Sa., 23.02.2019

Bernhard Lendermann kämpft sich mit Hilfe seiner Frau ins Leben zurück – Klage eingereicht Nach Ballonfahrt gelähmt

Prof. Dr. Bernhard Lendermann aus Salzkotten verbringt seine Tage ausschließlich im Rollstuhl.

Prof. Dr. Bernhard Lendermann aus Salzkotten verbringt seine Tage ausschließlich im Rollstuhl. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Salzkotten (WB). Die Ballonfahrt hatte Bernhard Lendermann aus Salzkotten zum 75. Geburtstag von seiner Familie geschenkt bekommen. Sie sollte sein Leben für immer verändern. »Ich sitze seitdem im Rollstuhl. Ohne die Hilfe meiner Frau wäre mein Leben nicht mehr vorstellbar.«

Prof. Dr. Lendermann (78), der bis zur Pensionierung einen Lehrstuhl für Chemie an der Universität Paderborn hatte, hat das Bielefelder Ballonfahrtunternehmen und den Piloten auf eine Million Euro verklagt. Sein Rechtsanwalt Marc Melzer: »Die Ballonfahrt war schlecht geplant.«

Es passierte am 1. August 2015. Der Ballon hob gegen 19.30 Uhr mit fünf Passagieren vom Flugplatz Paderborn-Haxterberg ab. Weil der Wind nach Süden blies, ging die Fahrt über bewaldetes Gebiet mit vielen Hochspannungsleitungen. »Es gab kaum Landeplätze, die vor Sonnenuntergang erreicht werden konnten«, sagt Marc Melzer, Fachanwalt für Medizin- und Versicherungsrecht.

Prof. Lendermann erinnert sich an mehrere Landeversuche: »Beim ersten Mal haben wir einen Hochsitz gerammt, beim zweiten Mal wären wir fast auf einer Bullenwiese gelandet.« Beim letzten Versuch sei es dann, so sagt der Anwalt, fast senkrecht nach unten gegangen. »Die Sinkrate war enorm, und der Ballon schlug auf dem Boden auf.« Der Korb kippte um und wurde von der Hülle mitgeschleift, aber an all das hat der Salzkottener keine Erinnerung mehr. »Ich weiß nur noch, dass ich im Korb lag und ein Gefühl hatte, das ich nicht kannte. Es war ein Knirschen und Knacken. Ich rang nach Luft, und ich konnte mich nicht mehr bewegen.«

Weil Bernhard Lendermann den Kopf zum Trinken nicht nach hinten bewegen kann, hilft seine Frau Annelies mit einem Strohhalm. Foto: Christian Althoff

Die Polizei versäumte es, den Ballon sicherzustellen, so dass er nicht auf etwaige Defekte untersucht werden konnte. Der Schwerverletzte wurde erst nach Lünen und von dort nach Bochum in die Klinik Bergmannsheil geflogen. Es stellte sich heraus, dass seine Wirbelsäule am vierten Wirbel abgerissen war. Um weitere Schäden zu verhindern, wurde der Bruch mit einer Titanstange geschient. Bernhard Lendermann: »Meine Arme und Beine waren gelähmt. Ich wurde künstlich ernährt. Ich konnte nicht sprechen, und meine Luftnot war so unerträglich, dass ich sterben wollte. Ich musste um jeden Atemzug kämpfen.«

Im November 2015 wurde Lendermann in die Reha entlassen, die bis April 2016 dauerte. »Meine Annelies war die ganze Zeit bei mir. Ohne sie hätte ich das nicht überstanden«, sagt der 78-Jährige.

Handy mit dem Sprachassistenten bedienen

Langsam gewann der Chemiker seine Sprache zurück, und mit Ergotherapie, Physiotherapie und eisernem Willen schaffte er es, dass er heute seine Fäuste benutzen kann, um Knöpfe und Hebel seines Elektrorollstuhls zu bedienen. »Ich kann alleine durch die Wohnung fahren und mit Hilfe eines Sprachassistenten mein Handy bedienen.« Das Ehepaar hat in den vergangenen Jahren das Haus umgebaut. Es gibt einen richtigen Fahrstuhl, um zwischen den Etagen zu wechseln, und Lifter, um Bernhard Lendermann aus dem Bett in den Rollstuhl zu hieven, was nicht einfach ist. »Ich habe nach dem Unfall zugenommen und wiege jetzt 105 Kilogramm.«

Weder die technischen Hilfen noch die Pflegekraft der Caritas, die Bernhard Lendermann zur Seite steht, reichen, um den Alltag zu meistern. Annelies Lendermann muss mit ihren 70 Jahren mit anfassen, wenn die Pflegerin ihren Mann im Bett umlagern möchte oder andere schwere Arbeiten zu erledigen sind. Bernhard Lendermann: »Ich frage mich oft: Wer von uns beiden ist stärker betroffen? Meine Frau ist auch aus ihrem Leben gerissen worden. Sie ist auch ein Opfer des Unfalls. Wie gerne würde ich ihr helfen, aber das geht ja nicht.«

Rechtsanwalt fordert für ihn 300.000 Euro Schmerzensgeld

Annelies Lendermann scheint so etwas nicht gerne zu hören. Sie reicht ihrem Mann ein Glas mit einem Strohhalm an den Mund und lächelt. »Ich mache das doch gerne.« Bei allem Elend sind die beiden fröhlich geblieben. »Ich bin ein positiver Mensch. Alles andere hat doch keinen Zweck«, sagt der 78-Jährige.

Rechtsanwalt Melzer fordert für ihn 300.000 Euro Schmerzensgeld, 275.000 Euro für den Umbau des Hauses sowie bereits bezahlte Arzt- und Pflegerechnungen und die Übernahme aller künftigen Kosten. »Bisher weigert sich die Haftpflichtversicherung«, sagt Marc Melzer. Deshalb wird das Landgericht Arnsberg den Fall im Juni verhandeln.

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