77-Jähriger lässt sich von Internetbetrügern nicht einschüchtern
Warten auf den Gerichtsvollzieher

Salzkotten (WB). Henning Rauert (77) hatte sich schon einen Plan zurecht gelegt. Sollte es an der Haustür klingeln, wollte er nicht öffnen, aber nachsehen, ob dort tatsächlich der »Gerichtsvollzieher« steht. Seine Frau sollte gleichzeitig im Hintergrund die 110 wählen. Doch alles blieb ruhig zum angedrohten Pfändungstermin.

Freitag, 27.07.2018, 12:00 Uhr
Henning Rauert wartet auf den Gerichtsvollzieher. Angeblich habe er unerlaubt einen Film im Internet heruntergeladen. Foto:
Henning Rauert wartet auf den Gerichtsvollzieher. Angeblich habe er unerlaubt einen Film im Internet heruntergeladen.

Henning Rauert ist Architekt im Ruhestand und weiterhin als Bausachverständiger tätig. Vor vier Wochen bekam er plötzlich per E-Mail eine Zahlungsaufforderung über rund 525 Euro. »Angeblich hatte ich Urheberrechte verletzt und mir im Internet einen Film heruntergeladen, was ich nicht gedurft hätte«, berichtet der 77-jährige Salzkottener, »das ist natürlich Quatsch.« Angeblich hatte die Firma 20th Century Fox den »Deutschen Anwaltverein Limited« mit Sitz in Suffolk mit der Wahrnehmung seiner Rechte beauftragt. Über die IP Adresse Rauerts sei auf der illegalen Streaming Plattform Kinox.to eine Urheberrechtsverletzung begangen worden.

»Zahlungsaufforderung unseriös«

Rauert ignorierte das Schreiben, holte sich aber dennoch Rat bei seinem Rechtsanwalt. »Der teilte mir mit, dass die Zahlungsaufforderung unseriös sei und ich nichts unternehmen müsse«, so Rauert. Doch die nächsten beiden Schreiben ließen nicht lange auf sich warten. Der Ton wurde rauer. Die »Kredit Haus AG« kündigte einen Pfändungstermin mit Datum und konkreter Uhrzeit an. In einem Mahnverfahren sei ein Vollstreckungstitel beim zuständigen Amtsgericht erwirkt worden. Ein Gerichtsvollzieher werde ihn besuchen, um Wertgegenstände zu pfänden. Gleichzeitig sei ein richterlicher Durchsuchungsbeschluss erwirkt worden. »Sollten Sie am genannten Termin unentschuldigt nicht anwesend sein, wird ein Schlüsseldienst hinzugezogen. Die Mehrkosten müssen wir Ihnen zusätzlich in Rechnung stellen. Sollten Sie Widerstand leisten, wird der Gerichtsvollzieher die Polizei hinzuziehen«, heißt es in dem Schreiben. Als Zahlungsempfänger wird die Kredit Haus AG mit Sitz im englischen Manchester angegeben. »Durch meine berufliche Tätigkeit als Bausachverständiger kennen ich mich ein wenig aus und weiß, dass ohne einen mir vorliegenden Titel und einen Durchsuchungsbeschluss niemand bei mir pfänden kann. Und beides ist mir nicht zugegangen«, sagt Henning Rauert. Entsprechend hat er auch diese Aufforderung ignoriert, und in der Tat ließ sich zum angekündigten Termin auch niemand blicken.

Mitteilung per Post unerlässlich

»Kommen solche Abmahnungen nur per E-Mail, sollte man auf jeden Fall schon einmal stutzig werden«, sagt Rechtsanwalt Steffen Smy aus Salzkotten, »zudem fehlte in diesem Fall eine Unterlassungserklärung samt Verpflichtung zur Übernahme der Anwaltskosten.« Wäre tatsächlich ein Titel gegen Henning Rauert erwirkt worden, hätte er dazu eine Mitteilung per Post vom Gericht bekommen müssen. »Manchmal hilft es schon bestimmte Namen in einer Suchmaschine im Internet einzugeben, um herauszufinden, ob es sich um einen Betrug handelt«, rät der Salzkottener Anwalt. Erhalte man schriftlich eine Abmahnung, solle man sich auch Gedanken machen, ob tastsächlich ein Rechtsverstoß vorliegen könnte und gegebenenfalls einen Anwalt hinzuziehen.

Henning Rauert möchte aufmerksam machen auf derartige kriminelle Machenschaften. »Ich vermute, dass solche Schreiben zigfach gezielt an ältere Menschen verschickt werden. Fünf von zehn zahlen vielleicht, weil sie verängstigt sind«, warnt Henning Rauert. Er glaubt, dass er durch seine eigene Internetseite in die Fänge krimineller Machenschaften geraten ist.

Bisher noch nicht Anzeige erstattet

Der 77-Jährige ist bei der Verbraucherzentrale und bei der Polizei vorstellig geworden. Anzeige hat er bisher nicht erstattet. Auch hat er die im Schreiben angegebene Telefonnummer nicht angerufen. »Ich vermute, das ist eine Abzocknummer«, sagt der Salzkottener, der mehr als 30 Jahre in Starnberg ein Architekturbüro leitete. Nachdem auch der zweite Pfändungstermin ereignislos verstrichen ist, hat er erneut elektronische Post mit einem neuen Termin bekommen. Angst, dass die Kriminellen irgendwann bei ihm vor der Tür stehen, hat er nicht, fühlt sich aber belästigt. »Mal sehen, wenn weitere Schreiben eintreffen, werde ich vielleicht doch noch Anzeige erstatten«, sagt Henning Rauert. Geantwortet hat er auf die aktuelle Zahlungsaufforderung dann aber doch: »Mit drei Worten: ha, ha, ha.«

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