Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt startet vom heimischen Flughafen aus
Von Paderborn aus in die Schwerelosigkeit

Paderborn/Büren (WB). Paderborn statt Bordeaux: Weil das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt wegen der Corona-Pandemie derzeit nicht in Südfrankreich abheben darf, startet ein speziell umgebautes Parabelflugzeug vom Flughafen Paderborn-Lippstadt aus. Drei Flugtage sind geplant. In der Schwerelosigkeit sollen Wissenschaftsteam aus ganz Deutschland Experimente zum Thema Raumfahrt durchführen.

Freitag, 18.09.2020, 11:03 Uhr aktualisiert: 18.09.2020, 11:40 Uhr
An drei Flug­ta­gen - 21. bis 23. Sep­tem­ber - sol­len acht tech­no­lo­gi­sche, phy­si­ka­li­sche und ma­te­ri­al­wis­sen­schaft­li­che Ex­pe­ri­men­te an Bord des A310 ZE­RO-G durch­ge­führt wer­den. Erstmals startet das ungewöhnliche Flugzeug im Auftrag des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums vom Flughafen Paderborn-Lippstadt aus. Foto: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt
An drei Flug­ta­gen - 21. bis 23. Sep­tem­ber - sol­len acht tech­no­lo­gi­sche, phy­si­ka­li­sche und ma­te­ri­al­wis­sen­schaft­li­che Ex­pe­ri­men­te an Bord des A310 ZE­RO-G durch­ge­führt wer­den. Erstmals startet das ungewöhnliche Flugzeug im Auftrag des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums vom Flughafen Paderborn-Lippstadt aus. Foto: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Für den finanziell schwer angeschlagenen Flughafen Paderborn ist es die erste positive Nachricht seit langem. Zuletzt wurde bekannt, dass die Fluglinie Eurowings seine Flüge von Paderborn aus Richtung Mallorca bis auf weiteres einstellt – wegen Reisewarnungen nach Spanien waren die Buchungen dramatisch eingebrochen. Jetzt hat die Covid-19-Pandemie zumindest auch einen kleinen Vorteil für den Flughafen Paderborn: Weil die für Anfang September geplanten Parabelflüge in Bordeaux aufgrund der stark gestiegenen Anzahl an Corona-Infektionen nicht stattfinden können, setzt das renommierte Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt auf den heimischen Flughafen in Büren-Ahden (16. bis zum 24. September).

Drei Flugtage in Schwerelosigkeit

Für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt ist es bereits die 35. Parabelflugkampagne, aber dennoch sei nichts Routine auf diesem Flug in die Schwerelosigkeit, heißt es in einer Pressemitteilung. Erstmalig müssen Wissenschaftler, Ingenieure und Crew die Herausforderungen der Forschungsarbeit in Corona-Zeiten bewältigen.

Der Airbus A310 ZERO-G ist am Nachmittag des 16. September auf dem Flughafen in Ostwestfalen gelandet und bis Sonntag, 20. September, werden dort nun die Experimente der beteiligten Wissenschaftlergruppen final eingebaut und für die drei Flugtage in Schwerelosigkeit vorbereitet.

„Wir sind erleichtert, dass wir trotz der Umstände und der für uns alle weiterhin dynamischen Entwicklung der Pandemie in Europa den DLR-Parabelflug nicht absagen, sondern kurzfristig nach Deutschland holen konnten“, erklärt Thomas Jarzombek (MdB), Koordinator der Bundesregierung für die Luft- und Raumfahrt.

Der A310 ZE­RO-G ist am Flug­ha­fen Pa­der­born-Lipp­stadt ge­lan­det.

Der A310 ZE­RO-G ist am Flug­ha­fen Pa­der­born-Lipp­stadt ge­lan­det. Foto: DLR

Zwei Tage vor dem ursprünglich geplanten Start der Kampagne am 31. August sahen sich die Verantwortlichen des DLR Raumfahrtmanagements in Bonn zwingend veranlasst, die Flüge in Frankreich aufgrund des hohen Anstiegs an Corona-Infektionen aus Sicherheitsgründen abzusagen. „Nun galt es, kurzfristig einen Ersatzflughafen zu finden, der ab dem 16. September über entsprechende Kapazitäten und die notwendigen Voraussetzungen für einen Parabelflug verfügt. Eine weitere Verschiebung der Kampagne innerhalb dieses Jahres wäre aufgrund der Verfügbarkeit des A310 ZERO-G nicht möglich gewesen”, verdeutlicht Dr. Walther Pelzer, DLR Vorstand für das Raumfahrtmanagement, die außergewöhnliche Situation. „Den Parabelflug so kurzfristig nach Paderborn zu holen, war ein enormer Kraftakt, aber alle Beteiligten - Novespace, der Flughafen Paderborn, die Wissenschaftler aus ganz Deutschland und das DLR Raumfahrtmanagement haben ihn gemeinsam bewältigt. Das zeigt, was man auch unter schwierigsten Bedingungen gemeinsam schaffen kann.”

Wissenschaftsteams aus ganz Deutschland

An den drei geplanten Flugtagen - 21. bis 23. September mit einem Back-up-Tag am 24. September - sollen acht technologische, physikalische und materialwissenschaftliche Experimente von Wissenschaftsteams aus ganz Deutschland mit an Bord des A310 ZERO-G der französischen Firma Novespace sein.

Mit „SESIMAG II“ will beispielsweise ein Forscherteam der Technischen Universität Dresden eine neue Methode zur Verarbeitung Seltener Erden testen. Seltene Erden sind ein Material, das in der Natur vorkommt und das in der Hochtechnologie eingesetzt wird – etwa bei der Herstellung von Computerchips oder Solaranlagen. Bei herkömmlichen Industrieverfahren werden zur Aufbereitung dieser Erden große Mengen von Lösungsmitteln verwendet. Die Wissenschaftler wollen beim Parabelflug eine neue Methode erproben, bei welcher der Einsatz von Lösungsmitteln durch ein mechanisches Verfahren - magnetische Separation - ersetzt wird. Hierdurch könnte die Produktion von Hightech-Geräten wesentlich umweltfreundlicher werden.

„Nach heutigem Stand werden wir sofern das Wetter mitspielt an allen drei Flugtagen morgens gegen 9:30 Uhr Richtung französische Atlantikküste aufbrechen, um dort über dem freien Meer die jeweils 31 Parabeln zu fliegen. Wir werden wegen der längeren Hin- und Rückflugzeit voraussichtlich insgesamt pro Tag eher vier bis fünf Stunden unterwegs sein anstelle der sonst üblichen drei bis vier Stunden“, berichtet Dr. Katrin Stang, Parabelflugprogramm-Leiterin im DLR Raumfahrtmanagement.

AHA-Regeln und Fiebermessungen sind Flugvoraussetzung

Neben der Durchführung der Kampagne in Deutschland sorgen zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen auf dem Parabelflug für Sicherheit. Wer in den A310 ZERO-G steigt, muss strenge Kontrollen durchlaufen: Nicht nur, dass die üblichen AHA-Regeln (Atemschutz, Hygiene, Abstand) eingehalten werden müssen – die Teilnehmer sind außerdem dazu verpflichtet, täglich Fiebermessungen durchzuführen. Die Wissenschaftsteams vor Ort wurden auf die absolut notwendigen Personen begrenzt, die zur Durchführung der Experimente notwendig sind – das sind etwa die Hälfte der Personen, die bei einer regulären Kampagne vor Ort beteiligt sind. Der Dokumentenaustausch und die Kommunikation zwischen den Teilnehmern erfolgt - wo möglich – elektronisch oder per Telefon. Die Sicherheitseinweisung für alle Teilnehmer wird außerdem erstmalig als Videobriefing durchgeführt.

Vor dem Start der Wis­sen­schafts­flü­ge wer­den die Ex­pe­ri­ment­an­la­gen für die Kam­pa­gne vor­be­rei­tet.

Vor dem Start der Wis­sen­schafts­flü­ge wer­den die Ex­pe­ri­ment­an­la­gen für die Kam­pa­gne vor­be­rei­tet. Foto: DLR

„Für uns Wissenschaftler waren vor allem die Verschiebung des Parabelflugs um mehrere Wochen und die Schließung der Labore und Einrichtungen im Corona-Lockdown hinderlich für unsere Experiment-Vorbereitungen”, so Christina Knapek vom DLR Institut für Materialphysik im Weltraum. „Experimentanlagen müssen für den Flugtag punktgenau vorbereitet werden. Das ist allerdings nicht ganz einfach, wenn die Labore geschlossen sind.”

 

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