Neue WV-Ortsvorsteher-Serie, Folge 1: Marie-Luise Reinicke ist die einzige Frau in diesem Ehrenamt
„Ich vermisse in Dahl nichts“

Paderborn-Dahl -

Einmal wurde Marie-Luise Reinicke zur Detektivin. Das war damals, als sie den Hinweis bekam, jemand habe Müll in den Wald geworfen. Als sie nachschaute, entdeckte sie im Abfall Briefumschläge samt Adressen. Marie Luise Reinicke ist die einzige Ortsvorsteherin in Paderborn.

Sonntag, 29.11.2020, 16:42 Uhr aktualisiert: 30.11.2020, 07:38 Uhr
Die Ortsvorsteherin von Dahl, Marie-Luise Reinicke, zeigt oberhalb des Ortes auf ihre Heimat.
Die Ortsvorsteherin von Dahl, Marie-Luise Reinicke, zeigt oberhalb des Ortes auf ihre Heimat. Foto: Dietmar Kemper

Sie ist das Auge und Ohr der Stadtverwaltung in Dahl und eine von fünf ehrenamtlichen Ortsvorstehern, die es außerdem in Neuenbeken, Marienloh, Wewer und Benhausen gibt. Das WESTFÄLISCHE VOLKSBLATT stellt sie in einer kleinen Serie vor. Die ehemalige Lehrerin nimmt seit sechs Jahren Wünsche, Kritik und Vorschläge der Bürger entgegen und leitet sie an die zuständigen Ämter weiter.

„Das erste, was an mich herangetragen wurde, war die Kritik, dass ein Bürgersteig an einer Stelle noch nicht abgesenkt war“, erinnert sich Marie-Luise Reinicke an ein Ärgernis vor allem für Rollstuhlfahrer. Heute wird sie oft gefragt, ob sie jemanden kenne, der sein Haus verkaufen wolle. Grundstücke sind in Dahl begehrt, und das ist ein gutes Zeichen. In anderen Dörfern sieht es manchmal trostlos aus, die Jungen sind weggezogen, die Alten dageblieben. „Bei uns in Dahl ist das Verhältnis zwischen den Generationen ausgewogen“, stellt Marie-Luise Reinicke fest. Auch die Infrastruktur könne sich sehen lassen. In Dahl gebe es einen Allgemein- und einen Zahnmediziner, einen Gärtner, Supermarkt, zwei Bäcker, zwei Elektromeister, eine Fahrschule.

Junge Familien können ihren Nachwuchs in den Kindergarten und die Grundschule schicken, Teenager in den Jugendtreff im Anbau an die Gemeindehalle gehen. In normalen Zeiten wohlgemerkt, und davon kann seit der Corona-Pandemie nicht mehr die Rede sein. Das Vereinsleben liegt brach, Jubiläen können nicht gefeiert werden. Im nächsten Jahr wird der Löschzug 100 Jahre alt – ob die Kameraden den runden Geburtstag dann groß würdigen können, ist offen.

Wer aus Dahl nach Paderborn möchte, kommt schnell weg. Alle 30 Minuten fährt ein Bus. „Ich bin in zwölf Minuten am Domplatz“, hat die Ortsvorsteherin ausgerechnet, die auch gern mit dem eigenen Auto in die Großstadt fährt. „Sie wohnen ja im Paradies“, hört sie von Fremden oft, und ja, Marie-Luise Reinicke möchte da gar nicht widersprechen. Dahl sei sehr schön, noch dörflich geprägt, das Vereinsleben intakt und hinzu komme die herrliche Naturkulisse, schwärmt die Ortsvorsteherin und stellt fest: „Ich vermisse nichts.“ Das Leben auf dem Land laufe ruhiger und weniger anonym ab: „Man grüßt sich, selbst wenn man den Namen des anderen nicht kennt.“

Nun ist es aber nicht so, als ob sich in Dahl mit seinen knapp 2800 Einwohnern gar keine Schwachpunkte finden ließen. Ein Drogeriemarkt und eine Apotheke fehlen genauso wie eine Kneipe. „Keine Kneipe mehr – das ist ein großer Mangel. Sie fehlt für die Versammlungen der Vereine“, weiß die Ortsvorsteherin. Die Sparkasse hat sich aus dem Ortsteil zurückgezogen. Der Geldautomat in einem Privathaus ist keine Dauerlösung, die Risiken für die Be- und Anwohner sind zu groß. Was passiert, wenn Kriminelle nachts den Geldautomat sprengen? Aber es gibt eine Lösung, hat Marie-Luise Reinicke erfahren: „Die Sparkasse hat mit der Volksbank einen Vertrag abgeschlossen. Sparkassenkunden können auch in der Volksbank Geld abheben.“

Die Breitbandversorgung in Dahl stockt, die Versorgung mit Glasfaser verzögert sich genauso wie der Hochwasserschutz am Ellerbach, um eine ganz andere Baustelle zu nennen. Und dann ist da noch ein Mangel. „Ein Altenheim ist ein Projekt, das wir uns auf unsere Fahnen geschrieben haben“, erläutert Marie-Luise Reinicke. Aber dafür müsse noch ein passender Standort gefunden werden.

Bereits im Druck ist die Chronik der Gemeinde. Das Buch erzählt von der Zeit von 1800 bis 2010, Anfang Dezember wird es verteilt, 200 Bestellungen liegen bereits vor. Dahl ist aber noch älter – 2011 wurde der 975. Geburtstag gefeiert. „Ich habe festgestellt, dass einige Namen immer wieder auftauchen“, erzählt Marie-Luise Reinicke und nennt Knievel, Amedick, Buschmeyer und Ewers. Einiges ist ihrer Amtszeit erreicht worden, etwa der Kunst- und Skulpturenpfad, das Grabfeld für Särge mit den Namensschildern der Toten oder die Gründung des Heimat- und Kulturvereins. Dabei hatte Reinicke gezögert, das Amt anzunehmen: „Ich wollte das eigentlich nicht werden, weil ich keine Wurzeldahlerin bin. Ich bin vor 37 Jahren zugereist. Und ich war kein Vereinsmeier.“ Sie kam in Holzminden zur Welt, studierte Geschichte, Deutsch und Theologie auf Lehramt, lebt seit 1984 in Dahl und leitete die ehemalige Heinz-Nixdorf-Realschule in Büren. Vor zehn Jahren wurde sie pensioniert. Der CDU gehört sie seit 1974 an, saß von 2009 bis 2020 im Kreistag.

Als Ortsvorsteherin bekommt Marie-Luise Reinicke 190 Euro im Monat. Aber deswegen macht sie den Job nicht. Sie will zwischen Bürgern und Verwaltung vermitteln. „Im Grunde sollen wir den Bürgermeister vor Ort vertreten“, beschreibt die 73-Jährige. Wenn eine Kurve nur noch schwer einsehbar ist, weil Äste ins Blickfeld hineinragen, ist sie für einen Hinweis dankbar. Oder wenn jemand wild Müll entsorgt hat.

Ortsvorsteher-Steckbrief

Name:Marie-Luise Reinicke

Ortsvorsteherinin:Dahl

Geburtstag:21. Oktober

Familienstand:ledig

Beruf:Lehrerin

Hobbys:Gartenarbeit, mit dem Auto fahren, Irland bereisen

SoistMarie-LuiseReinickeerreichbar:05293/1304; 0171/5340099; mlreinicke@t-online.de; Fax: 05293/931772.

WaszeichnetDahlaus?Das intakte Vereinsleben und die herrliche Naturkulisse.

WasbrauchteineOrtsvorsteherinunbedingt?Ein offenes Ohr, Seriosität und eine gewisse Unabhängigkeit und Distanziertheit.

WenwürdenSiegerneinDahlbegrüßen,undwaswürdenSieihroderihmzeigen?Angela Merkel. Ich würde ihr unsere Kirche und den Kunst- und Skulpturenpfad zeigen.

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