Uni Paderborn untersucht den Einfluss von Medien aufs Einrichten
Warum der Fernseher im Wohnzimmer steht

Paderborn (WB). In ihrem Ratgeber „Fernsehen ohne Geheimnisse“ empfahlen Karl Tetzner und Gerhard Eckert 1954 den Deutschen: „Der Fernsehempfänger darf der Hausfrau nicht gerade im Weg stehen, wenn sie das Essen aus der Küche hereinbringt.“

Mittwoch, 28.10.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 28.10.2020, 11:58 Uhr
Die Medienwissenschaftlerin Christina Bartz blättert in einem Ikea-Katalog. Ältere Exemplare liefern ihr Aufschlüsse darüber, warum Menschen Medien wo in ihrer Wohnung platzieren. Die Kataloge waren weit verbreitet. Foto: Oliver Schwabe
Die Medienwissenschaftlerin Christina Bartz blättert in einem Ikea-Katalog. Ältere Exemplare liefern ihr Aufschlüsse darüber, warum Menschen Medien wo in ihrer Wohnung platzieren. Die Kataloge waren weit verbreitet. Foto: Oliver Schwabe

Wie werden Medien wie TV-Geräte, Computer, Telefone oder Spielkonsolen in Wohnungen integriert? Diese Frage interessiert die Universität Paderborn. „Wir untersuchen, welche Wechselbeziehungen zwischen Wohnen und Medien bestehen“, erläutert Christina Bartz vom Institut für Medienwissenschaften, die für das dreijährige Forschungsprojekt „Einrichtung des Computers“ alte Ikea-Kataloge sucht.

Gesucht werden alte Ikea-Kataloge

Warum ausgerechnet Kataloge des schwedischen Möbelgiganten? Ikea habe früher als andere in Katalogen Möbelstücke nicht einzeln präsentiert, sondern als Teil eines Wohnensembles, antwortet Christina Bartz: „Das Unternehmen bot Lösungen für das Problem an, wo etwas platziert werden könnte. Die Leute sollten sich sofort eine Vorstellung davon machen, wie es aussehen könnte. Lösungen anzubieten, war und ist eine verkaufsfördernde Strategie.“ Ikea gebe sich bei der Dekoration für die Katalogseiten viel Mühe, stelle Blumenvasen auf und hänge Jacken auf Garderobenständer.

Für ihr Projekt werten Christina Bartz, Monique Miggelbrink und ihre Mitstreiter außerdem Computerzeitschriften und Einrichtungsmagazine wie „Schöner Wohnen“ oder „Die Kunst und das schöne Heim“ aus. Der Fernseher ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Gegenstand ein Haus in Beschlag nehmen kann. „Das Couch­ensemble öffnete sich zum Fernsehgerät hin; und um zu den Holzmöbeln zu passen, sollte der Rahmen auch aus Holz sein“, blickt Bartz auf den Siegeszug dieses Mediums zurück. Das Fernsehen habe sich selbst geschickt als „Gast“ eingeladen, nicht umsonst hätten sich Entertainer wie Peter Frankenfeld in ihren Shows beim Publikum dafür bedankt, bei ihm im Wohnzimmer sein zu dürfen.

Für jeden ein eigenes Fernsehgerät?

Fernsehgeräte stünden deshalb heute in vielen Räumen, weil im Prozess der Individualisierung „jedem ein Gerät zugestanden wird und sie so auch in die Kinderzimmer kommen“, ergänzt die 49-jährige Expertin.

Meist nicht ins Wohnzimmer schafft es das Festnetztelefon. In Deutschland stehe es oft nur im Flur, hat die Wissenschaftlerin beobachtet und schließt daraus: „Das Telefon wird nicht wirklich in die Wohnung reingelassen.“ Diesen Sprung hat das Smartphone aber bereits geschafft. Auch dieses Medium hat Einfluss darauf, was und wo wir etwas tun. Mit dem Smartphone werde vieles vom Sofa aus erledigt, sagt Christina Bartz.

Ob ein PC oder Laptop im Arbeits- oder Wohnzimmer steht, hänge davon ab, ob der Besitzer diese Medien hauptsächlich mit Beruf oder Unterhaltung verbindet. Bei Kleincomputern wie der Wii von Nintendo oder der Playstation von Sony sei das klar. Sie hätten das Wohnzimmer erobert und die Einrichtung verändert. Christina Bartz: „Durch die Wii brauchten die Menschen mehr Platz vor dem Fernseher, damit bei ihren Bewegungen nichts kaputtging.“

Im Homeoffice abgetrennter Bereiche für die Arbeit gefragt

Durch das verstärkte Homeoffice inmitten der Corona-Pandemie haben sich die weit verbreiteten offenen Raumkonzepte nach Überzeugung der Medienwissenschaftlerin nicht mehr als sinnvoll und praktikabel erwiesen. Jetzt seien wieder abgetrennte Bereiche für die Arbeit mit PC oder Laptop gefragt. Dass die Menschen ausgerechnet in ihren „Wohnungen“ seit langem „einen eigenen Bereich Wohnen“ einrichten, findet Christina Bartz kurios und sieht darin ein Beispiel für den prägenden Einfluss von Gegenständen.

Das Institut für Medienwissenschaften hofft bei ihrem Forschungsprojekt auf die Mithilfe der Bevölkerung. Wer alte Ikea-Kataloge besitzt und insbesondere Exemplare, die vor der Jahrtausendwende erschienen sind, wird gebeten, sich unter der E-Mail-Adresse rebecca.corrent@hotmail.de zu melden.

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