenfalls zulässig gewesen wäre.

Hätte sie nicht weiterhin Druck gemacht und vehement einen Corona-Test gefordert, sagt die Paderbornerin, hätte sie keinen bekommen. Die 34-Jährige hat den Eindruck, dass die Behörden nicht gut auf den Ausbruch bei Tönnies vorbereitet waren. „Mir hat man erklärt, dass Hausärzte ein Schreiben des Gesundheitsamtes benötigen, um Patienten auf das Virus testen zu können, die keine Symptome zeigen“, berichtet sie aus dem Krankenhaus. Anfang vergangener Woche seien solche Vordrucke aber noch nicht in Paderborn vorrätig gewesen. Deswegen sei sie zunächst nicht getestet worden. Später erklärte sich das Gesundheitsamt bereit, ihre ein provisorisches Schreiben auszustellen.

Rigoroseres Einschreiten gewünscht

Im Fall Tönnies hätte sie sich ein rigoroseres Einschreiten der Behörden gewünscht. Es sei unverständlich, warum der eine Kreis so und der Nachbarkreis anders handle. „Wenn die Vorgaben des RKI so sind, dann müssen sie überarbeitet werden. Bei so einem Ausbruch müssen doch alle möglichen Betroffenen in Quarantäne, damit sie keine anderen Menschen mehr anstecken.“ Zumindest eine frohe Botschaft haben die Klinik-Ärzte für sie: Der Verdacht auf eine Nervenentzündung hat sich nicht bestätigt. Vermutlich kann sie bald das Krankenhaus verlassen.

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