Die Paderborner Juniorprofessorin Muna Tatari gehört dem Deutschen Ethikrat an, der sich gerade vor allem mit Corona befasst
„Gott will, dass wir Verantwortung übernehmen“

Paderborn (WB) -

Die Islamwissenschaftlerin und Leiterin des Seminars für Islamische Theologie an der Uni Paderborn, Muna Tatari (49), gehört seit April dem Deutschen Ethikrat an. In Sachen Corona kritisiert Tatari einige freikirchliche Gemeinden für blindes Gottvertrauen und meint, jeder Bürger habe zumindest die moralische Pflicht, sich impfen zu lassen. Redakteur Dietmar Kemper hat die Juniorprofessorin befragt.

Montag, 01.03.2021, 08:02 Uhr aktualisiert: 01.03.2021, 08:58 Uhr
Jun.-Prof. Dr. Muna Tatari (49) hat seit 2015 eine Juniorprofessur für islamische systematische Theologie am Seminar für islamische Theologie der Universität Paderborn und leitet das Seminar für islamische Theologie. Sie ist seit 2020 Mitglied des Deutschen Ethikrates.
Jun.-Prof. Dr. Muna Tatari (49) hat seit 2015 eine Juniorprofessur für islamische systematische Theologie am Seminar für islamische Theologie der Universität Paderborn und leitet das Seminar für islamische Theologie. Sie ist seit 2020 Mitglied des Deutschen Ethikrates. Foto: Besim Mazhiqi

 

Ist es moralisch zwingend, zuerst die vulnerablen Gruppen wie alte Menschen und Kranke zu impfen, oder hätte man angesichts des noch knappen Impfstoffs die Losung ausgeben sollen: Wer zuerst zum Impfzentrum kommt, wird geimpft?

Muna Tatari: Die Empfehlungen der gemeinsamen Arbeitsgruppe – sie bestand aus Mitgliedern der Ständigen Impfkommission, des Deutschen Ethikrates sowie der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina – sieht angesichts der noch nicht flächendeckend vorhandenen Impfstoffe ei­ne Priorisierung innerhalb der Bevölkerung vor. Diese Reihenfolge soll anhand medizinischer, ethischer und rechtlicher Prinzipien erfolgen. Das halte ich auch persönlich für sinnvoll. Vor allem schwerere Verläufe und Todesfälle sollten vermieden werden. Als besondere Risikogruppen sind vor allem ältere Menschen betroffen. Ihnen sollte unser besonderes Augenmerk gelten. Aber auch der Schutz von Personen mit besonders hohem arbeitsbedingten Risiko – Pflegerinnen und Pfleger, Ärzte und Ärztinnen, Rettungssanitäter oder Polizisten – sollten mit hoher Priorität geimpft werden. Sie erhalten nicht nur die für uns alle wichtigen staatlichen Funktionen aufrecht, sondern kommen selbst, etwa in der Altenpflege, mit vielen anderen Menschen in Kontakt, die in hohem Maße des Schutzes bedürftig sind und auch selbst bestmöglich geschützt sein sollten. Unter ethischen Gesichtspunkten sollten wir also sicherstellen, dass hier nicht das „Recht des Stärkeren“ beziehungsweise des „Reicheren“ gilt.

Je mehr Daten wir erhalten und je besser wir diese analysieren und damit verstehen können, desto sicherer ist die Basis, auf der wir eine „moralische Verpflichtung“ aussprechen können.

Muna Tatari

Ist es akzeptabel, sich nicht impfen zu lassen, oder gilt in der Pandemie, dass Solidarität über individuellen Erwägungen stehen muss?

Muna Tatari: Wie viele Bürgerinnen und Bürger würde auch ich von einer moralischen Pflicht, sich impfen zu lassen, sprechen. Dies formuliere ich aus dem Solidargedanken heraus. Allerdings gilt auch, dass jeder für sich zwischen unterschiedlichen Gütern abzuwägen hat, etwa dem Recht auf körperliche Unversehrtheit. Daher besteht auch nur in ganz wenigen, außerordentlich gut begründeten Ausnahmen eine Impfpflicht – wie etwa bei der Masernschutzimpfung für Lehrer. Eine transparente und nachvollziehbare Informationspolitik zu den unterschiedlichen Wirkungsweisen verschiedener Impfstoffe und die sorgfältige Dokumentation sowie Analyse von Nebenwirkungen sind unverzichtbar und liegen auch vor. Zudem müssen wir die möglichen Langzeitnebenwirkungen in den Blick nehmen. Je mehr Daten wir erhalten und je besser wir diese analysieren und damit verstehen können, desto sicherer ist die Basis, auf der wir eine „moralische Verpflichtung“ aussprechen können. Da sind wir auf einem guten Weg.

Die Islamwissenschaftlerin sieht eine moralische Pflicht, sich impfen zu lassen.

Die Islamwissenschaftlerin sieht eine moralische Pflicht, sich impfen zu lassen. Foto: Thomas F. Starke

Sollten die, die sich impfen lassen, danach Privilegien genießen und wieder fliegen oder ins Kino, Konzert und Theater gehen dürfen?

Muna Tatari: Ich würde nicht von Privilegien sprechen, sondern von der Rückkehr zu den Grund- und Freiheitsrechten. Sie wurden angesichts der Pandemie zum Schutz aller zurückgenommen. Da derzeit noch nicht hinreichend gesichert feststeht, ob eine Impfung gegebenenfalls nicht nur vor einer Erkrankung, sondern auch vor einer Übertragung des Virus auf andere, nicht geimpfte Menschen schützt, sehe ich derzeit keine Grundlage, einseitig Lockerungen zu ermöglichen. Ganz grundsätzlich ist festzuhalten, dass Freiheitseinschränkungen immer sehr stark begründungspflichtig sind. Daher könnten Lockerungen für alle angedacht werden zum Beispiel, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz unter 50 sinkt. Überlegungen in diese Richtung macht sich die Politik derzeit verstärkt, denn für viele Menschen sind die Einschränkungen eine große Belastung, etwa für Familien mit Kindern oder für Menschen in der Gastronomie und im Einzelhandel.

Ich hoffe sehr, dass wir noch besser in Sachen Solidarität werden.

Muna Tatari

Ist das Vorenthalten von Grundrechten noch über einen weiteren längeren Zeitraum vertretbar?

Muna Tatari: Hier geht es immer um die Abwägung von unterschiedlichen Gütern: der Freiheit des Einzelnen, der Ermöglichung ei­nes intakten Wirtschaftslebens, dem gesundheitlichen Schutz und der Rettung von Leben – und natürlich auch der Aufrechterhaltung eines überhaupt noch funktionsfähigen Gesundheitssystems. Selbstverständlich sind alle diese Gesichtspunkte eng mitein­ander verknüpft, weshalb wir auf Expertenwissen angewiesen sind. In den vergangenen Monaten haben wir erfahren, wie wichtig die Teilhabe am sozialen Leben ist, zu dem auch die Partizipation an Kunst und Kultur in ganz umfassendem Sinne gehört: alles, was Nahrung für unsere Seele ist. Mein Eindruck ist, dass die Verantwortlichen in der Politik sehr genau auf die Expertisen der unterschiedlichen Bereiche hören und immer wieder darum ringen, daraus eine vermittel- und gangbare Strategie zu machen. Wir sind nicht nur alle müde geworden, für einen Teil der Bevölkerung haben die Corona-Beschränkungen existentielle Konsequenzen wie Arbeitslosigkeit und Insolvenzen. Abstandhalten und Maskentragen ist das eine. Den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht zunehmend zu gefährden, wenn es wirtschaftlich enger wird, ist eine andere Sache. Ich hoffe sehr, dass wir noch besser in Sachen Solidarität werden. Das ist nicht nur die Verantwortung eines jeden Einzelnen, vielmehr sehr ich die Politik in der Verantwortung, weniger den oft lauten Stimmen der Lobbyisten nachzugeben, sondern eine Neuauflage dessen zu starten, was wir unter dem Begriff der „sozialen Marktwirtschaft“ kennen.

Ich bin nicht sicher, ob Gottes Allmacht als direkt eingreifendes Handeln zu verstehen ist.

Muna Tatari

Bei früheren Epidemien verkündeten die Vertreter der Religionen, es handele sich um eine Strafe Gottes für sündiges Verhalten der Menschen. Diese Ansicht gibt es teilweise heute noch. Ist so ein Denken hilfreich oder kontraproduktiv?

Muna Tatari: Eine Virologin hat jüngst gesagt, dass der beste Schutz vor weiteren Pandemien der Naturschutz ist. Sie meint damit einen sorgsamen und respektvollen Umgang mit den Ökosystemen der Welt, zu denen auch die Spezies Mensch gehört. Die Wissenschaftlerin hat dabei vor allem die großartigen und fragilen Lebenswelten, die Urwälder, vor Augen, die als „Lunge der Erde“ bezeichnet werden. Diese Lebensräume sind allerdings auch die Lebenswelt von Viren und Bakterien, die für Menschen gefährlich sein können. Eine Störung dieses Gleichgewichtes hat demzufolge oft mittelbare oder unmittelbare Folgen für uns Menschen, die wir dann wie jetzt als Katastrophe wahrnehmen. Religiöse Menschen neigen bisweilen dazu, das Heft des Handelns nicht aus Gottes Hand geben zu wollen, da sie dann das Glaubensprinzip der Allmacht Gottes gefährdet sehen würden. Insofern verstehen sie alles, was geschieht, als Gottes Handeln in der Welt. Und auch ich denke, dass alles was ist, nicht ohne Gottes Macht und Herrlichkeit gedacht werden kann. Ich bin allerdings nicht sicher, ob Gottes Allmacht am besten in der Form eines direkt eingreifenden Handelns zu verstehen ist. Denn dann wäre es für uns Menschen nicht einsichtig, warum bestimmte Menschen unabhängig von einer persönlichen Schuld einer so gedachten „Strafe“ zum Opfer fallen würden und andere Menschen wiederum nicht. Der Preis eines theologischen Notausgangs, nämlich das Geheimnisvolle von Gottes Willen zu proklamieren, wäre allerdings ein sehr hoher: Eine solche Theologie ist nach den Katastrophen der Menschheitsgeschichte und vor allem denen des 20. Jahrhunderts nur noch dann möglich, wenn man ein großes Maß an Apathie und sprachloser Kälte in seine Theologie hineinnimmt. Dann würde das kollektive Leid Unschuldiger als Ausdruck von Gottes Willen und seinem Tun verstanden werden müssen. Dieser Preis wäre mir zu hoch. Insofern verstehe ich, wie die Virologin die Pandemie als Ausdruck natürlicher Gesetzmäßigkeiten sowie als Folge bestimmter menschlicher Entscheidungen und Handlungen auffasst. Diese kann ich dann durchaus aus einer religiös-theologischen Perspektive betrachten. Wenn wir davon ausgehen, dass Gott die Menschen in Freiheit geschaffen hat, mit dem Vermögen, Verantwortung zu übernehmen, dann würde Gottes Wille verstanden werden können als Aufruf an die Menschen, ihre Freiheit verantwortungsvoll für das Beste, Schönste und Gerechteste für alle einzusetzen.

Wissenschaftlicher Stand ist, dass Maskentragen und Abstandhalten einen Schutz gegen eine Corona-Infektion bieten – es ist also vernünftig, dies zu tun.

Muna Tatari

Freikirchliche Gemeinden argumentieren, Gott stehe über dem Staat. Und weil das eigene Schicksal allein in Gottes Hand liege, müsse man keine Schutzmasken tragen und keinen Mindestabstand einhalten. Was sagen Sie dazu?

Muna Tatari: Eine Überlieferung aus der islamischen Tradition besagt Folgendes: „Binde Dein Kamel an und vertraue dann auf Gott , dass es nicht wegläuft.“ Dahinter steckt eine große Lebensweisheit. Gottvertrauen ist eine wichtige Kraft, die Menschen durch schwere Zeiten tragen kann und ihnen hilft, auch in Krisenzeiten den inneren Kompass nicht zu verlieren. Blindes Vertrauen hingegen halte ich für gefährlich. Wie der Text der Tradition besagt, sollte der Mensch alles in seiner Macht stehende Vernünftige tun und dann auf Gott vertrauen. Wissenschaftlicher Stand ist, dass Maskentragen und Abstandhalten einen Schutz gegen eine Corona-Infektion bieten – es ist also vernünftig, dies zu tun. Damit der Mensch sich allerdings nicht in der Angst vor Ansteckung verliert und sich davon bestimmen lässt, ist wiederum Vertrauen wichtig, Vertrauen ins Leben, und ich würde hinzufügen: Vertrauen in Gott.

Ist der Glaube ein Impfstoff für die Seele?

Muna Tatari: Das ist keine einfache Frage, denn entgegen des Satzes, dass Corona uns alle gleichmacht und gleichermaßen trifft, haben wir ja feststellen müssen, dass Menschen ganz unterschiedlich hart betroffen sind. Sie verfügen über unterschiedlich ausgeprägte Ressourcen, mit den Einschränkungen, den gesundheitlichen Belastungen sowie den existentiellen Sorgen und Verlusten umzugehen. Kann man nun angesichts dieser vielfältigen Herausforderungen den Glauben an Gott aus dem Hut zaubern wie es ein Zauberer mit dem Kaninchen tut? Ganz so einfach erscheint es mir nicht. Glaube umhüllt den Menschen nicht wie ein magischer Schutzpanzer, an dem alles Negative und Bedrohliche abprallt. Und es wäre auch nicht so, dass Menschen, die glauben, keine Angst verspüren würden. Für mich macht der Glaube trotzdem einen Unterschied. Ich verstehe den Koran so, dass Gott zusagt, sowohl in der Schöpfung da zu sein und den Menschen zu begleiten, als auch losgelöst von der Schöpfung quasi ihr gegenüberstehend präsent zu sein. Gott ermöglicht es mir daher, nicht nur aufmerksam im Strudel der Geschehnisse zu stehen, sondern sie auch losgelöst aus einem Abstand heraus zu betrachten. Diese Betrachtung wird, wenn ich Gott an meiner Seite weiß, nicht einfach nur kühl und berechnend sein, sondern geprägt sein durch die Liebe, das Mitgefühl und die Barmherzigkeit Gottes sowie durch den Wunsch Gottes für das Wohl aller Menschen. Aus diesem Abstand heraus kann ich immer neu den Versuch machen, zu sehen und auszutarieren, wo ich inmitten dieser turbulenten Zeiten gerade bin – oder auch vielleicht sein möchte – und wie ich mich gerne verhalten würde. Dann finde ich immer wieder neue Ansätze, was mir und vielleicht anderen hilft, was uns allen Kraft und Zuversicht gibt.

Ethikrat

Der Deutsche Ethikrat hat 26 Mitglieder aus den Bereichen Naturwissenschaft, Medizin, Theologie, Philosophie, Ethik, Soziales, Wirtschaft und Recht. Die unabhängige Institution berät die Bundesregierung und den Bundestag, informiert die Öffentlichkeit und fördert die Diskussion über gesamtgesellschaftlich wichtige Themen. Arbeitsgruppen im Ethikrat wie die über „normative Fragen des Umgangs mit einer Pandemie“ oder „Mensch und Maschine“ bereiten Stellungnahmen vor, die zum Teil von der Bundesregierung in Auftrag gegeben werden. Die Mitglieder treffen sich einmal im Monat in Berlin. Sie werden je zur Hälfte vom Bundestag und der Bundesregierung vorgeschlagen und vom Bundestagspräsidenten für vier Jahre berufen. „Die plurale Zusammensetzung fordert dazu auf, sich um die bestmöglichen Argumente zu bemühen“, sagt Muna Tatari.

...

 

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7843331?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198401%2F2512560%2F
Kreise: CSU-Präsidium berät am Mittag über ungelöste K-Frage
Für Montagmittag hat CSU-Cehf Markus Söder eine Pressekonferenz angekündigt.
Nachrichten-Ticker