Nach 101 Jahren: Gaststätte Rittmeister in Thüle schließt am Wochenende
Ein letztes Bier in der kleinen Kneipe

Salzkotten (WB). Sie gehörte zum Dorf wie die Kirche und der Sportplatz, sie war Schauplatz all der großen und kleinen, freudigen und traurigen Ereignisse, sie war Treffpunkt der Vereine und vor allem war sie ein Ort der Begegnung im Bundesgolddorf Thüle. Nach 101 Jahren schließt die Gaststätte Rittmeister ihre Türen.

Donnerstag, 28.06.2018, 12:08 Uhr aktualisiert: 28.06.2018, 12:10 Uhr
Wenn die Wände Ohren hätten und erzählen könnten, gäbe es bei Rittmeisters viel zu hören. Nach mehr als 100 Jahren endet in Thüle eine Ära. Mit einer Abschiedsfeier am Freitag schließt die Gaststätte ihre Türen. Die Geschwister Florian Rittmeister, Sandra Klocke und Anja Rittmeister (hinten von links) sind darüber ebenso traurig wie Amelie, Mia und Hildegard Böhm. Foto: Besim Mazhiqi
Wenn die Wände Ohren hätten und erzählen könnten, gäbe es bei Rittmeisters viel zu hören. Nach mehr als 100 Jahren endet in Thüle eine Ära. Mit einer Abschiedsfeier am Freitag schließt die Gaststätte ihre Türen. Die Geschwister Florian Rittmeister, Sandra Klocke und Anja Rittmeister (hinten von links) sind darüber ebenso traurig wie Amelie, Mia und Hildegard Böhm. Foto: Besim Mazhiqi

Florian Rittmeister (38) verdrückt eine Träne. Er steht als letzter Rittmeister hinterm Tresen – neben seinem Schichtdienst in der Altenpflege. Auch seine Schwestern Sandra Klocke (49) und Anja Rittmeister (47) sowie die gute Seele der Gastwirtschaft, Hildegard Böhm (63), sind traurig und nehmen noch einmal an der Theke Platz.

Es riecht, wie es früher in Kneipen eben roch: nach kaltem Zigarettenrauch. In jeder Ecke, in jedem Möbelstück stecken Erinnerungen. »Manchmal wurden einfach die Lampen hoch gehängt, die Stühle zur Seite gestellt und es wurde getanzt«, blickt Sandra Klocke wehmütig in den Schankraum. Ebenso wie ihre Schwester und ihr Bruder ist sie in und mit der Kneipe aufgewachsen, sie bestimmte das Familienleben. »Als Kinder haben wir Aschenbecher und Gläser von den Tischen abgeräumt, später haben wir bedient«, erinnert sich Anja Rittmeister an die Aufgabenverteilung im Familienbetrieb: »Papa hat gezapft, wir sind gelaufen.«

Rote Erdnüsse für zehn Pfennig

Früher gab es noch den Frühschoppen nach der Sonntagsmesse, und die Männer brachten die Kinder mit. Auch die roten Erdnüsse aus der dicken Plastikkugel, die man für zehn Pfennig bekam und im geknickten Bierdeckel auffing, sind noch ganz präsent. Jahrzehntelang zapfte vor allem Margret Rittmeister das Bier und schenkte die Schnäpse aus. Die Wirtin, die die Thüler Kneipe mit ihrem Ehemann Franz-Josef Rittmeister (71) geführt hatte, starb im vergangenen Jahr im Alter von 68 Jahren sechs Tage vor dem 100. Geburtstag der Kneipe.

Auf einem Regal stehen Pokale, darüber hängt ein Fanschal: Der BVB-Fanclub wird sich ein neues Zuhause suchen müssen. Auch die Schützen können hier nicht mehr die Marschwege planen. Die Jahreshauptversammlungen, die Kommunionfeiern und der Beerdigungskaffee werden woanders stattfinden müssen. Ob sich die Stammtische weitertreffen können, bleibt fraglich. Die Fußballer werden hier keine Siege mehr feiern, und es fällt auch kein einziger Cent mehr ins Sparfach. »Schlimm ist das. Besonders für die Älteren im Dorf«, schüttelt Hildegard Böhm den Kopf. Sie war Margret Rittmeisters beste Freundin, hat 35 Jahre alles gemacht, was im Kneipenbetrieb so anfiel, gehörte zur Familie.

Dorfkneipen fehlen die Gäste

»Wir hätten eine neue Konzession gebraucht. Damit verbunden gewesen wären einige Auflagen und Investitionen«, erklärt Sandra Klocke, warum es nicht weitergeht. Außerdem spiele sich in den Dörfern inzwischen viel in Vereinsheimen ab, den Dorfkneipen fehlten die Gäste. Die Frühschoppen und das klassische Feierabendbier gibt es nicht mehr. Neugierig machen eine Handvoll Urkunden an der Wand. »So mancher wollte in die ›Hall of Fame‹«, sagt Florian Rittmeister. Die blaue Urkunde wurde denjenigen Standhaften verliehen, auf deren Deckel an einem Abend 50 Euro nur für Getränke standen – die sie aber auch bei sich behalten mussten.

Trotz aller Melancholie hat so kurz vor dem letzten Bier aber auch Freude einen Platz in den Gedanken der Geschwister. Nämlich dann, wenn sie sich an die vielen schönen und lustigen Dinge der Kneipengeschichte erinnern. »Man hat als Wirt ja auch eine Sorgfaltspflicht«, scherzt Florian Rittmeister, der schon mal einen allzu angetrunkenen Gast mit der Schubkarre nach Hause chauffiert hat. Gern erinnert er sich an den Abend, als der Spielmannszug und der Musikverein mit Pauken und Trompeten bei Rittmeisters Einzug hielten. Sie kamen von einer Feier und hatten noch nicht genug. Unvergessen sind die Abende, wenn die Thüler Volkstänzer zur Jugendfestwoche Gäste hatten und es im Saal international wurde. »Das war wunderbar«, sagt Florian Rittmeister. Wenn zwischendurch der Hunger kam, gab es Koteletts oder Frikadellen auf die Hand – und natürlich die legendären halben Hähnchen mit dem Prädikat »Rittmeisters Gockel, haut Dich vom Sockel«. Außerdem waren ja morgens um 3 Uhr die Käsestangen beim benachbarten Bäcker Schrewe schon gebacken.

Erster Fernseher im Dorf für die Fußball-WM 1954

Zur Fußball-WM 1954 hatten Rittmeisters den ersten Fernseher im Dorf. Auch ein Telefon gab es zuerst bei Rittmeisters. Die Wirte waren oft Kummerkasten, hörten ihren Gästen zu und hatten einen Ratschlag bei großen und kleinen Problemen parat. »Alles, was ihr in der Kneipe hört, wird nicht im Dorf erzählt – das hat Oma uns schon früh eingeschärft«, erzählt die 17-jährige Enkelin Mia, die sich ebenfalls noch nicht daran gewöhnen kann, dass die Gaststätte schließt. Große Politik kam hier ebenso auf den Tisch wie die Neuigkeiten aus dem Dorf. »Jeder glaubte der erste mit der Nachricht zu sein, und je später der Abend, desto mehr kam dazu«, lacht Anja Rittmeister.

Auf Florian Rittmeisters Töchterchen Amelie (8) wartet wohl viel Trostarbeit in den nächsten Tagen. Doch zunächst einmal freut sich der 38-Jährige auf ein schönes Abschiedsfest am Freitag. Er wird an diesem Abend nicht hinterm Tresen stehen, will viele Leute treffen und mit jedem ein Bier trinken. Drei Kneipengänger sollten ein paar Euro im Portemonnaie haben. Denn hinter der Theke in der Zigarrenkiste liegen noch drei Deckel, die nicht bezahlt sind…

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