Christoph Stiegemann leitet seit 30 Jahren das Diözesanmuseum in Paderborn
„Für mich fällt dann der Vorhang“

Paderborn (WB). Der 30. Juni wäre eigentlich sein letzter Arbeitstag gewesen, aber jetzt bleibt Christoph Stiegemann bis Mitte Oktober in „seinem“ Diözesanmuseum. Das Coronavirus und der unbedingte Wille, die große Rubens-Ausstellung zu präsentieren, sind die Gründe dafür. „Die Ausstellung wird laufen, und für mich fällt dann der Vorhang“, betont der Museumsdirektor. Ein besseres Ende seiner Laufbahn könne er sich nicht vorstellen, sagt er und ergänzt trotzig: „Ich lasse mir von Corona nicht die Ausstellung zerschießen.“

Montag, 06.07.2020, 09:32 Uhr aktualisiert: 06.07.2020, 16:14 Uhr
Mit der Rubens-Ausstellung, die in diesen Tagen im Diözesanmuseum aufgebaut wird, verabschiedet sich Christoph Stiegemann als Museumsdirektor. Vom Coronavirus lässt er sich nicht unterkriegen und hält unbeirrt an seinen Plänen fest. Foto: Oliver Schwabe
Mit der Rubens-Ausstellung, die in diesen Tagen im Diözesanmuseum aufgebaut wird, verabschiedet sich Christoph Stiegemann als Museumsdirektor. Vom Coronavirus lässt er sich nicht unterkriegen und hält unbeirrt an seinen Plänen fest. Foto: Oliver Schwabe

Die Schau „Peter Paul Rubens und der Barock im Norden“ sollte ursprünglich am 29. Mai eröffnet werden, stand wegen der Pandemie auf der Kippe und wird jetzt vom 24. Juli an drei Monate lang mit besonderen Hygienevorschriften gezeigt. Sie ist ein kultureller Lichtstrahl in der Libori-Woche, in der es diesmal keine Kirmes, keinen Pottmarkt und keine größeren Konzerte geben wird.

Von Besuchern überrannt

Christoph Stiegemann leitet das Diözesanmuseum seit 30 Jahren und ist dort insgesamt schon fast 40 Jahre tätig. In seine Zeit fielen die außerordentlich erfolgreichen Mittelalterausstellungen – wie die über die Karolinger 1999, die mehr als 300.000 Besucher anzog. „Wir hatten 80.000 prognostiziert und wurden überrannt“, erinnert sich Christoph Stiegemann. Bis zu 5000 Geschichts- und Kunstinteressierte am Tag drängelten sich im Diözesanmuseum, in der Kaiserpfalz und der Städtischen Galerie. Das Gemeinschaftsprojekt des Erzbistums, der Stadt und des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe griff die Begegnung zwischen Karl dem Großen und Papst Leo III. 799 in Paderborn als Ausgangspunkt auf. Von einem lokalen Bezug aus ein großes Panorama zu entwerfen, vom Kleinen aufs Große zu verweisen, wurde für Christoph Stiegemanns Ausstellungen typisch und ist es bis heute geblieben. Die Ausstellungen „Byzanz – das Licht aus dem Osten“ (2001/2002), „Canossa“ (2006) und „Credo“ (2013) über die Christianisierung Europas im Mittelalter festigten Paderborns Ruf als Schauplatz hochkarätiger kulturhistorischer Ausstellungen. Für „Credo“ kamen allein 800 Exponate aus aller Welt nach Paderborn, das Museum war zu einer internationalen Größe geworden.

Begleitet vom damaligen Bürgermeister Heinz Paus besuchte Joachim Gauck als Bundespräsident 2013 die „Credo“-Ausstellung. Die Schützen standen Spalier.

Begleitet vom damaligen Bürgermeister Heinz Paus besuchte Joachim Gauck als Bundespräsident 2013 die „Credo“-Ausstellung. Die Schützen standen Spalier. Foto: Jörn Hannemann

In der Zeit, in der der Kunsthistoriker Christoph Stiegemann dort als Wissenschaftlicher Mitarbeiter anfing, sah das noch ganz anders aus. Auch weil der damalige Domvikar Karl-Josef Schmitz auf große Öffentlichkeit keinen Wert legte und nicht zuletzt wegen der „furchtbaren konservatorischen Bedingungen des Baus“ (Christoph Stiegemann) fristete das Haus ein Mauerblümchendasein. Mit Schrecken erinnert sich Stiegemann an die verglasten Fronten: „Die Sonne fiel ungefiltert in den Innenraum, im Sommer war es manchmal über 40 Grad heiß.“ Ohne klimatisierte Glashauben sei gar nicht daran zu denken gewesen, Leihgaben zu bekommen. Aber genau das wollte Christoph Stiegemann, und als das vom Architekten Gottfried Böhm entworfene Gebäude mit seiner Bleifassade und dem schneckenhausartigen Inneren von 1991 bis 1993 saniert worden war, konnte er größere Ausstellungen in Angriff nehmen. Beispielhaft dafür stand die Schau „Frühchristliche Kunst in Rom und Konstantinopel“ (1996), die in Zusammenarbeit mit dem Museum für Spätantike und Byzantinische Kunst in Berlin entstand und Stiegemann den nützlichen Kontakt zu dessen damaligem Direktor Arne Effenberger verschaffte. Mit der Zeit wurde das Netzwerk immer größer und so wurde es leichter, an herausragende Exponate zu gelangen. Paderborns Museumsdirektor lernte so auch die Münchner Kunsthistorikerin Florentine Mütherich kennen, die Expertin für karolingische Malerei schlechthin. Und mit ihrer Hilfe gelang es, alle vier Teile des Lorscher Evangeliars in der Karolinger-Ausstellung zu zeigen. Dass Stiegemann aus Warstein und Mütherich aus Bestwig kommen, sorgte sofort für nachbarschaftliche Verbundenheit.

Klein ist von Vorteil

Dass er 30 Jahre lang das Diözesanmuseum leiten würde, verwundert Christoph Stiegemann selbst. Aber der Standort Paderborn war ihm wichtig. „Hier konnte ich ein eigenes Profil entwickeln, aus dem Museum eine Marke machen; in Metropolen wie Berlin würde man mit Themen wie ‚Caritas‘ untergehen“, betont er. Museumstanker mit viel Personal seien zudem schwerfälliger, sagt der Chef und lobt sein „ganz tolles Team“, die flachen Hierarchien und kurzen Wege. „Caritas“ erzählte 2015 die Geschichte der tätigen Nächstenliebe – mitten in der Flüchtlingskrise. Dass Ausstellungen einen aktuellen Bezug aufweisen, ist Christoph Stiegemann wichtig, die großen Mittelalterschauen waren gleichzeitig ein Bekenntnis zu Europa.

Der 65-Jährige steht an der Spitze eines religiösen Museums, das zwar nicht missionieren, aber doch Glaubensinhalte vermitteln will. Religion ist ihm aber auch persönlich wichtig: „Ich bin ein gläubiger Mensch. Für mich ist Religion eine Hilfe und Stütze, gerade in Zeiten wie jetzt. Ich bin froh, dass trotz Corona wieder die Möglichkeit besteht, Gottesdienste zu feiern. Ich bin die virtuellen Surrogate leid.“ Das gelte auch für Ausstellungen. Darstellungen im Internet könnten die enorme malerische und künstlerische Präsenz von originalen Rubens-Werken nicht ersetzen.

Seit 1998 ist Christoph Stiegemann auch Kustos des Doms, eines Gebäudes, das ihn fasziniert: „Er ist ein starker Raum, der Dom atmet, in ihm werden die mehr als 1000 Jahre, in denen in und an ihm gearbeitet wurde, greifbar.“ Und wenn der Liboriusschrein aus der Krypta schwebe, habe das „eine Qualität, die unseren Verstand und unser Vorstellungsvermögen übersteigt“.

Christoph Stiegemann machte aus dem Diözesanmuseum eine international anerkannte Adresse für christliche Kunst. Es bekommt hochkarätige Leihgaben aus aller Welt.

Christoph Stiegemann machte aus dem Diözesanmuseum eine international anerkannte Adresse für christliche Kunst. Es bekommt hochkarätige Leihgaben aus aller Welt. Foto: Kalle Noltenhans

Der Dom wird auch in der Rubens-Ausstellung eine wichtige Rolle spielen. In ihm wirkten die Künstler Antonius und Ludovicus Willemssens aus Antwerpen und brachten den flämischen Barock nach Westfalen, von wo aus er sich über Norddeutschland verbreitete. Wieder dient ein lokaler Bezug – in diesem Fall sind es die Barockaltäre der Antwerpener Künstler im Paderborner Dom – als Aufhänger für die Präsentation der Werke von Rubens, des Superstars der barocken Kunst. Mit der Ausstellung wolle er keine Besucherzahlen toppen, sagt Christoph Stiegemann. Die „Blockbuster-Ausstellungen“, die sich darin zu überbieten versuchen, die wertvollste Kunst zu zeigen, lehnt er als Zirkus ab. Dass das Coronavirus den Museumsbetrieb lahmlegte, könnten die Verantwortlichen zur Besinnung nutzen, schlägt er vor. Statt möglichst viel zu zeigen, könnte es vielleicht besser sein, ein Thema zu vertiefen.

Anstrengendste Zeit

Dass die Rubens-Schau in einer Zeit, die Stiegemann selbst als die anstrengendste in seiner Amtszeit einstuft, ausfallen könnte, wollte der Museumsleiter mit aller Macht verhindern. Und dabei dachte er an Rubens selbst, der früh seine Frau und sein erstes Kind verloren habe und inmitten des Dreißigjährigen Kriegs „trotzdem den Pinsel nicht fallen ließ“.

Nach seiner Verabschiedung will der Vater zweier Söhne und einer Tochter mit seiner Frau Claria Europa intensiv bereisen, wieder öfter zum Zeichenstift greifen und außerdem seine Arbeit im Kreis Höxter weiterführen, wo er das Projekt „Konservierung und didaktische Erschließung des Welterbes Westwerk Corvey“ leitet. Mit Dauerkarte bewaffnet, wird er „sein“ Diözesanmuseum besuchen und sich an Episoden wie diese erinnern: Einmal betrachtete er dort eine Urkunde aus dem Jahr 1237. Als er das grüne Wachssiegel umdrehte, sah er den Fingerabdruck eines Mönchs. Stiegemann: „Wie nah einem plötzlich Menschen sind, die vor Jahrhunderten gelebt haben...“

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