Der Paderborner Bestsellerautor Oliver Pott über das Silicon Valley und das erfolgreiche Vermarkten von Wissen
„An Spezialisierung führt kein Weg vorbei“

Paderborn -

Wie Menschen im Internet ihr Spezialwissen zu Geld machen können, beschreibt Oliver Pott in seinem Buch, das schon nach kurzer Zeit ein Bestseller ist. Digitalisiertes Wissen könne auch bei der Bekämpfung von Pandemien helfen, sagt der Paderborner: „Was ist denn der Wert eines Impfstoffs? Das ist doch nicht die Produktion, sondern das Wissen um die Zusammensetzung.“ Redakteur Dietmar Kemper hat mit Oliver Pott über das Silicon Valley, die Wissensgesellschaft und Nischen für das digitale Business gesprochen.

Freitag, 01.01.2021, 16:05 Uhr aktualisiert: 01.01.2021, 16:14 Uhr
Buchautor Oliver Pott.
Buchautor Oliver Pott. Foto: Oliver Schwabe

Sie waren schon mehrfach im Silicon Valley. Mit welchen Erkenntnissen sind Sie zurückgekehrt?

Oliver Pott: Ich bin mit einem der Check24-Mitgründer, Jan Schust, eng befreundet, und wir fahren regelmäßig ins Silicon Valley, um uns inspirieren zu lassen und uns über Trends zu informieren. Und bei meinem letzten Besuch, noch vor Corona, haben wir ganz oft darüber gesprochen, was denn eigentlich den Wert des Silicon Valley ausmacht. Warum sind da so viel Reichtum und so viel Geld? Rohstoffe sind nicht der Grund, Industrie auch nicht. Es sind zwei immaterielle Vermögensgegenstände, die das Silicon Valley so reich machen. Erstens Hollywood: Das ist ja immateriell, das sind die Filme, die dort gedreht werden, und die Lizenzen. Und zweitens ist es das Wissen der Ingenieure von Google und Facebook. Beides ist materielos. Der israelische Historiker Yuval Harari sagt sogar, dass Wissensgesellschaften Kriege verhindern, weil es dann nicht um Rohstoffe geht. Stellen Sie sich vor, wir würden von einem Feind angegriffen. Dann wäre das Wissen für den Feind gar nicht greifbar. Weil es ja immateriell ist. Was soll der Feind machen? Die Ingenieure von Google und Facebook würden im Flieger sitzen und sich irgendwo anders niederlassen. So Hararis These. Das waren Jan Schusts und meine Lerneffekte aus dem Silicon Valley.

Sie sagen, Wissen und Ideen seien heute wichtiger als Produkte und Rohstoffe. Wie zeigt sich das?

Pott: Früher war in der Agrargesellschaft derjenige am wohlhabendsten, der Land hatte. In der Indus­triegesellschaft war es der, der Fabriken besaß. Heute haben wir eine Wissensgesellschaft. Da ist derjenige am wohlhabendsten, der über spezielles Wissen verfügt. Akademisches Wissen ist wertvoll: Die am besten verdienenden Berufe sind Anwälte, Ärzte, Coaches, Berater, Banker. Sie sind die teuersten Berufe. Dort wird aber im engeren Sinne nichts hergestellt. Die wissensarmen Berufe, zum Beispiel Assistentin und Hilfsarbeiter, verdienen am wenigsten.

Sie unterteilen die Welt in eine Wissensgesellschaft und in Werkbänke. Und das i-Phone von Apple ist für Sie ein Bespiel dafür.

Pott: Ja. Die Wissensgesellschaft, das ist die gesamte westliche Hemisphäre plus Japan. Und dann gibt es den Rest, der produziert und Rohstoffe hat: Indien, China, Afrika. Ein Symbol für die Zweiteilung finden Sie auf der Rückseite des i-Phones: „Designed and developed by Apple in California, assembled in China“, steht da. Welches ist das wertvollste Unternehmen der Welt? Apple. Die wertvollsten Unternehmen sind heute die mit skalierbaren Geschäftsmodellen – Apple, Facebook, Google. Deren Wert ist komplett immateriell. Sie kennen die Leute gar nicht, die das i-Phone in China zusammenbauen. Apple und Facebook als wissenszentrierte Firmen kennen Sie aber sehr wohl.

Walt Disney halten Sie für ein Musterbeispiel für die Veredelung des Rohstoffs Wissen. Was zeichnet den Konzern aus?

Pott: Walt Disney lebt von immateriellen Lizenzen, von Micky Mouse und Donald Duck. Natürlich gibt es einen realen Vergnügungspark, aber warum gehen die Leute denn in die Disney World? Weil sie da ihre Helden sehen. Ich war mit meinen drei Kindern im letzten Jahr in Kalifornien zu einem Familienurlaub. Und was wollten meine Kinder? Sie wollten in die „Harry Potter World“. Sie wollten ihrem immateriellen Helden nahe sein. In der realen Welt wäre Harry Potter entzaubert.

Wie können jemand wie Sie und ich Walt Disney nacheifern und das eigene Business sichtbar machen?

Pott: Das Wichtigste ist erst mal, seinen eigenen Wissenskern zu kartieren. Es fällt vielen Menschen schwer, sich zu fragen: Was ist denn mein Spezialwissen, wo bin ich denn wirklich gut? Einer meiner Freunde in Paderborn, der Chefarzt Andreas Götte, hat sich auf eine Sache sehr gut spezialisiert, nämlich auf Herzklappen. Und die Frage nach der Sichtbarkeit ist leicht zu beantworten. Sichtbarkeit ist heute für Centbeträge einzukaufen, Sichtbarkeit ist ein Rohstoff. Sichtbarkeit ist demokratisiert, ist wie Mehl für den Bäcker. Was macht ein Bäcker? Er nimmt Mehl und veredelt das zu Brot. Gleiches können Sie tun, wenn Sie Wissensanbieter sind.

Aber wie?

Pott: Wir haben heute ein Duoversum der Sichtbarkeit. Es gibt zwei Arten, wie Sie heute in den Onlinemedien Sichtbarkeit herstellen können. Wir sprechen ja immer von Digitalisierung von Wissen. Wissen wird heute digital ausgespielt. Duoversum Nr. 1 ist Google, denn zu Google gehört ja auch Youtube. Da können Sie heute für etwa 10 Euro 1000 genau passende Kunden ansprechen. Sie sagen zum Beispiel: Ich möchte 1000 Menschen erreichen, die Herzprobleme haben. Und die werden Ihnen dann geliefert. Datenschutzrechtlich ist das ein Problem, das wissen wir. Facebook verdient damit Geld, aber für uns als Anbieter ist das ein wahr gewordener Traum. Teil zwei des Duoversums ist Facebook mit Instagram und Whatsapp. Zusammen decken sie über 90 Prozent ab.

Bei Quizshows wie „Wer wird Millionär?“ ist ein umfassendes Allgemeinwissen von großem Nutzen. Zählt beim digitalen Business nur Spezialwissen?

Pott: An einer Spezialisierung führt heute kein Weg vorbei, sonst sind Sie beliebig austauschbar. Man sieht das am Beispiel des Herzchirurgen Andreas Götte in Paderborn: Wenn Sie ein Herzproblem haben, gehen Sie zum Spezialisten. Idealerweise zum Spezialisten mit dem Namen Andreas Götte, und eben nicht zum Hausarzt. Ich glaube, dass Allgemeinwissen für die eigene Persönlichkeit und den eigenen Charakter unermesslich wichtig ist. Und es ist gut, über den Tellerrand hinauszuschauen. Das ist das Humboldtsche Bildungsideal. Für die eigene Persönlichkeit ist das wichtig, aber bezahlt wird im Business für Spezialwissen. Sie bezahlen jemanden dafür, dass er Ihr Herz zusammenflickt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich glaube sogar, dass wir generell zu wenig Allgemeinwissen haben. Viele Menschen können Fakten von Fake nicht unterscheiden. Aber bezahlt wird eben für Spezialwissen.

Sie raten denen, die im Internet geschäftlich aktiv werden wollen, sich eine Nische zu suchen. Aber sind die Nischen in Bereichen wie Ernährung und Fitness nicht alle besetzt?

Pott: Wenn man ein Wissensbusiness aufbaut, muss man sich damit detailliert beschäftigen, eine Nische zu entdecken. Das ist ein wesentlicher Teil meines Buches. Sonst gehen Sie unter und sind beliebig austauschbar. Sich heute als Ernährungsberater niederzulassen, ist keine gute Idee. Besser ist es, so etwas zu machen wie Ernährungsberater für Paläodiäten. Seiner Spezialmethode sollte man einen Namen geben und sie sich markenrechtlich schützen lassen. Dr. Mareike Awe hat genau das getan. Sie ist Ärztin und Ernährungsberaterin, und die hat ihre Ernährungsmethode, nämlich intuitives Essen, unter dem Markennamen „intueat“ schützen lassen und verkauft es für 97 Euro im Monat in einem Abokurs. Thomas Friebe ist ein weiteres gutes Beispiel. Der Sprecher von „Wer wird Millionär?“ und dem ARD-„Presseclub“ ist ein langjähriger Kunde von mir. Deutschlands teuerster Sprecher kann eine Sache gut: anderen Menschen zeigen, wie sie sicher auftreten können. Daraus hat er mit meiner Hilfe einen Videokurs gemacht.

Wie wichtig sind Sendungen wie „Die Höhle der Löwen“, um auf sich aufmerksam zu machen?

Pott: „Ralf Dümmel, einer der Juroren der Sendung, hat mir mal erzählt, dass es vielen der Teilnehmer gar nicht darum geht, ein Investment zu bekommen, sondern um die Gratissichtbarkeit zur Primetime.“

Auch inmitten der Corona-Pandemie lässt sich Wissen doch bestimmt zu Geld machen, oder?

Pott: Wir sehen heute, dass zur Bekämpfung der Pandemie eines hilft: digitalisiertes Wissen. Wenn Sie beispielsweise Virologe sind, dann hilft Ihr Wissen vielleicht, einen Impfstoff zu entwickeln. Und die Digitalisierung hilft dabei, Ihr Wissen um diesen Impfstoff Menschen zugänglich zu machen und Leben zu retten. Was ist denn der Wert eines Impfstoffs? Das ist doch nicht die Produktion, sondern das Wissen um die Zusammensetzung. In der Forschung liegt das Geld.

 

Zur Person

Oliver Pott ist Unternehmer, Autor, Business-Coach, Kapitalgeber und seit 2010 Professor für Unternehmensgründung und Internetmarketing an der Fachhochschule für Wirtschaft in Paderborn. Er gründete Firmen wie Blitzbox, die in kurzer Zeit Umsätze von mehreren Millionen Euro machten. Das Founders-Magazin bezeichnete ihn im Mai 2019 als einflussreichsten deutschen Unternehmensgründer neben Frank Thelen, der einem breiteren Publikum als Juror der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ bekannt ist. Oliver Pott betreibt die Pott-Holding in Paderborn. Zu seinen Kunden gehören ehemalige Fußballprofis, Anwälte, Ärzte und Professoren. Der 46-Jährige stammt aus Detmold, lebt aber seit 20 Jahren in Paderborn. Das im Campus-Verlag erschienene Buch „Wissen zu Geld: So machen Sie aus Ihrem Know-how ein digitales Business“ hat er mit seinem Geschäftspartner Jan Bargfrede geschrieben. Es ist ein „Spiegel“-Wirtschaftsbesteller und sogar erfolgreicher als das neue Buch von Friedrich Merz. Es kostet 24,95 Euro und hat die ISBN-Nummer 978-3-593-51268-6.

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