Nach 16 Jahren endet die Amtszeit: Interview mit Paderborns Landrat Manfred Müller
„Wir wollten immer nach vorne“

Paderborn (WB). 16 Jahre Landrat, zwölf Jahre Bürgermeister: Mit Manfred Müller geht ein Verwaltungsexperte par excellence in den Ruhestand. Der 59-jährige CDU-Mann, der sich Ende April völlig überraschend aus gesundheitlichen Gründen gegen eine erneute Kandidatur ausgesprochen hatte , räumt zum 31. Oktober den Chefsessel im Paderborner Kreishaus. Mit ihm hat Ingo Schmitz, Redaktionsleiter für den WB-Redaktionsverbund Paderborn, über seine Bilanz und seine Zukunftspläne gesprochen.

Sonntag, 11.10.2020, 11:50 Uhr aktualisiert: 11.10.2020, 11:54 Uhr
Die Wewelsburg ist ein Herzensanliegen von Landrat Manfred Müller. Nach 16 Jahren verlässt er nach seiner persönlichen Entscheidung, nicht erneut zu kandidieren, das Paderborner Kreishaus. An Ruhestand sei dennoch nicht zu denken, sagt er. Foto: Oliver Schwabe
Die Wewelsburg ist ein Herzensanliegen von Landrat Manfred Müller. Nach 16 Jahren verlässt er nach seiner persönlichen Entscheidung, nicht erneut zu kandidieren, das Paderborner Kreishaus. An Ruhestand sei dennoch nicht zu denken, sagt er. Foto: Oliver Schwabe

Herr Müller, die spannendste Frage zuerst: Werden Sie sich zur Ruhe setzen?

Manfred Müller: Nein. Ich habe meine Entscheidung zwar aus persönlichen Gründen getroffen. Aber es ist ja nicht so, als ob ich nicht mehr arbeits- oder leistungsfähig wäre. Ich werde im Januar 60. Nach dem gesundheitlichen Schlag hielt ich das Risiko für zu hoch, weiter wie seit 28 Jahren 70 Stunden wöchentlich zu arbeiten. Das, was ich lange Jahre sehr gerne gemacht habe, gebe ich nun schweren Herzens auf. Auf der anderen Seite kann ich mir durchaus vorstellen, auch woanders tätig zu werden. Möglicherweise in der Privatwirtschaft, möglicherweise in einem Verband – operativ, vielleicht beratend, unterstützend, coachend. Es gibt auch Anfragen für Vorträge.

Wie geht es am 1. November für Sie weiter?

Müller: Nach meinem Ausscheiden werde ich zunächst eine Atempause einlegen. Aber mein Interesse galt immer der Finanz- und Betriebswirtschaft. Ein bisschen stolz bin ich schon: Wir sind als Kreis Paderborn praktisch schuldenfrei. Wir haben 60 Millionen Euro Rücklagen gebildet für die Pensionslasten. Es gibt nur wenige Kreise, die so dastehen, wie wir. Ich war Vorsitzender des Wirtschafts- und Verkehrsausschusses beim Landkreistag, ich bin stellvertretender Vorsitzender im Mittelstandsbeirat beim Land NRW. Ich bringe einiges an Netzwerk mit, das anderen helfen kann. Aber ich würde dann meine Arbeitszeit auf ein Normalmaß begrenzen.

Sie sagen, der Kreis Paderborn ist schuldenfrei. Wie sah es vor 16 Jahren aus?

Müller: Wir waren bei circa 30 Millionen Euro Schulden. Heute sind wir der einzige Kreis in NRW, der von der Gemeindeprüfungsanstalt mit fünf „Kiwis“ ausgezeichnet worden ist: für besonders gutes finanzwirtschaftliches und auch gemeindefreundliches Verhalten.

„Wir waren immer exzellent darin, unsere Investitionen mit Zuschüssen zu finanzieren.“

Manfred Müller

Die Kommunen kritisieren immer wieder die Höhe der Kreisumlage...

Müller: Die Tilgungsfähigkeit des Kreises hat ja mit der Kreisumlage nichts unmittelbar zu tun. Was uns als liquides Kapital zur Verfügung stand, durften wir für Investitionen verwenden. Wir haben es vergrößert durch Zuschussprogramme. Wir waren immer exzellent darin, unsere Investitionen mit Zuschüssen zu finanzieren. Dazu haben wir alle Programme dieser Welt genutzt. Wir haben zum Beispiel viele Radwege, Kreisverkehre und Schulen saniert und gebaut – immer mit Zuschüssen.

Wie ist es dazu gekommen? Gibt es besonders gute Drähte nach Düsseldorf?

Müller: Das sicher auch. Wir haben uns an den Programmen konsequent ausgerichtet, zum Beispiel beim Ausbau der Wewelsburg, wo die Förderung bei 90 Prozent lag. Als Vorsitzender des Wirtschafts- und Verkehrsausschusses beim Landkreistag hatte ich immer mit Zuschüssen zu tun und nicht zuletzt haben wir auch einen sehr guten Kämmerer.

Was war der erste Berufswunsch von Manfred Müller als Kind, Jugendlicher?

Müller: In der Tat war das Polizist. Das ist ja auch etwas geworden – als Landrat habe ich auch die Kreispolizeibehörde geleitet. Ich hatte auch mal die Idee, Pastor zu werden. Das hat sich dann in Jugendjahren nicht so ergeben. Ich hatte schon sehr früh eine Affinität zu Politik und Geschichte. Im Dualen Studium hatte ich enorme Freude an Staatsrecht und öffentlicher Finanz- und Betriebswirtschaft. In der Verwaltung hatte ich das Glück, sehr schnell in diesem Bereich zu arbeiten. 1992 wurde ich jüngster Bürgermeister in NRW. Wir haben damals in Lichtenau mit dem Stadtdirektor den Eigenbetrieb eingeführt, um das kaufmännische Denken voran zu treiben. Als das Neue Kommunale Finanzmanagement kam, haben wir es als Kreis sofort umgesetzt. Das hat zu unserer exzellenten finanziellen Bilanz geführt.

„Das Besondere ist ja, dass man möglichst viele Menschen mitnimmt und sie für die Ziele gewinnt.“

Manfred Müller

Sind Sie ein Karrieremensch?

Müller: Ich habe Freude daran, etwas zu bewegen. Und ich habe das große Glück gehabt, dass ich das, was ich beruflich machen durfte, unheimlich gerne getan und als Berufung empfunden habe. Und das in einer Region, in der ich aufgewachsen bin. Aber man gestaltet niemals allein. Das Besondere ist ja, dass man möglichst viele Menschen mitnimmt und sie für die Ziele gewinnt. Man muss Menschen zusammen führen und jedem etwas zugestehen. Das ist etwas, was mir über die Jahre vielleicht gelungen ist.

Was läuft noch aktuell?

Müller: Für uns maßgeblich ist die Breitbandförderung und -entwicklung. Wir werden demnächst 50 Prozent Glasfaserquote erreichen. Das ist etwas, was besonders die Dörfer richtig voran bringt. Auch das ist ein Gemeinschaftsprojekt, wo sehr viele daran mitwirken – auch aus unserem Hause. Die Kreisverwaltung arbeitet hoch effizient und wir haben ein personell sehr gut besetztes, tolles Team. Wir legen großen Wert darauf, immer vorbereitet zu sein. Das hat sich auch in der Corona-Krise bewährt: Man stelle sich vor, wir hätten im Gesundheitsamt gespart, dann hätten die Aufgaben nicht so bewältigt werden können. Dort wird eine Top-Arbeit geleistet.

Gab es für Sie auch Misserfolge?

Müller: Man ist nicht nur erfolgreich, das ist klar. Beim Flughafen hatten wir Rückschläge – sind aber im Ergebnis, so glaube ich, schon erfolgreich, denn wir können ihn retten. Ich hätte mir natürlich schon gewünscht, dass wir ein paar mehr Gesellschafter an Bord behalten hätten. Aber so etwas kann man nicht erzwingen.

Ist es enttäuschend für Sie, dass der ein oder andere abspringt?

Müller: Ja! Das ist bitter. Ich akzeptiere, wenn es andere Einstellungen in anderen Kreisen gibt. Ich verstehe auch, dass der Flughafen für Paderborn eine höhere Bedeutung hat, als das in Lippe der Fall ist oder im Norden des Kreises Gütersloh. Ich habe aber Politik immer so aufgefasst, dass man zusammenhält – in guten wie in schlechten Zeiten. Und wenn man sich trennt, dann trennt man sich bitte mit Anstand. Das hat Bielefeld getan. Das haben Bürgermeister Pit Clausen und ich persönlich ausgehandelt. Woanders warten wir noch auf eine solche Lösung. Wir haben in der Gesellschafterstruktur das Pech, dass wir nicht die finanzielle Potenz haben. Zum Vergleich: Bei Kassel-Calden steckt das Land zu etwa 70 Prozent mit drin.

„Dass in solch einer Phase auch der Geschäftsführer in der Kritik steht, ist klar. Aber wir sollten erst einmal abwarten und die Dinge wirken lassen.“

Manfred Müller

Hat man damals genug gegen Kassel-Calden interveniert?

Müller: Ja, aber da war nicht mehr zu machen. Wir sind damals auch vor Ort gewesen. Die IHK Kassel war sehr dafür und Ministerpräsident Roland Koch hatte es versprochen. Der Flughafen ist dann in eine Phase geraten. wo sich der Wettbewerb verschärft hat. Es wurden Überkapazitäten geschaffen. Und dann ging Calden an den Markt. Kassel-Calden kostet uns pro Jahr zwei Millionen Euro Ergebnis.

Wenn es bei einer Fußballmannschaft nicht läuft, stellt sich die Trainerfrage. Wie sieht es beim Geschäftsführer des Flughafens aus?

Müller: Dr. Marc Cezanne hat das Konzept der Redimensionierung erstellt, was übrigens in NRW einzigartig ist. Kein anderer Airport hat so ein Konzept, alle anderen pumpen nur Geld rein, weil jetzt überall Verluste entstehen. Wir haben ein Konzept, das ohne Frage bitter für die Mitarbeiter ist. Das Konzept ist gegengeprüft. Es spricht sehr viel dafür und für den, der es entwickelt hat. Dass in solch einer Phase auch der Geschäftsführer in der Kritik steht, ist klar. Aber wir sollten erst einmal abwarten und die Dinge wirken lassen.

Sie sind auch Chef der Polizei. Es gab zuletzt Einzelfälle in den eigenen Reihen, die für Schlagzeilen gesorgt haben. Wie ist die Polizei aufgestellt?

Müller: Sie ist sehr leistungsfähig. Wir haben große Erfolge im Kampf gegen Wohnungseinbrüche und Drogenkriminalität. Wir sind auch im Verkehrssektor sehr erfolgreich mit immer wieder neuen Kampagnen unterwegs. Aber: Polizei ist auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Dass es da auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt, denen schweres Fehlverhalten vorzuwerfen ist, ist sehr bedauerlich. Die Frage ist, wie geht man damit um. Bei uns kamen die Hinweise von Kollegen. Das ist aus meiner Sicht ein gutes Zeichen. Wir haben sofort reagiert, sofort suspendiert und sehr schnell die Öffentlichkeit informiert. Zu Recht fällt aber ein besonders scharfer Blick auf die Hüter des Gesetzes.

Immer wieder war die Rede davon, dass die Polizei personell unterbesetzt ist.

Müller: Das stimmt. Wir mussten intern reagieren. Deswegen haben wir Wachen zusammen gelegt und die Südkreiswache als zweite 24-Stunden-Wache installiert. Das war kein einfacher Prozess. Aber wir haben jetzt mehr Personal auf der Straße im ländlichen Raum. Man darf dabei nicht vergessen, dass wir einen Schwerpunkt an Delikten in der Stadt Paderborn, sogar innerhalb des inneren Rings, haben. Erschwerend kam hinzu, dass wir Kollegen abgeben mussten – unter anderem für die Terrorismusbekämpfung. Wir haben aber dem sehr schnell und konsequent entgegen gewirkt, indem wir Regierungsbeschäftigte eingestellt haben, damit Polizeivollzugsbeamte mit ihrer speziellen Ausbildung verstärkt ihren Dienst auf der Straße tun können.

„Natürlich hat es Diskussionen gegeben – aber das Klima im Kreistag war trotzdem gut.“

Manfred Müller

Im Kreistag hat es kaum große Kontroversen gegeben. Wie erklären Sie sich das?

Müller: Natürlich hat es Diskussionen gegeben – aber das Klima im Kreistag war trotzdem gut. Ich habe mich darum gekümmert, dass immer alle eingebunden waren. Jeder, der oder die sich engagiert, egal welcher Partei, hat es verdient, dass er oder sie nachhaltig mitwirken kann. Dieser Austausch führt ja auch zu viel besseren Ergebnissen.

Für Diskussionen hat in all den Jahren die Windkraft gesorgt. Wie kann, wie muss es da weitergehen?

Müller: Wir sind ein Kreis mit einer so starken Windhöffigkeit, dass es sich für Investoren sogar gelohnt hat, Flächennutzungspläne anzugreifen. Wir haben inzwischen unseren Strombedarf zu mehr als 100 Prozent mit regenerativen Energien gedeckt. Das ist ein sehr wichtiges Ziel. Trotz aller Kritik ist die Grundrichtung aber klar: Wir müssen in Richtung regenerative Energien gehen. Was die Kreisverwaltung selbst anbelangt: Wir werden 2030 CO2-neutral sein, wahrscheinlich schon vorher. Ich bin mir aber sicher: Die Diskussionen über die Windkraft werden so lange anhalten, wie es keine vernünftige Abstandsregelung gibt.

Welche persönlichen Begegnungen waren Ihnen in den vergangenen 16 Jahren als Landrat besonders wichtig?

Müller: Alle Begegnungen von Mensch zu Mensch – mit Schützen, mit Sportvereinen, Feuerwehren, Naturschützern – der Kontakt hilft dabei, bei der Arbeit keine Fehler zu machen. Und die integrativen Begegnungen waren mir immer ein Anliegen. Ich habe sehr früh das Thema Integrationsarbeit auf Kreisebene angestoßen. Es gibt heute ein starkes Mitein­ander der Kulturen und Religionen. Die Gesellschaft ist bunter geworden und jeder braucht daher auch eine interkulturelle Kompetenz – übrigens auch aus wirtschaftlichen Gründen in einer globalen Wirtschaft. Es hat sich bewährt, dass ich das Bildungszentrum, mit dem Integrationszentrum zusammen gelegt habe. Integration geschieht vor allem über Bildung.

Was war Ihnen sonst noch wichtig?

Müller: Wir sind ein familienfreundlicher Kreis. Wir haben immer eine 100-prozentige Kindergarten-Versorgungsquote gehabt und 50 Prozent bei den unter Dreijährigen. Wir haben im Kreishaus Familien- und Frauenförderung intensiv betrieben. In den Amtsleitungen sind 44 Prozent Frauen. Führen in Teilzeit: Wir beweisen, dass es geht. Wir haben die Wewelsburg zu Beginn meiner Tätigkeit für 6 Millionen Euro ausgebaut. Sie hat pro Jahr mehr als 100.000 Besucher – darunter sehr viele junge Leute. Wir haben aber auch die Kreismusikschule und den Bücherbus gesichert.

„Christoph Rüther ist jemand, der so ähnlich tickt wie ich. Er passt zu unserem Motto: ‚Nah bei den Menschen‘.“

Manfred Müller

Was ist Ihr persönliches Herzensprojekt?

Müller: Mir war die Wewelsburg immer sehr wichtig. Die kürzlich vorgestellte Machbarkeitsstudie enthält sehr viel Zukunftsvision. Wir haben regelmäßig jährlich mehr als 100.000 Besucher. Auch angesichts der extremistischen Tendenzen in der Gesellschaft ist es wichtig, die Wewelsburg weiter zu entwickeln. Das wird man sicher nur in Schritten und nur mit Fördermitteln hinbekommen. Darüber hinaus: Das Kreishaus ist mehrfach erweitert worden. Aktuell läuft eine Erweiterung mit bis zu 190 Arbeitsplätzen. Das sichert die Konzen­tration hier am Standort und erhöht die Effizienz.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Müller: Wir wollten immer nach vorne – darin waren wir uns im Kreistag einig. Wenn ich diese Entwicklung positiv beeinflussen konnte, dann habe ich ein paar Spuren hinterlassen. Letztendlich aber immer nur mit den Menschen, die mit mir gemeinsam unterwegs waren.

Wie wird die Übergabe auf den neuen Landrat Christoph Rüther erfolgen?

Müller: Wir tauschen uns jetzt schon sehr viel aus. Christoph Rüther ist jemand, der so ähnlich tickt wie ich. Er passt zu unserem Motto: „Nah bei den Menschen“. Er ist lösungsorientiert. Aber: Er muss seinen eigenen Weg gehen. Ich glaube, er ist ein guter Nachfolger. Er wird den Kreis Paderborn weiter nach vorne bringen.

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