Rechtsanwälte reichen neue Anträge ein – Urteil im Borchener Mordprozess wohl erst im Februar 2021
Psychiaterin überrascht Verteidigung vor Gericht

Paderborn -

Eigentlich sollte im Prozess um den Mord an einer 76-jährigen Witwe aus Borchen noch in diesem Jahr ein Urteil gegen die angeklagte Tochter gesprochen werden. Aufgrund zahlreicher neuer Anträge der Verteidigung hat das Schwurgericht fünf weitere Verhandlungstermine festgelegt – das Urteil fällt daher wohl erst im Februar nächsten Jahres.

Dienstag, 24.11.2020, 16:00 Uhr aktualisiert: 24.11.2020, 16:12 Uhr
Für eine Nürnberger Psychiaterin ist die Anklage gegen die 47-jährige Tochter des Opfers keine Überraschung.
Für eine Nürnberger Psychiaterin ist die Anklage gegen die 47-jährige Tochter des Opfers keine Überraschung. Foto: Jörn Hannemann

Hauptsächlich verantwortlich für die zusätzlichen Termine ist die Frage, ob die Angeklagte nach ihrem mutmaßlichen Suizidversuch auf der A3 bei Nürnberg überhaupt aussagefähig war. Zwei Polizisten, die die Beschuldigte damals im Krankenhaus zu den Geschehennissen befragten, beschrieben die Angeklagte als „orientiert und geordnet“ – es gebe keinen Grund anzunehmen, dass die Angeklagte aufgrund von Nebenwirkungen oder ihrer erlittenen Verletzungen in ihrer Aussagefähigkeit eingeschränkt gewesen sei, hieß es bereits Anfang November vor Gericht. Neue Eindrücke und Erkenntnisse schilderte jetzt die Nürnberger Psychiaterin Dr. Susanne Siemen, die sich nach dem Unfall auf der A3 um die Angeklagte im Krankenhaus kümmerte.

Dieses Auto soll die 47-Jährige aus Borchen gerammt haben. Der 76-jährige Fahrer starb noch an der Unfallstelle.

Dieses Auto soll die 47-Jährige aus Borchen gerammt haben. Der 76-jährige Fahrer starb noch an der Unfallstelle. Foto: news5

Auffällig sei die Gefühlsarmut und Ausdrucksleere der Frau gewesen, teilte die Psychiaterin mit. Sie hält einen Suizidversuch der Beschuldigten für unwahrscheinlich. Ihrer Einschätzung nach habe die 47-Jährige nach dem Autounfall einen Schock erlitten und sei anschließend auf die Gegenfahrbahn gelaufen, wo sie von einem Fahrzeug angefahren und schwer verletzt wurde. „Die Angeklagte hat sich in den Gesprächen mit mir besorgt über ihre Verletzungen gezeigt und mich gefragt, wie viele Operationen sie noch erwarten“, sagte Dr. Siemen.

Diese ausgeprägten Sorgen um den eigenen Gesundheitszustand seien für eine suizidgefährdete Person eher ungewöhnlich, hieß es vor Gericht . „Sie konnte mir keine Gründe für diese Handlung nennen“, erinnert sich die Psychiaterin. Grundsätzlich sei die Kommunikation mit der Angeklagten „schwierig“ gewesen. Die Antworten der 47-Jährigen seien überwiegend monotone und kurze Phrasen gewesen. „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich zu ihr durchdringen und eine Vertrauensbasis aufbauen konnte“, schilderte die Ärztin. Die Frage, ob die Angeklagte verwirrt oder nicht aussagefähig gewirkt habe, verneinte die Psychiaterin deutlich.

Mit einer Nachfrage schnitt sich die Verteidigung kurz vor Sitzungsende ins eigene Fleisch. Rechtsanwalt Mario Prigge wollte von der Psychiaterin wissen, was sie dabei gefühlt habe, als sie von der Mordanklage gegen die damals noch nicht verdächtigte Frau erfuhr. Obwohl die Frage bewusst subjektiv gestellt wurde, zögerte Dr. Siemen mit der Antwort. „Ehrlich gesagt, hat es mich überhaupt nicht gewundert. Es war das, was ich aus Erfahrung erwartet habe“, überraschte die Psychiaterin den Verteidiger, der irritiert reagierte.

 

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