Forschungsprojekt in Paderborn zum Schützenwesen wird fortgesetzt
Heimat wichtiger als Glaube

Paderborn (WB). Obwohl kalendarisch Schützenfestsaison ist, sind die Vereine kaum sichtbar. Das Coronavirus verhindert Umzüge, Ehrungen, Feiern. Der erzwungene Verzicht gibt den Vorständen aber Zeit, sich Gedanken über das Schützenwesen der Zukunft zu machen. Was im Verein ist noch gelebte Tradition, was nur noch ein alter Zopf?

Mittwoch, 01.07.2020, 09:07 Uhr aktualisiert: 02.07.2020, 07:44 Uhr
Beim Bundesschützenfest erlebte Schloß Neuhaus 2019 beeindruckende Tage voll mit gelebter Tradition. In diesem Jahr legt das Coronavirus das Schützenwesen lahm. Foto: Jörn Hannemann
Beim Bundesschützenfest erlebte Schloß Neuhaus 2019 beeindruckende Tage voll mit gelebter Tradition. In diesem Jahr legt das Coronavirus das Schützenwesen lahm. Foto: Jörn Hannemann

Wertvolle Anregungen gibt das Forschungsprojekt „Tradition im Wandel“ der Universität Paderborn und der Warsteiner Brauerei. Es geht jetzt in seine dritte Phase, außerdem ist ein Buch erschienen, das die bis heute gewonnenen Erkenntnisse zusammenfasst. Der Verein für Geschichte der Universität Paderborn hat sie im Verlag für Regionalgeschichte veröffentlicht. „Das Schützenwesen in Westfalen als Immaterielles Kulturerbe“ heißt das Buch, das nicht nur von Schützen bestellt werden kann (ISBN: 978-3-7395-1239-6).

Forschungsprojekt läuft seit 2016

Das Schützenwesen wurde 2015 in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen, was eine Diskussion über die Geschichte und Formen des Schützenwesens sowie dessen weltliche und religiöse Wurzeln auslöste. Das Forschungsprojekt „Tradition im Wandel“ entstand 2016 am Center for Riskmanagement der Universität Paderborn und wird von Juli an von Eva-Maria Seng und Mitarbeiter Jonas Leineweber fortgesetzt.

Kriege stoppten die Schützen nicht – das Virus schon

Seng ist Professorin für Materielles und Immaterielles Kulturerbe in der Fakultät für Kulturwissenschaften. In der bis 2022 laufenden neuen Phase werde es auch um außergewöhnliche Herausforderungen wie die durch das Coronavirus gehen, sagte die Wissenschaftlerin dieser Zeitung: „Wir haben ja den ganz merkwürdigen Zustand, dass Gemeinschaft nicht stattfinden kann. In der Vergangenheit sorgte der Krieg für Zerstörungen an Gebäuden, aber die Schützenvereine fanden trotzdem schnell wieder einen Weg zu feiern. Jetzt ist das nicht möglich.“

Mit den Vereinen sollen Strategien entwickelt werden, um durch solche Krisen zu kommen, sagte Eva-Maria Seng. 23 Schützenvereine, unter anderem aus Wewer, Büren und Borchen, sollen in dem Projekt fitgemacht werden.

In Westfalen prägen Schützenvereine bis heute das kulturelle und soziale Leben entscheidend mit. Allerdings machen ihnen mehrere Faktoren erheblich zu schaffen. Befragungen der Mitglieder im Rahmen des Forschungsprojekts ergaben, dass die Besetzung von Vorstandsposten zunehmend schwerfällt und das ehrenamtliche Engagement nachgelassen hat. Als Gründe dafür wurden die hohen Anforderungen an Vorstandsaufgaben und die vielen Verpflichtungen genannt.

Problem Überalterung

Darüber hinaus leiden viele Vereine unter Überalterung, Mitgliederschwund, den Risiken aufgrund der zunehmenden Größe der Schützenfeste und unter konkurrierenden Veranstaltungen. Von der Uni Paderborn wurden aber nicht nur Mitglieder nach ihrer Meinung zum Schützenwesen befragt. Dabei zeigte sich, dass Nichtmitglieder das soziale Engagement der Vereine kaum wahrnehmen und den Schießsport als unpassend einstufen. Uniformen und strenge Hierarchien lehnen Außenstehende genauso ab wie die Abschottung gegenüber Frauen.

In den Vereinen habe sich in diesem Punkt aber schon etwas getan, sagt Eva-Maria Seng: „Das klassische Rollenverständnis ist nicht mehr so wie vor 50 Jahren.“ Viele jüngere Mitglieder stünden der weitgehenden Öffnung für Frauen positiv gegenüber. Seng hat generell festgestellt, „dass es bei den Vereinen durchaus den Willen zu Wandel und Veränderung gibt“.

Heimat vor Sitte und Glaube

Was die Werte angeht, stellte sich bei den Befragungen heraus, dass sogar von den Schützen selbst nicht mehr der Glaube, sondern Heimat als am wichtigsten eingestuft wird. Glaube landet hinter Sitte nur noch an dritter Stelle. Das Schützenwesen wird mit Tradition und Gemeinschaft verbunden – ein Potenzial, das die Vereine pflegen und ausbauen können. Die Vereine werden laut Studie als „integrierend und identitätsstiftend“ eingeschätzt.

In der dritten Projektphase steht die Praxis im Mittelpunkt. In Workshops sollen die Mitglieder Tipps erhalten, wie sie ihre Vereine weiterentwickeln können. Zudem wird es einen Leitfaden zur Entwicklung von Zukunftskonzepten geben, der unter go.upb.de/schuetzenwesen heruntergeladen werden kann. Ein Gute-Beispiele-Register soll das Ganze abrunden.

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