Keine Gäste, keine Einnahmen: Paderborner Nachtleben liegt brach
Abwarten unter der Discokugel

Paderborn (WB). Leere Tanzflächen, fehlende Einnahmen – für die Clubs und Diskotheken in Paderborn ist die Corona-Krise eine Herausforderung. Wie sie mit der Zwangspause umgehen und was sie für die Zukunft erwarten, erzählen Ivo Klumpp, Betreiber vom Capitol und der Residenz, und Gero Puls vom Wohlsein.

Freitag, 24.07.2020, 09:30 Uhr aktualisiert: 24.07.2020, 09:34 Uhr
Auch in der Residenz am Marienplatz müssen Betriebsleiter Dirk Siedhoff und Marc Knaup weiter geduldig sein. Foto: Jörn Hannemann
Auch in der Residenz am Marienplatz müssen Betriebsleiter Dirk Siedhoff und Marc Knaup weiter geduldig sein. Foto: Jörn Hannemann

Seit Monaten bleiben die Tore zu den Clubs, Discotheken und Kulturstätten geschlossen. Und sie werden wohl zu den letzten gehören, die wieder wie früher öffnen können. „Seit Mitte März können wir unserem ursprünglichen Job nicht mehr nachgehen. Seitdem ging gar nichts mehr“, sagt Ivo Klumpp, der zusammen mit Mirko Schmidt als geschäftsführender Gesellschafter das Capitol am Rosentor und die Residenz am Marienplatz betreibt. Dabei hatten sie allein im vergangenen Jahr einen sechsstelligen Betrag in die Renovierung der Residenz investiert. Von einer komplett neuen Musiktechnik bis hin zur Einrichtung: „Alles wurde neu gemacht und die Rückführungen und Abschreibungen laufen natürlich trotz Corona weiter.“

Erste Lebenszeichen

Klumpp ist eines wichtig: „Den ersten Shutdown befürworte ich zu 100 Prozent. Das war die richtige Entscheidung, auch wenn dadurch unsere Einnahmen komplett weggebrochen sind.“ Es gibt auch wieder erste Lebenszeichen: So sind nach der neuen Corona-Schutzverordnung Veranstaltungen bis 150 Leute in geschlossenen Räumen und besonderen Anlässen zulässig. Für private Feste wie Abschluss- und Geburtstagsfeiern, Taufen und Hochzeiten kann das Resi unter den Hygienevorschriften angemietet werden, was auch bereits genutzt wurde. „Das ist eine Erleichterung, aber wenn man bedenkt, dass wir bisher an einem Öffnungstag im Capitol 1000 Gäste und in der Residenz 800 Besucher begrüßen, sind wir meilenweit entfernt vom normalen Betrieb.“

„Ohne Soforthilfen wären wir wohl nicht mehr hier“, betont Gero Puls, Betreiber vom Wohlsein.

„Ohne Soforthilfen wären wir wohl nicht mehr hier“, betont Gero Puls, Betreiber vom Wohlsein. Foto: Jörn Hannemann

Die GEMA-Gebühren wurden mit dem letzten Arbeitstag ausgesetzt. Auch die Soforthilfen seien hilfreich gewesen, hätten aber die Fixkosten nur für einen winzigen Moment gedeckt. „Der Kostenapparat bei uns ist immens hoch. Wir mieten Flächen an, ähnlich wie ein Kaufhaus, allerdings mit dem Unterschied, dass wir nur an zwei Tagen öffnen.“ Allein die monatlichen Mieten in zentraler Lage in Paderborn sind fünfstellig. Die zehn festangestellten Mitarbeiter von Capitol und Residenz sind weitgehend in Kurzarbeit. „Die Mini-Jobber sind quasi seit unserer Zwangsschließung mittellos und wir sprechen von fast 100 Mitarbeitern in beiden Läden.“ Wenn die Diskotheken wieder öffnen dürfen, würden sie wieder aktiviert. „Wir brauchen ja gutes Personal.“

Gravierende Folgen

Wie gravierend die Folgen für Clubs und Diskotheken sind, hängt letztlich vom Datum der Wiedereröffnung ab. Klumpp befürchtet ein Club- und damit einhergehendes Kultursterben in Deutschland. „Wenn es über Monate so bleibt, wird es für alle schwierig. Da muss man kein Prophet sein.“ Ein Lichtblick sei, dass im Rahmen von Libori.digital jeden Abend eine Band im Capitol spielen wird. Die Konzerte sind gegen Gebühr im Internet live zu sehen. Zusätzlich können knapp 130 Gäste bei den Konzerten live vor Ort dabei sein.

Von einer „prekären Situation“ spricht auch Gero Puls, Geschäftsführer vom Wohlsein am Königsplatz. Ihn ärgert die Ungewissheit: „Niemand kann sagen, wann es wieder weiter geht. Niemand kann verständlicherweise eine verlässliche Auskunft geben.“ Der Betrieb beschäftigt 20 Aushilfen, drei Werkstudenten und einen Auszubildenden als Veranstaltungskaufmann. Die Einnahmen wären komplett weggebrochen, die Kosten laufen weiter. „Ohne Soforthilfen wären wir wohl nicht mehr hier.“ Als alternative Einnahmequellen wird auch im Wohlsein eine Vermietung für private Feiern angeboten. „Wir haben vier Anfragen für Juli und August, die wir intensiv prüfen. Klar ist natürlich, dass das nicht den normalen Betrieb ersetzt“, sagt Puls, der in gewisser Weise doppelt betroffen ist von den Corona-Schutzauflagen. Denn neben dem Nachtclub organisiert er auch das beliebte Tausendquell-DJ-Festival, das eigentlich im August hätte stattfinden sollen, aber ebenfalls abgesagt werden musste.

Neue Projekte angestoßen

Die Corona-Zwangspause haben Gero Puls und Dominik Nösner als Geschäftsführer vom Wohlsein genutzt, um neue Projekte anzustoßen. So haben sie den Ticket-Verkauf für den Paderborner Kultursommer übernommen. In Delbrück organisierte er die Komische Nacht im Rahmen eines Autokinos. Hinzu kommt der Verkauf von „Wohlsein“-Souvenirs wie Stofftaschen, T-Shirts und Verzehrgutscheinen. „Das ist überraschend gut angenommen worden. Wir hatten etwa 100 Bestellungen. Etwa 2000 Euro kamen so zusammen.“ Nicht viel Geld, aber in der Krise hilft jeder eingenommene Euro. Mit einer Öffnung in diesem Jahr rechnet er persönlich kaum noch. Einen Sturm auf Diskotheken und Clubs erwarte er auch nicht: „Erst wenn die Pandemie überwunden ist mit einem wirksamen Impfstoff, wird auch die Lust, die Tanzfläche zu stürmen, zurückkehren.“

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