Ausländerbehörde möchte von den Briten wissen, ob sie in Paderborn bleiben wollen
Wenn der Brexit persönlich wird

Paderborn -

Plötzlich ist der Brexit für Pete Alderton spürbar und nicht mehr nur ein Thema für die Nachrichten. Weihnachten erhielt er ein interessantes Schreiben von der Paderborner Ausländerbehörde.

Mittwoch, 30.12.2020, 06:10 Uhr aktualisiert: 30.12.2020, 08:27 Uhr
Nach 48 Jahren in Paderborn musste der Gitarrist Pete Alderton über das Schreiben der Stadt schmunzeln. In der Domstadt möchte er bleiben.
Nach 48 Jahren in Paderborn musste der Gitarrist Pete Alderton über das Schreiben der Stadt schmunzeln. In der Domstadt möchte er bleiben. Foto: Jörn Hannemann

 Die Behörde teilte ihm mit: „Als britischer Staatsangehöriger, der in Paderborn wohnt, sind Sie voraussichtlich vom Austrittsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union betroffen. Wenn Sie sich über den 31. 12. 2020 hinaus in Paderborn aufhalten wollen, ist es erforderlich, dass Sie Ihren Aufenthalt gegenüber der Ausländerbehörde Paderborn anzeigen.“

Dies müsse spätestens bis zum 30. Juni 2021 erfolgen, heißt es in dem Schreiben weiter. Wenn die Aufenthaltsanzeige vorliegt, erhält Pete Alderton von der Ausländerbehörde schriftlich einen Termin zur Ausstellung des „Aufenthaltsdokumentes-GB“. Und dann wird ihm auch mitgeteilt, welche Unterlagen er dafür braucht.

Als Pete Alderton, der seit 48 Jahren in Paderborn lebt, den Brief las, musste er schmunzeln. „Ich habe es aus Humor auf meiner Facebook-Seite gepostet, aber viele Leute haben sich darüber aufgeregt und das Ganze als typisch deutsche Bürokratie bezeichnet“, erzählt der 65-Jährige. Einer habe sogar angeboten, ihn zu adop­tieren.

Der Brite Alderton bleibt Brite, aber durch den Brexit wird er vom EU-Bürger zum Nicht-EU-Bürger. Das ist kurios, aber nicht seine Schuld, sondern die von Politikern wie dem britischen Ministerpräsidenten Boris Johnson. Aus der Diskussion über Sinn oder Unsinn des Brexit hält sich Pete Alderton („Ich war schon immer politisch neu­tral“) heraus, aber er betont, dass er sich nicht auf ein Land festlegen lassen will.

Der Sohn eines amerikanischen Soldaten und einer Engländerin liebt das Multikulturelle. Im englischen Ipswich in der Grafschaft Suffolk wuchs er auf, im Alter von 15 Jahren ging er 1970 zum Militär. Zwei Jahre später kam er nach Paderborn – und das unfreiwillig. Als Stationierungsort hatte er sich Hongkong, Belize in Mittelamerika oder das heimatliche England gewünscht. Als er las, wohin er wirklich abkommandiert wird, fragte er einen Kameraden: „Wo ist Paderborn?“ Ein Vorgesetzter habe ihm gesagt: „Paderborn ist so wie Manchester.“

Beim Anflug auf den Militärflughafen in Gütersloh staunte er über den üppigen Wald unter sich, und als Begrüßungsgeschenk bot ihm die Stadt Paderborn damals Paderborner Bier an. „Ich wollte nie nach Deutschland kommen und hätte nie gedacht, dass ich in Paderborn bleiben würde“, blickt Pete Alderton zurück. Aber die Domstadt wurde unverhofft zu seinem Lebensmittelpunkt: Drei seiner vier Kinder im Alter zwischen 25 und 37 Jahren leben ebenfalls in Paderborn, eine Tochter studiert in Göttingen. „Ich fühle mich hier wohl“, sagt ihr Vater, der sieben Jahre lang in einer Artillerie-Einheit in der Barker-Kaserne diente, danach mehrere Jobs ausprobierte und seit 20 Jahren von seiner Musik lebt.

Gerade erst ist im Ozella-Musikverlag seine vierte CD „Mystery Lady“ erschienen. Auf seinen Akustik-Gitarren spielt Alderton eigene Blues-Songs und Cover von Größen der Szene wie Willie Dixon, Robert Johnson und John Lee Hooker. Der Vater mit seiner Liebe zum Blues hat den Sohn entsprechend vorgeprägt.

Die Corona-Pandemie verdammt Pete Alderton zur Untätigkeit. „Im vergangenen Jahr hatte ich 75 Auftritte“, erzählt er. Im jetzt zu Ende gehenden 2020 sind es etwa 25 weniger – „seit November hatte ich keinen einzigen mehr“. Eines seiner 120 selbst geschriebenen Lieder heißt „Homesick“ und beschäftigt sich mit Heimweh. „Ich hatte so ein Heimweh nach England“, erinnert sich Pete Alderton an die ersten Wochen als Soldat in Paderborn. Als sich das Heimweh gelegt hatte, liebte er seine Soldatenzeit und lernte auch Paderborn schätzen. Die Stadt habe sich in den Jahrzehnten sichtbar weiterentwickelt. „Als ich kam, hatte Paderborn knapp 100.000 Einwohner“, verweist Pete Alderton auf das rasante Wachstum der Bevölkerung. Heute sind es 50.000 Menschen mehr als 1972.

Mit Alderton kamen im Laufe der Jahrzehnte viele Briten nach Paderborn. Aber der in London beschlossene Truppenrückzug bringt es mit sich, dass viele bereits wieder auf die Insel zurückgekehrt sind. Die Paderborner Geschäftswelt verliere dadurch erheblich an Umsatz, sagt Pete Alderton. Zurück in ihrer Heimat vermissten viele Engländer wiederum das deutsche Brot. Gern würde Pete Alderton Ipswich und seine Mutter, eine frühere Bürgermeisterin der Stadt, wieder einmal besuchen. Für Ende Oktober hatten er und seine Schwester eine Geburtstagsparty für die Mutter geplant, aber Corona ließ weder die Reise noch die Party zu.

Die deutsche Staatsbürgerschaft will Pete Alderton angesichts des Schreibens vom Paderborner Ausländeramt nicht beantragen. Das allerdings haben 115 Landsleute in Paderborn 2019 und 2020 bereits getan. Insgesamt sind 721 Britinnen und Briten in Paderborn gemeldet. Die wirkliche Zahl dürfte höher liegen, weil britische Soldaten und ihre Angehörigen nicht verpflichtet sind, sich im Rathaus registrieren zu lassen. Pete Alderton sagt über sich: „Ich fühle mich wie ein Engländer, der in Paderborn wohnt.“ Und das will er auch nach dem Brexit so beibehalten.

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