Menschenrechtsaktivist Peter Steudtner unterstützt neuen Verein in Scharmede
Mehr als ein Tier aus Papier

Scharmede(WV). Auf dem Vauß-Hof in Scharmede hat sich ein neuer Verein gleichen Namens gegründet. Peter Steudtner, langjähriger Freund der Hofgemeinschaft, unterstützte am Wochenende gemeinsam mit dem Künstler Mika Springwald während einer Kunstaktion für Frieden und Menschenrechte gerne die Arbeit des Vereins.

Mittwoch, 24.10.2018, 16:50 Uhr aktualisiert: 24.10.2018, 16:52 Uhr
Peter Steudtner (links) half beim Projekt des Künstlers Mika Springwald und unterstützte dabei die Arbeit des neuen Vereins Vauß-Hof. Die gefalteten Kraniche ergänzen die von Springwald auf eine Tafel gesprayten Tiere und fliegen schließlich in die Freiheit. Foto: Neesen
Peter Steudtner (links) half beim Projekt des Künstlers Mika Springwald und unterstützte dabei die Arbeit des neuen Vereins Vauß-Hof. Die gefalteten Kraniche ergänzen die von Springwald auf eine Tafel gesprayten Tiere und fliegen schließlich in die Freiheit. Foto: Neesen

Steudtner und der Sozialpädagoge Mika Springwald sind an ihrem Stand beim Apfelfest in eine Arbeit vertieft, die in Männerhänden bisweilen etwas komisch wirkt. Sie falten in der japanischen Origamitechnik Kraniche für ein ausdrucksstarkes Kunstwerk, das hinter ihnen Gestalt annimmt und Symbol für Menschenrechte und Freiheit ist.

Derweil kommt Steudtner mit den Besuchern des Apfelfestes ins Gespräch. Gar nicht mehr komisch klingt es, wenn der Berliner Diplompolitologe und Filmemacher erzählt, wie er zum Origami kam. »Ich wollte meiner Tochter irgendein Zeichen schicken, das sie auch in den Händen halten kann«, sagt Steudtner. Gänsehaut kommt auf. Denn dieses Zeichen wollte der Menschenrechtsaktivist aus seiner Gefängniszelle in der Türkei dem vierjährigen Mädchen senden. Steudtner war im Sommer 2017 während eines Workshops im Ascot-Hotel auf der Istanbuler Prinzeninsel Büyükada festgenommen und inhaftiert worden. Insgesamt verbrachte er 113 Tage unschuldig in türkischer Haft. Sein Fall wurde zum Politikum zwischen Deutschland und der Türkei.

Mir war klar, dass sie mich nicht lebenslang einsperren würden, aber ich musste auch mit zehn bis 15 Jahren Haft rechnen

Peter Steudtner

Im unterirdischen Antiterrorgewahrsam wusste der 46-Jährige nicht, ob er seine Kinder würde aufwachsen sehen oder ob er seine Eltern noch einmal treffen würde. »Mir war klar, dass sie mich nicht lebenslang einsperren würden, aber ich musste auch mit zehn bis 15 Jahren Haft rechnen«, so der inzwischen mit dem Quäker-Friedenspreis ausgezeichnete Menschenrechtler. »Unsere Arbeit ist nicht ohne Risiko. Man hat eine gewisse Grundhaltung gegenüber der Gefahr einer Inhaftierung. Darauf gefasst waren wir aber nicht«, sagt Steudtner rückblickend.

Im Verlauf seiner Haft durfte der Menschenrechtler irgendwann Bücher lesen. Er bat die Mitarbeiter des Konsulats um Material über Waldorfpädagogik, Filmschnitt und Origami, ohne zu wissen, ob insbesondere das Origamibuch die Kontrollen passieren würde. »Im Gefängnis kann man nichts machen, was auch zu einem sichtbaren Ergebnis führt«, begründet Steudtner seine Wahl. Erfahrungen mit Origami hatte er bis dato nicht. »Ich konnte noch nicht einmal ein einfaches Boot falten«, sagt der Berliner. Er bekam das Buch und wollte seiner Tochter einen Kranich schicken: das Symbol des Friedens.

Die Ungewissheit war eine furchtbare Erfahrung, aber ich habe auch unglaubliche Solidarität erfahren

Peter Steudtner

Doch das Buch war nicht für Anfänger, sondern Origami-Spezialisten gedacht. Eine Anleitung zum Falten eines Kranichs gab es darin nicht. Dennoch wurde die Papierkunst für Steudtner und seine Mitgefangenen zu einer ihrer Überlebensstrategien. »Wenn man sich zum ersten Mal zum Falten hinsetzt, hat man keine Chance, an etwas anderes zu denken«, beschreibt Steudtner, was ihn in türkischer Gefangenschaft unter anderem abgelenkt und Kraft gegeben hat. Weil es keine Kraniche gab, wurde der Elefant zum wichtigen Tier für die Gefangenen. »Er steht für Dickhäutigkeit und gleichzeitig für ein empathisches Verhalten«, sagt Steudtner. Bald füllten ungezählte Papiertiere die Gefängniszellen.

Die Ungewissheit sei eine furchtbare Erfahrung gewesen, berichtet der Ex-Gefangene auf seine ruhige und besonnene Art. »Ich habe aber auch Menschlichkeit und unglaubliche Solidarität innerhalb der Gefängnismauern und von außen erfahren«, blickt er darauf zurück, wie sich die Gefangenen gegenseitig gestützt haben, »in Gefangenschaft geht es nicht darum, an die nächsten zehn Jahre zu denken, sondern: Wie schaffe ich den nächsten Tag? Deshalb muss man kleine Dinge wie ein Fest feiern.«

Um auch für seinen Körper etwas zu tun, hatte sich Steudtner vorgenommen, im nur 35 Quadratmeter großen Gefängnishof einen Marathon zu laufen. Nach drei Stunden auf der nur 15 Meter langen Runde musste er nach immerhin 22,5 Kilometern aufgeben. »Aber man kann auch im Knast einen Marathon laufen«, sagt Steudtner.

Der Fall Peter Steudtner

Peter Steudtner wurde 1971 in Berlin geboren. Er hat Politologie studiert und ist unter anderem Trainer für gewaltfreie Konfliktbearbeitung. Am 5. Juli 2017 wurde er zusammen mit neun weiteren Personen während eines Workshops zu den Themen IT-Sicherheit und Umgang mit Stress und Trauma von der türkischen Polizei festgenommen.

Steudtner war der zehnte deutsche Staatsbürger, der nach dem Putschversuch in der Türkei verhaftet wurde. Dem Berliner wurde vorgeworfen, eine bewaffnete Terrororganisation unterstützt zu haben. Der Prozess begann am 25. Oktober 2017.

Der Fall hatte weltweit für Aufsehen gesorgt, wobei die ungerechtfertigte Verhaftung heftig kritisiert wurde. Steudtners Freilassung wird unter anderem auf vertrauliche Gespräche zwischen Altkanzler Gerhard Schröder mit dem türkischen Präsidenten sowie Geheimverhandlungen des Kanzleramtschefs Peter Altmaier zurückgeführt.

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Die Zeit im türkischen Gefängnis hat Peter Steudtner nicht gebrochen, doch sein Leben verändert. »Ich kann nicht mehr reisen wie ich möchte und auch bestimmte Organisationen kann ich nicht mehr unterstützen«, erklärt der Menschenrechtler. Da seine Verhaftung großes öffentliches und politisches Aufsehen erregt hatte, wird der Berliner nun oft im Alltag erkannt. »Beim Einkaufen hat mich einmal ein mir fremder Mann angeschaut und gesagt: Ich habe auch für Sie gebetet. Da ist man erst mal sprachlos«, sagt Steudtner. Steudtner ist während der Inhaftierung nicht gefoltert worden. »Ich habe die Haft zwar nicht unbeschadet, aber ganz gut überstanden«, so der 46-Jährige, »meine Sehkraft hat sich verschlechtert. Denn im Gefängnis gibt es keine Unendlichkeit zum Scharfstellen.« Und sein Gehör sei sensibler geworden, denn »im Gefängnis kündigt sich jede Veränderung durch Geräusche an, deshalb bin ich auch heute noch unglaublich aufmerksam«. Die Haft habe ihn von der Türkei abschrecken sollen, glaubt der Menschrechtsaktivist. Doch das Gegenteil habe sie bewirkt.

Gegen den Berliner liegt derzeit kein Haftbefehl vor. Dennoch denkt er jeden Tag an die Menschenrechtsaktivisten, die in der Türkei und anderswo weiterhin unschuldig im Gefängnis sitzen. Sein Prozess wird am 7. November fortgesetzt.Der neue Verein Vauß-Hof soll künftig den Betriebszweig der Veranstaltungen und der Bildungsarbeit bündeln. »Außerdem wollen wir noch weitere Angebote in den Bereichen Ökologie, Frieden und Gerechtigkeit, Globales Lernen, Kunst und Kultur sowie Soziale Landwirtschaft machen«, sagt die Diplomtheologin und Erlebnispädagogin Anja Pötting, deren Familie den Hof betreibt. Diese Arbeit unterstützt Peter Steudtner gern. »Marius Pötting kenne ich schon sehr lange. Der Vauß-Hof steht für mich für Frieden, Gerechtigkeit und Wahrung der Schöpfung«, sagt Steudtner und hält inzwischen einen fertigen Kranich in der Hand. Dieser gesellt sich zu den übrigen Papiertieren im Kunstwerk. Sie erheben sich aus einem gesprühten Zaun aus Stacheldraht in die Freiheit.

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