Paderborns erste Kreislandwirtin Susanne Mönnikes im Interview
„Wir müssen Landwirtschaft erklären“

Bad Wünneberg-Haaren -

Im Kreis Paderborn gibt es 1448 landwirtschaftliche Betriebe. Sie werden in der Kreisstelle Paderborn der Landwirtschaftskammer NRW erstmals von einer Frau an der Spitze vertreten. Susanne Mönnikes aus Haaren vereinte bei der Wahl zur Kreisstellenbesetzung die meisten Stimmen auf sich und wurde so innerhalb des Gremiums folgerichtig zur Kreislandwirtin gewählt. WV-Redakteurin Marion Neesen sprach mit Susanne Mönnikes über ihre Aufgabe und wie sie die Zukunft der Landwirtschaft sieht.

Samstag, 21.11.2020, 14:15 Uhr aktualisiert: 23.11.2020, 14:20 Uhr
Das Einziehen von Ohrmarken gehört zu den routinemäßigen Aufgaben von Susanne Mönnikes. Laut Viehverkehrsverordnung müssen alle geborenen Ferkel mit einer Ohrmarke des Ursprungbetriebes gekennzeichnet werden. Die Aufgaben der Kreislandwirtin erfüllt Susanne Mönnikes ehrenamtlich.
Das Einziehen von Ohrmarken gehört zu den routinemäßigen Aufgaben von Susanne Mönnikes. Laut Viehverkehrsverordnung müssen alle geborenen Ferkel mit einer Ohrmarke des Ursprungbetriebes gekennzeichnet werden. Die Aufgaben der Kreislandwirtin erfüllt Susanne Mönnikes ehrenamtlich.

Hatten Sie sich gute Chancen gegen Ihre männlichen Kollegen ausgerechnet?

Susanne Mönnikes: Man kann sich nie sicher sein, gerade nicht bei einer geheimen Wahl. Ich gehöre nicht zu denen, die aufgrund der „Frauenquote“ auf einen Vorsitz bestehen würden. Das ist nicht meine Art. Die Wähler entscheiden, wen sie als Berufsvertreter sehen möchten. Dennoch freue ich mich über das Wahlergebnis und auch, dass mit Eva Kersting eine weitere Frau in der Kreisstelle vertreten ist. Mit Eduard Gockel und Markus Blome sind wir komplett und gut besetzt. Aus jedem Bereich der Landwirtschaft ist jemand vertreten, Ferkelerzeugung, Schweinemast, Ackerbau, Milchvieh und Biogas.

Ist es für Sie eine besondere Herausforderung, dass Sie nun als erste Frau das Amt übernehmen?

Mönnikes: Eine Herausforderung ist ein solches Amt immer. Allen voran ist es wichtig, dass die Familie dahintersteht. Sonst wäre die Ausübung dieses Amtes gar nicht möglich. Es wird sicherlich so sein, dass wir bei den alltäglichen Arbeiten im Betrieb mal umplanen müssen, weil ein Termin ansteht, aber das hat bisher auch immer ganz gut geklappt. Ich bin ja seit einigen Jahren schon ehrenamtlich engagiert und meine Familie kennt das.

Werden Sie verstärkt auch das Augenmerk auf die Belange der Frauen in der Landwirtschaft legen?

Mönnikes:Die Bedeutung der Frauen in den Betrieben wird oft unterschätzt. Frauen haben vielfältige Aufgaben, und je nach Betrieb und Region ist ihre Rolle sehr unterschiedlich. Frauen leiten Betriebe, sind als Gesellschafterinnen beteiligt oder teilen sich die Verantwortung mit ihrem Partner. Neben der Stallarbeit und Tierversorgung übernehmen sie meistens das Büromanagement. Viele Frauen haben sich über Lehrgänge zur Agrarbürofachfrau ausbilden lassen, weil auch hier die Anforderungen immer komplexer werden. Das digitale Agrarbüro hat Einzug gehalten. Ebenso gehören Betriebsmanagement, Ackerbau und Direktvermarktung zu ihren Arbeitsgebieten, je nachdem, wie der Betrieb ausgerichtet ist. Früher wurde die Betriebsleitung eher den Männern zugesprochen. Heutzutage sind Frauen, die eine landwirtschaftliche Ausbildung, ein Studium und Lehrgänge absolvieren oder einen Betrieb leiten, keine Seltenheit mehr.

 

Zur Person

Susanne Mönnikes ist 51 Jahre alt, verheiratet mit Ferdi Mönnikes und hat einen Sohn (Marcel/20) sowie eine Tochter (Leoni (21). Von Beruf ist sie Landwirtin und betreibt mit ihrer Familie einen geschlossenen Sauenbetrieb mit Ferkelaufzucht. Ihre Hobbies sind der Garten und sie liest gern. Bei den Landfrauen engagierte sich die Haarenerin zwölf Jahre als Vorsitzende und vier Jahre als Stellvertreterin in ihrem Heimatort sowie zwölf Jahre als Vorsitzende des Stadtverbandes Bad Wünnenberg und vier Jahre als stellvertretende Kreisvorsitzende. In den vergangenen sechs Jahren war Susanne Mönnikes Stellvertreterin des Kreislandwirtes Johannes Giesguth, Mitglied im Organisations- und Finanzausschuss der LWK in Münster sowie Mitglied im Beirat für Schweinehaltung. Außerdem war sie für die CDU im Rat der Stadt Bad Wünnenberg vertreten.

...

Warum lohnt es sich überhaupt, in vorderster Reihe die Landwirte und Landwirtinnen im Kreis Paderborn und den Berufsstand zu vertreten?

Mönnikes: Wenn man selbstständig ist, hat man eigentlich genug zu tun. Das wissen alle, die einen eigenen Betrieb haben. Trotzdem gibt es viele, die motiviert sind, ehrenamtlich tätig zu sein. Auch in der Landwirtschaft – egal ob auf Orts-, Stadt- oder Kreisebene. Eine regionale Vertretung des Berufsstandes ist wichtig, um in Kontakt zu sein mit Behörden, Ausschüssen und der Politik; sich untereinander austauschen, vernetzt zu sein und auch Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen, die die Landwirtschaft betreffen.

Gibt es Dinge, die jetzt ganz dringend in den Fokus rücken müssen?

Mönnikes: Es ist ganz wichtig, dass die heutige Landwirtschaft erklärt werden muss. Die Idylle des Bauernhofes, wie sie sogar noch in Schulbüchern dargestellt wird, ist so nicht realistisch. Die Bevölkerung sieht nur die großen Arbeitsmaschinen, das Güllefass oder die Feldspritze. All‘ das löst Unbehagen aus. Dass wir die gesetzlichen Auflagen mit einem 30-er Deutz und einer Wassertonne nicht mehr erfüllen können, ist bei vielen noch nicht angekommen. So verfügen neuartige Traktoren über eine intelligente Motorsteuerung und Abgasreinigung. Dadurch verbrauchen sie wesentlich weniger Treibstoff und erzeugen viel weniger Schadstoffe als ältere Modelle. Viele moderne Maschinen und Geräte fahren per GPS-gesteuert zentimetergenau über die Felder. Dadurch werden das mehrmalige Überfahren einer Fläche und Überlappungen vermieden. Somit wird nur die wirklich notwendige Menge an Dünger und Pflanzenschutzmitteln verwendet. Häufig analysieren sogar sensorgestützte Systeme während der Fahrt den Bedarf der Pflanzen an Dünger oder Pflanzenschutz und bringen auf jeder Stelle des Ackers nur noch genau die Menge aus, die auch wirklich erforderlich ist. Auch die gesetzlichen Standards in der Tierhaltung verlangen uns viel ab, nicht nur aus Sicht des Arbeitsaufwandes, sondern auch finanziell.

Fünf Frauen

Die Landwirtschaftskammer NRW ist aufgeteilt in 31 Kreisstellen. Die Kreisstelle ist das oberste Organ der Landwirtschaftskammer auf Kreisebene. Die für sechs Jahre gewählten Vertreter sind automatisch Mitglieder der Hauptversammlung, dem höchsten Gremium der LWK. Diese beschließt unter anderem den Haushalt. In 26 Kreisstellen in NRW wurden Landwirte zum Vorsitzenden gewählt. Mit Susanne Mönnikes gibt momentan fünf Frauen, die dieses Amt bekleiden. In den Nachbarkreisen Höxter, Lippe und Soest wurden ebenfalls Männer gewählt, ihre Vertreter sind jeweils Frauen. Insgesamt beträgt der Frauenanteil in den Kammerstellen des Landes 40 Prozent.

...

Wie sieht Ihre Landwirtschaft der Zukunft im Kreis Paderborn aus?

Mönnikes:Die Struktur in der Landwirtschaft wird sich in den nächsten Jahren verändern. Es werden sich einige Betriebe überlegen, ob sie die ständigen Auflagen und Veränderungen noch mittragen und mitgehen wollen. Die Schweinepreise sind derartig im Keller, dass es für viele jetzt richtig eng wird. Die Rahmenbedingungen, unter den wir wirtschaften müssen, werden immer schärfer. Wie etwa hohe Umwelt- und Tierwohlauflagen, Umsetzung der Düngeverordnung, Tierschutznutztierhalteverordnung, TA-Luft, hoher Dokumentationsaufwand und vieles mehr. Die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe ist gefährdet, wenn die für uns geltenden Auflagen nicht für importierte Erzeugnisse gelten. Die dortigen Standards liegen weit unter den hiesigen. Die Gesellschaft fordert mehr Tierwohl, mehr Bio, mehr regionale Erzeugung und Vermarktung, mehr Insektenschutz, Rücksichtnahme gegenüber dem Bewohner bei Ernte- und Feldarbeiten und vieles mehr. Aber – nur wenige sind bereit, die zusätzlichen Kosten, die für uns hier anfallen, zu bezahlen. Das Kaufverhalten zeigt dies eindeutig. Vor der Kamera oder vor dem Mikrofon ist jeder bereit, mehr zu bezahlen, aber die Wirklichkeit sieht doch anders aus.

 

Und trotzdem lieben Sie Ihren Beruf?

Mönnikes: Wer diese Arbeit macht, macht sie mit Herzblut. Sieben Tage die Woche, egal ob Schützenfest oder Feiertag. Unsere Betriebe sind seit Generationen gewachsen und auch ich möchte, dass es weitergeht.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7690927?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F
EU-Staaten wollen Corona-Schnelltests gegenseitig anerkennen
Die EU-Staats- und Regierungschef wollen sich bei ihrem Videogipfel zum Vorgehen gegen neue Varianten des neuartigen Coronavirus abstimmen.
Nachrichten-Ticker