Weitere Proteste gegen Baumfällungen auf Paderborner Stadtgebiet
Bürger wehren sich gegen Kahlschlag

Paderborn (WB). Dass Bäume Emotionen wecken, ist spätestens mit dem heftigen Protest über die geplante Fällung der Linden auf dem Marienplatz im Frühjahr 2019 deutlich geworden. Den Anstoß dazu hatte Brigitta Brockmann gegeben. Aktuell beschäftigen die Paderbornerin, die nach Auflösung des Bundes für Tier- und Naturschutz die Initiative Aspekte Tier und Natur gegründet hat, zwei weitere Fälle, die für sie unter die Kategorie Baumfrevel fallen.

Montag, 28.09.2020, 05:30 Uhr aktualisiert: 28.09.2020, 08:00 Uhr
Kein Kahlschlag am Marienplatz, forderten Bürger bereits im September vergangenen Jahres Bürger. Die Äußerungen vieler Bürger waren plakativ wie eindeutig. Es wurden seitdem auch etliche Unterschriften gesammelt. Foto: Ingo Schmitz
Kein Kahlschlag am Marienplatz, forderten Bürger bereits im September vergangenen Jahres Bürger. Die Äußerungen vieler Bürger waren plakativ wie eindeutig. Es wurden seitdem auch etliche Unterschriften gesammelt. Foto: Ingo Schmitz

Zwar handelt es sich jeweils um Bäume auf privatem Grund, wo die Einflussmöglichkeiten der Stadt begrenzt sind, für Brigitta Brockmann geht es aber ums Prinzip. „In beiden Fällen geht es um Bäume auf Parkplätzen. Das ist eine bedenkliche und beklagenswerte Tendenz in Richtung ‚saubere Autos vor sauberer Luft‘, die nicht Schule machen darf“, sagt die Naturschützerin. In dem Fall, den sie beim Ordnungsamt zur Anzeige gebracht hat, wurden laut Brockmann vor dem Parkplatz eines Wohnblocks Auf der Lieth während der Hauptvegetations- und Brutzeit im Juli sieben, etwa 40 Jahre alte Bäume radikal beschnitten. Das Naturschutzgesetz verbiete solche Maßnahmen vor dem 30. September.

Zinaida Lounkina setzt sich für den Erhalt der beiden mächtigen Rotbuschen (im Hintergrund) ein. Sie haben einen Stammdurchmesser von jeweils 80 Zentimeter.

Zinaida Lounkina setzt sich für den Erhalt der beiden mächtigen Rotbuschen (im Hintergrund) ein. Sie haben einen Stammdurchmesser von jeweils 80 Zentimeter. Foto: Maike Stahl

Der andere Fall, bei dem auf einem Parkplatz am Schleswiger Weg 31 zwei vitale Rotbuchen gefällt werden sollen, liegt ihr am Herzen, weil dort die Bäume möglicherweise noch gerettet werden können. Die Situation ist allerdings kompliziert, erzählt Zinaida Lounkina, die als Miteigentümerin eine der 56 Eigentumswohnungen in dem Mehrfamilienhaus bewohnt. „Bei der Eigentümerversammlung hat eine Mehrheit für eine Fällung der beiden Rotbuchen gestimmt“, räumt sie ein. Allerdings hätten längst nicht alle Eigentümer, der in vielen Fällen vermieteten Wohnungen teilgenommen.

Nicht nur Zinaida Lounkinas Herz hängt an den Bäumen, von denen sie vor Jahren schon einmal einen vor der Säge gerettet hat. „Ich habe sehr viele Rückmeldungen erhalten von Mitbewohnern, die ebenfalls nicht möchten, dass diese prächtigen Bäume gefällt werden.“ Anlass dafür sei, dass wenige weitere Parkplätze entstehen könnten und Ärger einiger Mitbewohner über Verschmutzungen. „Viele parken nicht gerne unter den Bäumen, weil Vögel in den Bäumen nisten und sie nicht möchten, dass ihre Autos verschmutzt werden.“

Hoffnung auf Alternative

Wichtig ist Zinaida Lounkina, dass gemeinsam oder auch gerne mit Hilfe von Menschen, die fachlich versiert sind und eine gute Idee haben, eine einvernehmliche Kompromisslösung gefunden werden kann. „Wir wollen hier ja auch weiter zusammen wohnen und leben, und das nicht im Streit“, stellt sie klar. Ihre Hoffnung beruht darauf, dass der Beschluss in der kommenden Eigentümerversammlung noch einmal revidiert und eine Alternative entwickelt wird, beispielsweise weitere Parkplätze an anderer Stelle auf dem Grundstück geschaffen werden. „Gerade in diese großen Laubbäume habe ich mich verliebt, als wir vor zehn Jahren die Wohnung gekauft haben“, ist die Angelegenheit für Zinaida Lounkina mit vielen Emotionen verbunden. Neben einem wichtigen Beitrag für das Klima spenden sie im Sommer Schatten und dienen auch als Sichtschutz .

Auf diese Aspekte hat Brigitta Brockmann auch in einem Schreiben an den Spar- und Bauverein hingewiesen, der den Wohnblock verwaltet. „Während in vielen Städten Bürger dürregeschädigte Straßenbäume wässern, um ihr Überleben zu sichern, ist es nicht nachvollziehbar, dass in Paderborn gesunde, vitale Bäume ihrer Kronen beraubt werden oder der Säge zum Opfer fallen sollen“, sagt sie. Die Paderborner Grünen haben den Fall am Schleswiger Weg unterdessen erneut zum Anlass genommen, eine Baumschutzsatzung zu fordern, was bisher bereits mehrfach abgelehnt wurde.

Das sagt die Stadt Paderborn zum Thema Baumschutz

Auch wenn es in jüngster Zeit mehrere öffentlichkeitswirksame Baumschutzaktionen in Paderborn gab, kann Dr. Frank Becker, Leiter des Amtes für Umweltschutz und Grünflächen, eine höhere Sensibilität in Bezug auf Baumschutz nicht bestätigen. „Im Regelfall erreichen das Amt für Umweltschutz und Grünflächen eher Beschwerden im Hinblick auf persönlich negativ empfundene Auswirkungen des Baumbestandes“, sagt Becker – vom Wunsch auf Baumbeseitigung bis hin zur Aufforderung zu radikalen Rückschnitten.

Bei Beschwerden überprüfe die Stadt bestehende rechtliche Möglichkeiten, zum Beispiel aufgrund von Festsetzungen im Bebauungsplan. Ob eine Baumschutzsatzung den Baumschutz erleichtern könne, wird laut Becker bundesweit kontrovers diskutiert, besonders im Hinblick auf das Verhältnis von Effizienz zu Aufwand. Unstrittig sei, dass die Anwendung einer Baumschutzsatzung im Einzelfall zum Erhalt eines Baumes führe, dem stünden aber viele zu berücksichtigende Befreiungsregelungen gegenüber.

Die Stadt verwaltet, pflegt und unterhält einen öffentlichen Baumbestand von etwa 180.000 Bäumen in Einzelstellung oder im Gruppenverband. In den vergangenen zehn Jahren hätten jährlich durchschnittlich 81 Bäume geplant beseitigt werden müssen. Dazu kämen etwa 40 bis 50 Bäume, die durch akute Schäden jährlich beseitigt werden müssten. Das entspräche etwa einer „Beseitigungsquote” von unter 0,1 Prozent. Außerdem würden jeweils ein bis zwei Jungbäume nachgepflanzt.

 

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