Alkoholisierte ziehen zum Karnevalsumzug in Scharmede – mehr Einsätze der Polizei
Kein Mittel gegen »Trinktouristen«

Salzkotten (WB/sen). Rund um den Karnevalsumzug in Scharmede hat die Paderborner Polizei in diesem Jahr erstmals wieder mehr Einsätze verzeichnet. »Wir haben wieder einen starken Zulauf alkoholisierter junger Leute aus Richtung Elsen festgestellt«, bestätigte Polizeisprecher Michael Biermann auf WV-Anfrage. Diese hätten sich bereits Sonntagmittag in der Elsener Ortsmitte getroffen und seien dann Richtung Scharmede gezogen.

Freitag, 16.02.2018, 12:12 Uhr aktualisiert: 16.02.2018, 12:16 Uhr
Alkohol gehört im Karneval offenbar dazu. Das Ausschenken von Spirituosen aus dem Zug heraus, wie es dieses Symbolbild zeigt, gibt es in Scharmede schon lange nicht mehr. Dort schaut man genau hin. Foto: WV
Alkohol gehört im Karneval offenbar dazu. Das Ausschenken von Spirituosen aus dem Zug heraus, wie es dieses Symbolbild zeigt, gibt es in Scharmede schon lange nicht mehr. Dort schaut man genau hin. Foto: WV

Die Jugendämter der Stadt und des Kreises Paderborn seien im Einsatz gewesen. Konrad Werning, Geschäftsführer des Karnevalverein Blau Weiß Scharmede spricht von rund 500 Leuten, die aus Elsen gekommen seien. Im vergangenen Jahr seien es 700 bis 800 gewesen, die unauffällig gewesen seien.

Kon­trollen im Sinne des Jugendschutzes

Vor fast zehn Jahren hatten die Veranstalter des Karnevalvereins Blau Weiß Scharmede schon einmal massive Probleme mit dem so genannten Vorglühen in Elsen und Wewer. Damals hatte der Verein gemeinsam mit der Stadt und dem Kreis Paderborn umfangreiche Maßnahmen ergriffen. So waren unter anderem im Sinne des Jugendschutzes Kon­trollen eingeführt worden. Jugendliche mit Alkohol im Gepäck mussten diesen ausschütten, bevor sie die Einlasskontrollen passieren durften.

2011 hatten Verein und Behörden gemeinsam die Kampagne »Zu blau macht unsexy« gestartet, 2013 wurde sogar die Startzeit des Umzuges einmalig vom Nachmittag auf 11 Uhr morgens vorgezogen, was Zuschauereinbußen zur Folge hatte. Die Maßnahmen griffen offenbar. 2014 verkündete Landrat Manfred Müller das ruhigste Einsatzgeschehen seit Jahren. Die Scharmeder kehrten zum fröhlichen Familienkarneval zurück.

Nach Informationen der Polizei habe es auch am vergangenen Sonntag Jugendschutzkontrollen gegeben. Viele der Alkoholisierten seien aber volljährig gewesen, so dass man keine Handhabe gehabt habe. Die vorläufige Einsatzbilanz der Polizei ist im Vergleich zu den Vorjahren auffällig. So berichtet Biermann von fünf jungen Männern, die im Laufe des Tages in Gewahrsam genommen wurden.

29 Platzverweise

29 Mal mussten Platzverweise ausgesprochen werden. Es wurden vier Diebstähle und zwei Beleidigungen angezeigt. Dreimal kam es zu Körperverletzungen, und ein Besucher sei gegen 22 Uhr mit illegalen Drogen erwischt worden. Nach Biermanns Informationen hätte der Sanitätsdienst vor Ort 14 Personen behandelt, drei Festbesucher seien ins Krankenhaus eingeliefert worden. Im Vergleich dazu gab es nach dem Rosenmontagsumzug in Delbrück zwei Delikte der Körperverletzung und eine Handgreiflichkeit, jedoch keine Besucher in Gewahrsam und keine Platzverweise. In Fürstenberg kam es nach dem Umzug in der Halle zu einer Schlägerei.

Konrad Werning ärgern die Zahlen, aber auch die schwierige Situation für Scharmede. »Unser Umzug ist normal verlaufen, es ist überhaupt nichts passiert. Im Gegenteil haben wieder sehr viele Familien den Umzug besucht«, betont Werning und verweist auch auf das umfangreiche Sicherheitskonzept, das der Verein jedes Jahr anpasse und vom Kreis Paderborn genehmigen lasse. »Gegen das Vorglühen in Elsen haben wir jedoch überhaupt keine Chance«, erläutert der Geschäftsführer, dass das Problem außerhalb des Ortes liege. Die Polizei könne nicht eingreifen, wenn kein Fehlverhalten vorliege. Der Karnevalverein nehme jedoch sein Hausrecht wahr, habe den Sicherheitsdienst in Marsch gesetzt und auch am Sonntag allzu Betrunkenen den Zutritt verwehrt.

Betrunkene trüben Familienkarneval

»Wir wollen hier einen ruhigen und vernünftigen Familienkarneval haben. Doch diese Leute sind für uns eine echte Belastung«, so Werning. Die im Vergleich zum Vorjahr gestiegene Einsatzzahl will Werning nicht kleinreden, aber auch nicht überdramatisiert wissen. »Es ist uns ein Warnzeichen, dass wir unsere Maßnahmen im nächsten Jahr wieder anziehen«, sagt Werning, der den Scharmeder Umzug aber auch aufgrund der Vorgeschichte unter besonderem Druck sieht. In der Manöverkritik mit allen Verantwortlichen werde das sicher Thema sein. Der Verein wolle jedenfalls alles dafür tun, damit die Zahlen vom Sonntag eine einmalige Ausnahme bleiben.

Auch Salzkottens Bürgermeister Ulrich Berger hatte einen friedlich-fröhlichen Karnevalsumzug in Scharmede miterlebt. Bei der Lagebesprechung um 18 Uhr seien keine besonderen Vorfälle Thema gewesen. Sehr viele Leute aus Elsen, die nach Scharmede gewandert seien, habe man jedoch registriert. Es gebe zwar auch schon in Elsen Kontrollen. Aber dagegen, dass sich über soziale Netzwerke Jugendliche verabredeten und schon stark alkoholisiert nach Scharmede wanderten, könne man wenig machen. Man werde im Nachgang genau analysieren, ob Maßnahmen notwendig sind. »Für uns wird die Situation in Scharmede Bestandteil der Gesamtanalyse des vergangenen Karnevalswochenendes sein«, so Polizeisprecher Michael Biermann. Es gehe nicht darum, mit dem Finger auf eine bestimmte Veranstaltung zu zeigen, sondern gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Kommentar

Ist der Ruf erst ruiniert – feiert es sich in Scharmede keineswegs ganz ungeniert. Der Karnevalverein organisiert seit Jahren nicht nur mit viel Leidenschaft den Straßenkarneval, sondern bringt auch enorme Kraft auf, um das alte Negativimage wieder loszuwerden. Was haben die Scharmeder nicht alles in Kauf genommen? Selbst morgens um 11 Uhr sind sie schon gestartet, um den Umzug vor dem Aus zu bewahren. Wahrlich keine glückliche Zeit, um Massen anzulocken. Sicherlich sind seinerzeit auch auf den Festwagen Alkoholgenuss und -ausschank übertrieben worden.

Doch die Bilder von jugendlichen Schnapsleichen in der Turnhalle gehörten der Vergangenheit an. Man kann die Wut und die Enttäuschung der Verantwortlichen verstehen, die sich abstrampeln, um einen fröhlichen Familienkarneval auf die Straße zu bringen und dann dem Problem der »Trinktouristen« machtlos ausgeliefert sind. Wenn junge Leute maßlos trinkend durch die Gegend ziehen, ist das kein Scharmeder, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Pech für Scharmede also? Das wäre zu einfach und ließe diejenigen im Stich, die den fröhlichen Karneval ohne Exzesse lieben. Vielleicht kann sich nur jeder an die eigene Nase fassen, Vorbild sein und Grenzen vermitteln. Denn die braucht es in allen Bereichen des Miteinanders, nicht nur im Karneval.

Marion Neesen

 

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