Festival „Drums’n’Percussion“ im Paderborner HNF setzt ein Zeichen
Trotz Corona wird getrommelt

Paderborn (WB). „Ein Musiker, der nicht spielt, ist nichts“, sagt Ian Paice. Der Schlagzeuger von Deep Purple kam am Donnerstag in Paderborn an und musste sich im Heinz-Nixdorf-Museumsforum als erstes einem Corona-Schnelltest unterziehen. Der war negativ. Überaus positiv ist, dass das traditionelle Festival „Drums’n’Percussion“ im Computermuseum vier Tage lang bis zum Sonntag stattfinden kann, nachdem es über Pfingsten coronabedingt nur eine digitale Variante geben konnte .

Donnerstag, 15.10.2020, 17:24 Uhr aktualisiert: 15.10.2020, 17:51 Uhr
„Ich komme, egal was passiert“, versprach Ian Paice (links) dem Festivalorganisator Uli Frost, und er hielt Wort. Am Freitagabend wird er zwei Konzerte im HNF spielen. Foto: Oliver Schwabe
„Ich komme, egal was passiert“, versprach Ian Paice (links) dem Festivalorganisator Uli Frost, und er hielt Wort. Am Freitagabend wird er zwei Konzerte im HNF spielen. Foto: Oliver Schwabe

Die analoge Ausführung mit Musikern, die Workshopteilnehmern von Angesicht zu Angesicht ihr Wissen weitergeben und außerdem Konzerte spielen, wertete Uli Frost am Donnerstag als „Zeichen, hier passiert was und es wird auch weiter etwas passieren.“ Der Gründer und Organisator von Europas größtem Festival dieser Art hat nervenaufreibende und arbeitsintensive Wochen hinter sich. Aber nun kann die neunte Auflage seit 2001 wirklich über die Bühne gehen – mit vier Workshops mit 75 Teilnehmern und Konzerten mit jeweils 100 Zuhörern, gestaltet von Stars wie Ian Paice, Lenny Castro, Al Schmitt, Dirk Brand, René Creemers, Pitti Hecht oder Chester Thompson. Die stehen abends um 18 und um 20.45 Uhr zweimal entweder leibhaftig auf der Bühne des Auditoriums oder werden digital zugeschaltet. Auch wenn sich das Virus nicht in die Flucht trommeln lässt, will das Festival zeigen, dass die Kulturbranche nicht unweigerlich vor ihm kapitulieren muss.

Künstler sind auf Liveauftritte angewiesen

Dass die „universelle Sprache der Musik nicht in einem Raum erklingen darf“, empfand Uli Frost als Wahnsinn. Deshalb wollte er unbedingt eine Liveveranstaltung auf die Beine stellen. An einem Festival hänge so viel, betonte der Macher. Zum Beispiel diene es auch Azubis der Veranstaltungstechnik dazu, ihre Prüfung abzulegen, oder Doktoranden der Universität, um Interviews zu führen. Und für Musiker seien echte Konzerte unerlässlich. „Von Internetjobs kannst du nicht leben“, sagte Frost. Wenn ein Konsument einen Song aus dem Internet streame, erhalte der Künstler dafür quasi nichts, nämlich nur drei Hundertstel Eurocent.

Frost bedankte sich bei der Stadt Paderborn, dem HNF und dem Land NRW dafür, dass sie das Risiko eingegangen sind, „Drums’n’Percussion“ allen Unwägbarkeiten zum Trotz durchzuziehen. Jetzt freut er sich auf die nächsten Tage. Frost kündigte für Samstag einen speziellen musikalischen „Corona-Beat“ an und gab gleichzeitig zu: „Wenn das Festival vorbei ist, bete ich noch 14 Tage lang, dass uns keiner anruft und sagt, er habe Corona.“

Digitale Veranstaltungen seien wichtig, sagte der Geschäftsführer des HNF, Jochen Viehoff, aber sie könnten keine echte Alternative dazu darstellen, „die Vorbilder zu treffen und gemeinsam mit ihnen Musik machen zu können, sich inspirieren zu lassen“. Deshalb freute sich Viehoff sehr, reale Gesichter vor, hinter und neben sich zu sehen. Paderborns stellvertretender Bürgermeister Bernhard Schaefer wertete die Durchführung des Festivals als „Signal, dass auch in diesen Zeiten etwas machbar ist, wenn man mit anpackt, ohne sich anzufassen“. Die einmalige Atmosphäre zeichne „Drums’n’Percussion“ aus.

Wegen Corona: Pitti Hecht rechnet mit 75 Prozent weniger Einkommen

Wie heftig das Coronavirus Musiker ausgebremst hat, machte der Schlagzeuger der Hardrock-Band Axxis, Dirk Brand, deutlich. Statt in diesem Jahr bis zu 180 Auftritte mit Axxis und anderen Bands zu absolvieren, war er „plötzlich Kamerakind“ und streamte von zuhause aus seine Musik. Von Angesicht zu Angesicht mit einem Schüler zu kommunizieren, sei unverzichtbar. Der sonst sehr gefragte Percussionist Pitti Hecht muss akzeptieren, dass 150 der 250 für 2020 geplanten Auftritte wegfallen. Er rechnet mit drastischen Einkommenseinbußen von 75 Prozent.

Bassist Frank Itt wiederum betrübt es, dass ausgerechnet die boomende Konzertbranche durch die Pandemie derart hart getroffen wird. Denn entgegen der Vorhersage, dass Plattformen wie Youtube den Tod der Livemusik bedeuten würden, hätten in den vergangenen Jahren mehr Menschen Konzerte besucht als zuvor.

Ian Paice, der mit Deep Purple vor ein paar Wochen ein erfolgreiches neues Album vorgelegt hat, stand im März zum letzten Mal auf der Bühne. Es mache einen verrückt, nur zuhause zu sitzen und nichts zu tun, sagte er. Das Festival in Paderborn ist für ihn eine Art Neubeginn.

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