LWL-Archäologie untersucht Baugrund in der Nähe der Paderborner Stadtmauer
Besiedlungsreste freigelegt

Paderborn (WB). Archäologen unter Fachaufsicht des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) untersuchen momentan ein Grundstück nahe der mittelalterlichen Stadtmauer Paderborns. Die Bauarbeiten zum Neubau des fünfstöckigen „Quartiers von Wydenbrück“ beginnen bald, zuvor haben die Experten Besiedlungsreste aus dem hohen Mittelalter und der frühen Neuzeit freigelegt und dokumentiert. Nach ersten Erkenntnissen waren hier im 17. Jahrhundert Handwerker ansässig.

Samstag, 11.07.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 11.07.2020, 09:42 Uhr
Blick von oben auf das Grabungsareal, gesehen von Süden. Foto: Eggenstein Exca/Gündchen
Blick von oben auf das Grabungsareal, gesehen von Süden. Foto: Eggenstein Exca/Gündchen

„Knapp 1800 Quadratmeter konnten wir vollständig untersuchen“, so der Mitarbeiter der ausführenden Fachfirma und Grabungsleiter Robert Süße. „Da der Standort des geplanten Neubaus an der Busdorfmauer innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer liegt, waren archäologische Untersuchungen unerlässlich.“ Denn innerhalb des alten Stadtgrundrisses seien Reste der Bebauung zu erwarten, die Rückschlüsse über die Stadtentwicklung ermöglichen, bestätigt auch Dr. Sveva Gai, Stadtarchäologin Paderborns und Mitarbeiterin bei der LWL-Archäologie für Westfalen.

Gewölbekeller von 100 Quadratmetern Grundfläche

Unter dem Keller einer Schreinerei kamen nach dessen Abbruch Teile eines großen, in das 17. Jahrhundert datierten Gewölbekellers von 100 Quadratmetern Grundfläche zum Vorschein. Seine Reste sollen in Teilen in den Neubau integriert werden.

Das machte eine genauere Untersuchung samt 3D-Scan notwendig, damit durch den Abbruch des restlichen Kellers keine Informationen für die Forschung verloren gehen. Eine Zeichnung Hans Josef Brands aus dem Jahr 1840 zeigt ein barockes Gebäude und die entstandene Lücke an der gleichen Stelle nach dem Abriss. Die Archäologen wissen daher, dass hier eines der letzten sogenannten Dielenhäuser Paderborns stand und kennen sogar seinen Erbauer: Kanzler Bernhard von Wiedenbrück ließ es 1650 errichten. Er ist es auch, der dem Neubau an der Busdorfmauer seinen Namen verleiht.

Haustyp von Kaufleuten und Handwerkern bewohnt

Dielenhäuser besaßen keine Haustür, wie wir sie heute kennen, sondern ein zentrales, zur Straße hin ausgerichtetes Dielentor. Hinter dem großen Tor befand sich ein hoher, dielenartiger Wohn- und Arbeitsraum. Dieser Haustyp wurde ab dem 16. Jahrhundert zumeist von begüterten Kaufleuten und Handwerkern bewohnt und war meist in der Nähe der Stadtbefestigungen anzutreffen. Da die Bewohner dieser Häuser oft große Mengen Waren zu transportieren hatten, legten sie ihre Dielenhäuser mit den großen Toren, durch die auch große Wagen passten, an die Ränder der Stadt. So wurde der Verkehr in den engen Gassen des barockzeitlichen Paderborns nicht unnötig belastet.

„Das Dielenhaus ist im 19. Jahrhundert massiv umgestaltet worden: Der Zugang sowie ein ergänzter Kamin wurden mehrfach verlegt, Raumunterteilungen vorgenommen und der barocke Fußboden mit Ziegeln überdeckt“, sagt Grabungsleiter Süße. Ein weiteres, ebenfalls im 17. Jahrhundert entstandenes Bauwerk war ebenerdig, mit einer Grundfläche von 100 Quadratmetern. Es zeigte sich im Boden durch Fundamente und Grundmauern. 2019 wurde der gemischte Baukomplex abgerissen. Zahlreiche Hinterlassenschaften der Bewohner des Baukomplexes aus dem hohen Mittelalter bis hinein in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konnten geborgen werden.

Spuren mittelalterlicher Bebauung und der Nutzung des Areals bereits im 13. Jahrhundert fanden die Archäologen in Form von Gruben. Diese liegen unter den barocken Fundamentresten. Gruben aus barocker Zeit überlagern teilweise die älteren. Daher ist eine genaue Interpretation der einzelnen Gruben auch für den Experten nicht einfach: „Einige von ihnen dienten sicher der Lehmgewinnung. Dieser wurde als Baumaterial zum Beispiel zur Errichtung von Fachwerkgebäuden benötigt“, erklärt Süße. „Die mehrfach sichtbare Überdeckung dieser Gruben mit Brandschuttschichten aus Holzkohle und verziegeltem Lehm lassen vermuten, dass die älteren Gebäude einmal einem Feuer zum Opfer gefallen sind.“

„Wie schon bei anderen Ausgrabungen nahe der mittelalterlichen Stadtbefestigung zeigte sich auch hier, dass in ihrer Näher viele Handwerker ansässig waren“, sagt Gai. „Wir können davon ausgehen, dass Teile der Fläche neben der gewerblichen Nutzung auch zur Selbstversorgung dienten. Die rückwärtigen Freiräume, die sicher einem Nutzgarten Platz boten, waren vermutlich bereits vor der Stadtbefestigung im 12. Jahrhundert umfriedet“, ergänzt Grabungsleiter Süße.

Eine Latrine und mindestens drei Brunnen gefunden

Die den Graben begleitenden Pfosten konnten die Archäologinnen noch im Boden nachweisen. „Reste von Schmelzöfen und Schmiedeschlacken, die wir gefunden haben, deuten darauf hin, dass hier Metallhandwerker tätig waren“, so Süße. Zudem fanden die Archäologen eine Latrine und mindestens drei Brunnen. Beim Abtragen des Bodens konnten die Experten nur in einem Fall ermitteln, wie tief die Brunnen ursprünglich waren.

Inzwischen mussten die archäologischen Überreste weichen, eine tiefe Baugrube des Neubaus ist bereits ausgehoben. Nur ein Teil des barocken Gewölbekellers wird auch in Zukunft im neuen „Quartier von Wydenbrück“ nach seiner Konservierung sichtbar bleiben.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7489067?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F
SPD macht Scholz zum Kanzlerkandidaten
Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) in einer Sitzung des Deutschen Bundestages.
Nachrichten-Ticker