Interview mit Frank Wolters, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Paderborn
„Technik darf kein Selbstzweck werden“

Paderborn (WB). Corona hat auch die Wirtschaft ordentlich durcheinander gewirbelt. Allein im Kreis Paderborn sind nach Angaben der Wirtschaftsförderung (WFG) Paderborn 7000 Unternehmen von der Krise betroffen. Franz Köster hat mit Frank Wolters, Geschäftsführer der WFG, über die Risiken und Chancen der Corona-Pandemie gesprochen.

Mittwoch, 15.07.2020, 09:40 Uhr aktualisiert: 15.07.2020, 10:20 Uhr
WFG-Geschäftsführer Frank Wolters sagt: Corona stellt die Wirtschaft vor völlig neue Herausforderungen. Foto: Franz Köster
WFG-Geschäftsführer Frank Wolters sagt: Corona stellt die Wirtschaft vor völlig neue Herausforderungen. Foto: Franz Köster

In Deutschland wird derzeit recht wenig über Investitionen gesprochen. Die Corona-Krise trifft die Wirtschaft hart. Wie sind die Rückmeldungen aus Paderborn?

Frank Wolters: Die Wirtschaft in Paderborn befindet sich in ­Habachtstellung. Zwar gibt es auch in Paderborn Profiteure der Krise, vor allem in der starken ­Digitalisierungsbranche. Viele Unternehmen sind aber in großer Sorge um ihre Zukunft, insbesondere die Kleinstunternehmen.

Was konnte die WFG tun, um die Firmen zu unter­stützen?

Wolters: Als sich die Krise abzeichnete, haben wir sofort eine Hotline eingerichtet, an die sich die Unternehmen wenden konnten. In einer persönlichen Beratung haben wir mit den Unternehmern über mögliche Handlungsoptionen gesprochen und bei der Beantragung von Unterstützungsgeldern geholfen. Dafür haben wir zusätzlich ein Krisenberatungsteam aufgestellt, um die extrem hohe Anzahl der Anfragen zu bearbeiten. Wir halten alle Firmen natürlich weiterhin auf dem ­Laufenden.

Wie viele Unternehmen sind in Paderborn betroffen?

Wolters: Mindestens die Hälfte aller kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Konkret 4500 Unternehmen im Stadtgebiet beziehungsweise 7000 Unternehmen im Kreis Paderborn. Die meisten davon sind Kleinstunternehmen mit bis zu fünf Mitarbeitern. Kapitalgesellschaften scheinen weniger betroffen zu sein.

Viele Verantwortliche in der Wirtschaft beklagen die schlechte Kommunikation der Politik. Informationen hätten nur umständlich beschafft werden können. Was sagen Sie dazu?

Wolters: Zunächst müssen wir festhalten, dass wir eine solche Situation zum ersten Mal erlebt haben. Wenn nicht alles glatt gelaufen ist, muss man da sicher etwas Verständnis aufbringen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich das Kommunikationsverhalten drastisch geändert hat. Verwirrung ist häufig dann entstanden, wenn die Ergebnisse aus Verhandlungen vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangt sind, ohne die tatsächlichen Regelungen abzuwarten. Dazwischen gab es Spekulationsmöglichkeiten, die viele Unternehmen zusätzlich irritiert haben.

Welche Hoffnungen dürfen sich Unternehmen machen?

Wolters: Die Politik wird die Insolvenz einzelner Unternehmen nicht verhindern können. Eventuell waren einige Geschäftsmodelle auch schon vor der Krise nicht mehr wirtschaftlich. In diesen Fällen wirkt die Krise doppelt hart. Umso wichtiger ist es für Unternehmen sich permanent weiterzuentwickeln und möglicherweise das Geschäftsmodell anzupassen oder sogar zu ändern. Als Wirtschaftsförderer stehen wir auch hierfür gerne beratend zur Seite.

Birgt Corona vor allem Risiken? Oder bieten sich neue Chancen und Möglichkeiten?

Wolters: Chancen sehe ich vor allem im Bereich der Digitalisierung, speziell im Einzelhandel. Wir führen schon seit längerer Zeit Gespräche, um für diesen Bereich neue Perspektiven zu ent­wickeln, da müssen am Ende aber alle mitziehen, damit das Angebot angenommen wird. Interessant wird sicher auch, wie Unternehmen die Bereiche Digitalisierung und Homeoffice weiterent­wickeln. Corona hat da einiges in Bewegung gebracht.

Die WFG setzt seit einiger Zeit auch auf eine Verknüpfung von wirtschaftlichen und kulturellen Themen und arbeitet eng mit Kulturinitiativen zusammen. Corona hat vielen Künstlern einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Wie wichtig ist das Thema für den Wirtschaftsstandort Paderborn?

Wolters: Es spricht viel dafür, dass die Kultur bei den Corona-Hilfen zu wenig Berücksichtigung gefunden hat. Umso wichtiger war es, dass die Künstler in Paderborn über den Kultursoli, den Kultursommer oder libori.digital eine große Welle der Solidarität und Innovation erfahren haben. Eine lebendige Stadt ist ohne Kultur und Wirtschaft undenkbar, das bedingt sich gegenseitig. Deswegen sind wir mit der WFG und vielen weiteren Mitstreitern gerade in Gesprächen über die Einrichtung eines Kreativinkubators, in dem sich Wirtschaft und Kultur gegenseitig beflügeln sollen.

Der Paderborner Computer-Pionier Heinz Nixdorf hat einmal gesagt: „Investitionen in Menschen sind wichtiger als in Maschinen.“

Wolters: Ja, das ist richtig! Aber diese Aussage möchte ich noch ein bisschen weiter ausführen. Die Technik soll dem Menschen ­dienen und nicht umgekehrt. Die Digitalisierung ist zwar eine große Chance für ­unsere Unternehmen, das darf aber kein Selbstzweck werden. Der Mensch steht im Mittelpunkt – und dort sollte er auch bleiben.

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