Persönlichkeitsschutz zugesichert – Erzbistum hat Studie beauftragt
Missbrauch: Uni sucht Zeugen

Paderborn (WB/ef). Fast 200 Personen wurden im Zeitraum von 1946 bis 2014 im Erzbistum Paderborn sexuell von vermutlich 111 Klerikern missbraucht. Das gab die Deutsche Bischofskonferenz bereits 2018 bekannt. Zwei Wissenschaftlerinnen der Universität Paderborn sind seit gut einem halben Jahr dabei, im Auftrag des Erzbistums eine Studie über dieses unrühmliche Kapitel der Kirche zu verfassen. Weil immer noch wesentliche Fragen ungeklärt sind, bitten sie nun die Bürger um Mithilfe. Gesucht werden Zeitzeugen.

Donnerstag, 17.09.2020, 05:05 Uhr aktualisiert: 17.09.2020, 13:14 Uhr
Symbolbild. Foto: Jörn Hannemann
Symbolbild. Foto: Jörn Hannemann

„In schriftlichen Quellen spielt die Perspektive der Betroffenen eine untergeordnete Rolle. Es existiert nur geringes Wissen darüber, wie die Kirchenleitung und die Gemeinden auf Vorwürfe zu einzelnen Priestern reagierten, wo betroffene Kinder und Jugendliche Hilfe fanden und wo ihnen Unterstützung versagt wurde“, erläutert Dr. des. Christine Hartig, die die Studie gemeinsam mit Prof. Dr. Nicole Priesching, Inhaberin des Lehrstuhls für Religions- und Kirchengeschichte an der Uni Paderborn, durchführt. Weiter sagt Hartig: „Auch über viele Beschuldigte, über ihr Vorgehen und über die kirchliche Umgangsweise mit ihnen geben schriftliche Quellen oft nur wenig Auskunft.“

Zeitzeugen gesucht

Die beiden Wissenschaftlerinnen suchen daher Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die als Minderjährige sexuelle Gewalt von Klerikern erlebten oder von sexuellen Übergriffen Kenntnis hatten. Zentrales Anliegen der Studie sei es, die Machtbeziehungen und Strukturen herauszuarbeiten, die sexuellen Missbrauch förderten und Aufklärung verhinderten.

Prof. Nicole Priesching forschte im Erzbischöflichen Diözesanarchiv.

Prof. Nicole Priesching forschte im Erzbischöflichen Diözesanarchiv.

Zur Beantwortung dieser Fragen sei nicht allein die Kenntnis von besonders schweren Taten wichtig, betont Hartig. „Vielmehr tragen die Erinnerungen jeder und jedes Einzelnen an sexuelle Gewalt durch Kleriker dazu bei, ein genaues Bild über die Taten und ihre Hintergründe zu zeichnen. Auch Betroffene, die selbst kein Interview geben möchten, können dem Projekt persönliche Dokumente zur Verfügung stellen, die im Zusammenhang mit sexueller Gewalt durch Kleriker entstanden“, ergänzt Hartig.

Dem Persönlichkeitsschutz der Betroffenen komme höchste Priorität zu. Die Mitarbeitenden am Forschungsprojekt seien zur Verschwiegenheit verpflichtet. Auskünfte und Interviews würden vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergeleitet. Alle Informationen würden anonymisiert. Die Projektbeteiligten weisen darauf hin, dass sie unabhängig vom Erzbistum arbeiteten – auch wenn sich das Bistum an den Personalkosten der Studie beteiligt. Die Ergebnisse würden der Öffentlichkeit nach Ende der Studie in Buchform vorgestellt.

Studie soll aufklären

Das auf drei Jahre angelegte Projekt „Missbrauch im Erzbistum Paderborn – Eine kirchenhistorische Einordnung. Die Amtszeiten von Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt (1941-2002)“ ist bereits Mitte Februar gestartet. Die Studie soll Erkenntnisse zum Umfang des Missbrauchs, über die Gewalterfahrungen der Betroffenen und die daraus resultierenden Folgen für ihren weiteren Lebensweg sowie zu den Umgangsweisen der Verantwortlichen liefern.

■Betroffene erreichen Christine Hartig von Montag bis Mittwoch telefonisch unter der Nummer 05251/604432, per E-Mail unter christine.hartig@uni-paderborn.de oder auch auf dem Postweg unter der Adresse: Christine Hartig Universität Paderborn, Institut für Kirchen- und Religionsgeschichte, Warburger Str. 100 in 33098 Paderborn.

Kommentare

Michael Schulz  schrieb: 17.09.2020 13:40
Hierbei nutzt keine Studie, sondern die Täter müssen, sofern sie noch leben, vor Gericht gebracht und einer gerechten Strafe zugeführt werden, d. h. eine mehrjährige Haftstrafe.
Dieses sind Verbrechen. Das ist nichts anderes als der Kindesmissbrauch des Fall Lügde.
1 Kommentare
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